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Eine Tankstelle spaltet das Dorf

Der Gemeinderat will an der kommenden Gemeindeversammlung die bauliche Zukunft Seegräbens festlegen. Die Debatte dreht sich aber um einen einzelnen Passus: Ob eine Tankstelle auf das Hiag-Areal kommen soll.

David
Kilchör
Dienstag, 05. Dezember 2017, 07:20 Uhr
So sieht die geplante Arealüberbauung der Hiag aus: Rot ist die umstrittene geplante Landi-Tankstelle, wo heute das einstige «Alcatraz» steht. (Grafik: Reto Grendene)

Ginge es nach Seegräbens Gemeindepräsident Marco Pezzatti (FDP), wäre es nie so weit gekommen. Die Revision der Bau- und Zonenordnung, die am 7. Dezember vor die Gemeindeversammlung kommt, soll den Rahmen für die Gemeindeentwicklung vorgeben – und nicht nur für ein einzelnes Bauprojekt, namentlich jenes der Hiag im Aatal. Nun dreht sich die Diskussion zu Pezzattis Leidwesen dennoch fast ausschliesslich um dieses Projekt. Noch spezifischer: Um eine Tankstelle, die der Gemeinderat mit einem Passus verhindern will.

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Der Hintergrund: Die Arealentwicklerin Hiag plant eine Grossüberbauung auf dem Bahnhofsareal und dem Spinnereiparkplatz inklusive Ex-«Alcatraz (wir berichteten). Auf der Parzelle des «Alcatraz’» (rot auf der Karte) will die Hiag eine Tankstelle inklusive Ladestation für Elektroautos und Shop bauen. Der Gemeinderat schlägt eine Aufzonung von der Industrie- zur Mischzone für Wohnen und Industrie, inklusive Gestaltungsplanpflicht für den vollen Perimeter vor. Im Gegenzug will er Nutzungen wie Tankstellen oder Erotiksalons ausschliessen. 

Hochwertig oder nicht?

Erotiksalons will ohnehin niemand an jener Stelle, auch die Arealentwicklerin Hiag nicht. Für rote Köpfe sorgt jedoch die Frage, ob die Tankstelle mit Shop ein Mehrwert fürs Dorf oder eher eine Art Schandfleck auf dem Areal wäre, was der Gemeinderat befürchtet. Oder gar für massiven Mehrverkehr sorgen würde, wie ein Teil der Bevölkerung argwöhnt (siehe Box).

«Die Post plant keine Veränderung beim Angebot.»
Markus Flückiger, Mediensprecher der Post

Für den Gemeinderat geht es darum, wie die letzten knappen Baulandreserven der Gemeinde die nächsten 10 bis 15 Jahre genutzt werden. Er will, dass sich das Aatal «mit seinen kulturhistorischen Perlen und einer ansprechenden Mischnutzung von anderen Gebieten in der Agglomeration Wetzikon-Uster abhebt», so Pezzatti. 

«Er wirkt willkürlich»

Für die Arealüberbauerin Hiag ist der Tankstellenpassus ein Ärgernis. «Zwar keines, das das Zünglein an der Waage spielt, um unser Projekt zu realisieren. Aber für uns wirkt der Passus willkürlich», sagt Thorsten Eberle von der Hiag. «Auf dem Ottos-Parkplatz oder auf dem Areal des Autodiscounts könnten wir trotzdem eine Tankstelle bauen. Weshalb will man sie also da verhindern, wo sie am meisten Sinn machen würde?» 
Gemeindepräsident Pezzatti erwidert: «Weil wir mit der Aufzonung an dieser Stelle auch Wohnmöglichkeiten schaffen würden.» Pezzatti sieht nicht ein, weshalb die Parzelle aufgezont werden soll, wenn sie dann doch nur als Industrieland genutzt würde. «Das wäre praktisch das letzte Wohnbauland auf unserem Gemeindegebiet. Wir haben aus Sicht der langfristigen Gemeindeentwicklung ein Interesse daran, dass es auch entsprechend genutzt wird.» 

Eine Wohnnutzung schliesst die Hiag nicht aus. Doch Thorsten Eberle sagt, dass dies der unattraktivste Ort zum Wohnen im Aatal sei. Wohnungen seien zunächst auf der Talwies (braun auf der Karte) und mittelfristig auf dem Lager 88 (beige auf der Karte) über dem Bahntunnel geplant. Dies über einen grösseren Zeithorizont verteilt. «Das würde bedeuten, dass die Brache Alcatraz noch Jahre Bestand hätte.» Andere mögliche Nutzungen, bis auf die Tankstelle, sieht die Hiag nicht.

Bankomat und Postagentur?

Die Investorin hat nun einen Argumentationskatalog zusammengestellt, um die Tankstelle an der Gemeindeversammlung durchzubringen. «Für uns bietet sie vor allem die Möglichkeit, das brachliegende Areal mit einem Angebot aufzuwerten, das hier funktioniert», sagt Eberle. Betrieben werden sollen Tankstelle und Shop von der Landi Zola AG mit Sitz in Illnau. Sie wolle sich auch um eine Postagentur bemühen, sagt Eberle. Und er verspricht einen Geldautomaten. «Angebote, die das Leben in Seegräben aufwerten dürften und die explizit von Seegräbnern gewünscht wurden.»

Pezzatti entgegnet, der Gemeinderat kenne diese Bedürfnisse. Zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten und auch die Frage des Geldautomaten seien bei der Gemeinde pendent. Bezüglich Postagentur ist er skeptisch: «Wir haben das auch schon versucht. Es gibt hohe Anforderungen an solche Standorte», sagt er. «Ich bezweifle, dass das Ansinnen über einen Versuch hinausgeht.» Die Post äussert sich auf Anfrage denn auch negativ. Seit 13 Jahren setze sie in Seegräben auf den Hausservice. Damit seien die Seegräbner ihres Wissens zufrieden, sagt Mediensprecher Markus Flückiger. Eine Agentur würde wohl die Aufhebung des Hausservices bedeuten. Flückiger unterstreicht: «Die Post plant keine Veränderung beim Angebot in Seegräben.»

Pezzatti: «resultatoffen»

Ob die Tankstelle die Lebensqualität der Seegräbner verbessert oder verschlechtert, werden die Stimmberechtigten selber entscheiden müssen. Pezzatti sagt, er sei resultatoffen. «Die Seegräbner sollen entscheiden, ob sie lieber eine Wohnbauentwicklung oder eine Tankstelle haben wollen. Ich kann mit beidem leben.» Wichtig sei ihm, dass dabei nicht der Blick fürs Ganze verloren gehe. «Es kann nicht sein, dass sich die Debatte um eine grosse Revision der Bau- und Zonenordnung, an der der Gemeinderat monatelang gearbeitet hat, nur um einen kleinen Passus dreht. Es geht um Seegräbens bauliche Zukunft.»

Gewerbler beantragen Streichung des Passus

SVP und Gewerbeverein sehen hinter dem Verbot einer Tankstelle keinen Nutzen und wollen den Passus an der Gemeindeversammlung bekämpfen. Die FDP befürwortet ihn hingegen.

An der Seite der Hiag kämpfen sowohl die SVP als auch der Gewerbeverein für eine Tankstelle. SVP-Präsident Hans-Heinrich Heusser sagt: «Wir gehen nicht davon aus, dass durch eine Tankstelle gross Mehrverkehr entstünde oder dass sich der Verkehrsfluss ändern würde.» Der grösste Teil der Nutzer werde von der Hauptstrasse kommen und dorthin zurückgehen. «Dass plötzlich Autos durch den Sack rollen, die das nicht ohnehin getan hätten, erachten wir als unwahrscheinlich.»

Überdies sei die Partei der Ansicht, dass so ein Verbot nur dann Sinn mache, wenn es der Bevölkerung tatsächlich etwas bringe. «Was dieses Verbot den Seegräbnern bringen soll, erschliesst sich uns aber nicht.» Insofern sei das Verdikt der Partei klar: Wenn ein Antrag zur Streichung des Passus gestellt werde, empfehle die SVP die Unterstützung des Antrags. 

«Die Vorteile überwiegen»

Dieser Antrag werde aus den Reihen des Gewerbevereins kommen, wie dessen Präsident Jonas Blum ankündigt. Man habe sich schon in der Vernehmlassung für die Streichung des Passus eingesetzt und werde dies auch an der Gemeindeversammlung tun. «Unser Hauptargument ist die Gewerbefreiheit, welcher der besagte Passus unserer Meinung nach widerspricht.» Eine Tankstelle schaffe Arbeitsplätze und könne das Angebot auf dem Areal erweitern. Sie sei auch eine sinnvolle Komponente der gesamten Vision Aathal. Der Vorstand habe auch die kritischen Komponenten einer Tankstelle unter die Lupe genommen. «Unserer Einschätzung nach überwiegen die Vorteile aber deutlich.»

FDP: auch umstritten

Rückenwind erhält der Tankstellenpassus einzig von der FDP. Laut einer Mitteilung der Partei sei er aber auch in ihrer Versammlung umstritten gewesen. Ein Teil der Mitglieder habe den Mehrverkehr bezweifelt und auf den Nutzen einer Tankstelle hingewiesen. Dennoch habe sich die Mehrheit letztlich fürs Tankstellenverbot ausgesprochen.

Gemeindeversammlung Seegräben am Donnerstag, 7. Dezember, 19.30 Uhr, Turnhalle.

So viel Mehrverkehr wartet auf die Seegräbner

Dass eine Tankstelle Mehrverkehr generiert, kann Arealentwicklerin Hiag nicht ganz vom Tisch wischen. Hauptkritikpunkt dabei: die Schulwegsicherheit. Die Schulkinder aus dem Sack müssen am Hiag-Areal vorbei, um zur Schule in Seegräben zu kommen. Von den Projekten auf dem Areal betrifft insbesondere der Verkehr der Tankstelle ihre Schulwegzeiten. Damit  die Sicherheit der Schüler verbessert wird, hat die Arealplanerin einige Massnahmen vorgesehen. Eine Option sei eine Passerelle, also eine Fussgängerbrücke über die Zürichstrasse. Eine andere, die Kinder über den grossen Parkplatz vor dem Ex-«Alcatraz» so zu führen, dass sie nicht oder auf ungefährliche Weise mit der Tankstelleneinfahrt in Berührung kämen. «Wir setzen uns mit der Schulpflege und der Gemeinde im Januar zusammen, um eine gute Lösung zu finden», so die Hiag.

Zwei Prozent mehr Verkehr

Die Hiag hat auch das zusätzliche Verkehrsaufkommen erhoben, das durch die ganze Überbauung – inklusive Coop – zu erwarten wäre. Mit zwei Prozent Mehrverkehr sei auf der Kreuzung zu rechnen, sagt Thorsten Eberle. Das entspricht bei 28’000 Fahrzeugen pro Tag etwas über 500 Fahrzeugen mehr. Heute wird die Kreuzung vom Sack her und zurück von rund 640 Fahrzeugen täglich befahren. Eberle: «Die berechnete Zunahme ist vom Kanton beglaubigt und von der Grössenordnung her überschaubar. Zudem ist nur ein Teil davon auf die Tankstelle zurückzuführen.»

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