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Optimistisch nach der Pechsaison

Laupner Rennfahrer

Optimistisch nach der Pechsaison

Der Laupner Rennfahrer Mauro Calamia hat eine Saison zum Vergessen hinter sich. Seine Geschichte ist die eines Unerschütterlichen, der trotz der vielen Unsicherheiten in seinem Sport optimistisch in die Zukunft schaut.

Christian
Zürcher
Dienstag, 14. November 2017, 18:56 Uhr Laupner Rennfahrer
Arbeit, um den Traum zu leben: Mauro Calamia im Familienbetrieb. (Bilder: Christian Merz)

Der ehemalige englische Fussball-Nationalgoalie David James ging nicht als Grosser seiner Zunft in die Geschichte ein. Nach zahlreichen, zum Teil haarsträubenden Flops verpasste ihm die Boulevardpresse bald den wenig schmeichelhaften Übernamen «Calamity James», übersetzt etwa «Katastrophen-James».

Wie es ist, wenn einem das Pech nicht an den Schuhen, sondern an den Reifen klebt, musste Mauro Calamia in den letzten Monaten, ja eigentlich Jahren, erfahren. Den Laupner Motorsportler deshalb als «Calamity Calamia» zu betiteln, wäre wegen des Wortspiels natürlich reizvoll und vielleicht auch nicht ganz unbegründet – doch muss dabei auch in aller Deutlichkeit angemerkt werden, dass der 25-Jährige an der Entwicklung weitgehend schuldlos war.

«Dieses Jahr war das schlimmste», schaut Calamia auf die letzte Saison zurück, die im Oktober zu Ende ging. Mit seinem italienischen Team Solaris Motorsport wollte er sich in der International GT Open Serie beweisen. Die Voraussetzungen schienen perfekt: Mit seinem ebenbürtigen italienischen Teamkollegen Francesco Sini teilte er sich das Cockpit in einem Aston Martin Vantage GT3. Das Auto der höchsten Tourenwagenkategorie war im Jahr zuvor mit drei Podestplätzen mehr als konkurrenzfähig gewesen, ausserdem war Solaris die exklusive Unterstützung des Aston-Martin-Werks in England sicher. Ein entscheidender Vorteil, wie Calamia hoffte – doch der Wille zur Zusammenarbeit erwies sich schon bei den ersten Schwierigkeiten als blosses Lippenbekenntnis.

Lippenbekenntnisse statt Unterstützung

Die beiden Fahrer nämlich mussten schnell merken, dass im Hinblick auf die neue Saison die Weiterentwicklung des Autos zu kurz gekommen war. Die ersten beiden Rennen im portugiesischen Estoril konnten sie immerhin beenden. Doch danach gab es kein Rennwochenende mehr ohne Pannen. «Der Aston Martin ist jetzt schon vier- oder fünfjährig und sie haben nichts mehr daran gemacht, weil sie schon wieder an einem neuen Auto arbeiten, das in zwei Jahren kommt. Dass unser Projekt dabei aussen vor bleiben würde, wusste ich im Vorfeld aber nicht», sagt Calamia und berichtet von erfolglosen Besuchen beim Werk im englischen Gaydon, die schliesslich in gegenseitigen Schuldzuweisungen endeten. Auch mit einer neuen Aufhängung waren die technischen Mängel am Auto nicht behoben. Das Ergebnis: In Budapest, Monza und Barcelona trat Solaris gar nicht erst an und versäumte damit fast die Hälfte aller Rennen. «Ich hatte mich ganz anders darauf eingestellt. Ich dachte, es werde eine Topsaison.»

Calamia nimmt sich Zeit, die Geschehnisse Revue passieren zu lassen. Momentan kommt er ohne Rennstress aus. Im familieneigenen Carrosserie-Unternehmen, das er dereinst selbst führen will, arbeitet er, wie sonst auch, als Autolackierer und -spengler. Vater Liborio, der selbst auch Rennen bestritt, zeigt für das zeitaufwändige und kostspielige Hobby zwar Verständnis, erwartet aber auch, dass sein Sohn am Arbeitsplatz Verantwortung übernimmt. Für die Rennen gibt es keinen Spezialurlaub, regelmässig opfert Calamia seine Ferientage, um seiner grossen Leidenschaft nachgehen zu können.

Die Allgegenwart des lieben Geldes

Ist der Autorennsport vom Geld verdorben? Die Antwort kommt schnell und nüchtern. «Ja. Vieles dreht sich nur ums Geld. Wieso engagieren sich die grossen Automarken im Rennsport? Nur zu Werbezwecken. Und dort geht es um richtig hohe Beträge», sagt Calamia. Trotz seines noch jungen Alters ist er schon seit Jahren Teil des Zirkus, fährt Autos mit klangvollen Namen. Neben Aston Martin waren es in der Vergangenheit etwa Lamborghini und Maserati.

Die Allgegenwart des lieben Geldes trübt das schöne Gefühl, dass sich Calamia seinen eigenen und den Traum vieler Buben erfüllt hat. Eigentlich permanent ist er dabei, sein Sponsorenportfolio zu erweitern oder Ersatz zu finden, sollte einer seiner treuen Unterstützer aus der Region einmal den Geldhahn zudrehen, und sei es nur vorübergehend.

Zu Beginn des Jahres verpasste der Laupner die Chance, bei Ferrari in die Blancpain-Langstreckenserie einzusteigen, weil ein anderer Fahrer ihn schlichtweg überbot. Sollte er einen der ihm anvertrauten Boliden zu Schrott fahren, müsste er für einen fünfstelligen Teil der Schadenssumme selbst aufkommen. Und momentan ist er mit dem Auftreiben der 80’000 bis 100’000 Franken beschäftigt, die er für die kommende Saison braucht.

Geld, Technik, das richtige Team, Vertrauen, äussere Umstände – neben dem Talent gibt es viele Faktoren, die den Erfolg eines Autorennfahrers bestimmen. Calamia weiss das. Er gibt unumwunden zu, dass er seit dem Weltmeistertitel bei der Trofeo Maserati vor drei Jahren mehr als einmal frustriert war. Dennoch sträubt er sich vehement dagegen, in Melancholie oder gar Selbstmitleid zu verfallen, sondern sieht die Erfahrungen vielmehr als Lebensschule. «Ich will keine Sekunde mehr an die letzte Saison denken. Denn wenn das Auto funktioniert, kann ich vorne mitfahren.»

Herausforderung Langstrecke

Dass er sich auf den Strecken eigentlich gut auskennt und mit seiner intelligenten Fahrweise punkten kann, zeigten ihm nicht zuletzt verschiedene Experimente mit 12- und 24-Stunden-Rennen, wo er in den letzten zwei Jahren jeweils mit Roberto Pampanini und Christoph Lenz zusammenspannte. Die beiden haben ihn für 2018 ins Grasser Racing Team geholt. Zusammen werden sie in einem Lamborghini Huracán die Langstreckenserie Hankook 24 Hours Series bestreiten. Stationen sind abseits der Europameisterschaft auch Texas und Dubai. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wird bereits Mitte Januar eine erste Standortbestimmung vorgenommen.

Die Vorfreude ist Calamia, der von seinen Teamkollegen grosszügige finanzielle Unterstützung erhält, anzumerken. «Es wird eine gewaltige Herausforderung. Aber ich bin vollkommen überzeugt, dass diese Leute wissen, was sie mit dem Auto machen müssen. Dass es schnell ist, sieht man ausserdem in allen Serien.» Weil Grasser Racing zu den stärksten Lamborghini-Teams in Europa gehört, gilt der Hauptfokus der Kontinentalmeisterschaft. Unabhängig vom Erfolg dürfte eines jedoch ohnehin sicher sein: Calamia wird in der neuen Saison mehr zum Fahren kommen als 2017.

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