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Die mobile Physiotherapeutin

Die mobile Physiotherapeutin

Seit einem Jahr ist Esther Thür, die keine Praxis hat, als Physiotherapeutin auf Achse. Denn die Freischaffende behandelt ihre Patienten direkt in deren Zuhause.

Donnerstag, 28. Dezember 2017, 10:42 Uhr
Esther Thuer behandelt ihre Patienten bei ihnen daheim. (Bild zvg)

Während in der 80er-Jahre-Serie «Knight Rider» unterwegs ist, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, fährt eine Physiotherapeutin aus, um nicht mobile Menschen zu behandeln.

Nach über 15 Jahren im Universitätsspital Zürich ist nämlich Esther Thür seit einem Jahr als Selbstständige auf Achse. Denn Thür hat im Gegensatz zu anderen freischaffenden Physiotherapeuten kein Behandlungszimmer – sie behandelt ihre Patienten in deren Zuhause. Die Idee, eigenständig zu arbeiten, keimte bereits seit vielen Jahren.

«Das Training im abstrakten Fitnessraum lässt sich schwer auf den Alltag übertragen.»
Esther Thür, Physiotherapeutin

Reisen nach Indonesien

Seit 2009 machte Thür mit ihrem Ehegatten Patrick Thür mehrmals – einmal für mehrere Monate – Reisen nach Indonesien. Auf Sumatra machte der Ethnologe Entdeckungen für seine Forschungsarbeit – seine Frau entdeckte ebenso: nämlich neue Philosophien und Lebenswerte. «Sie leben den Moment, versuchen aus jeder Situation das Beste zu machen und stellen die Beziehungen in den Mittelpunkt», so Thür.

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz beschloss sie – obwohl sie dem Universitätsspital viel verdankte und eine Führungsausbildung machte – ihren eigenen Weg einzuschlagen. Als Freischaffende könne sie sich viel Zeit für die Patienten nehmen, um sich auf die Menschen einzulassen. «So viel ich will und ohne auf die Uhr zu schauen. Ich möchte nicht nur Physiotherapeutin sein, sondern auch Beziehungen aufbauen».

Thür behandelt in der Regel nicht mobile ältere Patienten im Zehn-Kilometer-Umkreis von Rüti. Dass die Physiotherapie daheim stattfindet, hat keine Nachteile. Die Behandlung kostet nämlich nicht mehr als in einer Praxis – lediglich eine Wegpauschale kommt hinzu, die in der Regel auch von der Krankenkasse übernommen wird. «Für mich ist höchstens der Schnee ein Nachteil für die Bewältigung der Wege», so Thür. Dafür ergeben sich bei der Arbeit mit den Patienten in ihrem Zuhause Vorteile.

«Das Training im abstrakten Fitnessraum lässt sich schwer auf den Alltag übertragen. Daheim ist nicht nur Kreativität gefragt und für mich dadurch die Arbeit spannender – die Leute merken sich auch die Übungen leichter». Ihr Ziel sei es auch, durch Prävention zu verhindern, dass die Leute in stationäre Pflegeinstitutionen aufgenommen werden müssen. Zudem unterstützt sie ihre Patienten, die Heilungsprozesse zu beschleunigen. Auch für die Spitäler sei dies nicht ungelegen, sodass sie auch von diesen Patienten zugewiesen bekommt.

«Manchmal höre ich Argumente wie, das Bein sei ohnehin kaputt.»
Esther Thür, Physiotherapeutin

Als Mensch interagieren

Auf die Frage, welche Leiden ihre Patienten hätten, zählt sie exemplarisch auf: «Knochenbrüche, Durchblutungsstörungen, Hirnschläge, Rückenweh, Kieferschmerzen oder Lungen- und Herzprobleme können Bewegungseinschränkungen auslösen.» Auch habe sie Patienten mit neurologischen Störungen oder mit Schluckproblemen. «Personen, denen das Schlucken Schwierigkeiten bereitet, leiden nicht selten an Mangelernährung. Auch Verschlucken ist gefährlich. Es kann sogar zur Lungenentzündung kommen», so Thür.

Bei der Anamnese müsse sie möglichst viele Informationen zusammentragen. Kleine Details, die die Patienten für nichtig erachten, können Teil der Ursachen sein. Auch unterschätzen die Leute, wie sehr ein paar Tipps und Tricks helfen können. «Manchmal höre ich Argumente wie, das Bein sei ohnehin kaputt», sagt Thür. Nach wenigen Behandlungen seien die Leute oft überrascht, dass es ihnen beispielsweise nach 20 Jahren Schmerzen besser gehe. Thür sagt: «Ebenso wichtig wie die Behandlung ist es aber, ihnen zuzuhören, das Positive aufzuzeigen und mit ihnen lachen zu können. Kurzum, mit ihnen nicht nur als Therapeut und Patient, sondern als Mensch zu interagieren.»

Ob sie davon leben könne, kann Thür noch nicht sagen, aber es käme auf die Ansprüche an: «Luxus ist nicht alles im Leben.» Als sie gefragt wird, ob sie während ihrer Zeit als Physiotherapeutin Rührendes erlebt habe, wird die ansonsten fröhlich wirkende Therapeutin nachdenklich: «Im Universitätsspital war ich in einer Abteilung, wo Schwerstkranke behandelt wurden. Man realisiert täglich, dass der Tod Teil des Lebens ist und einen jeden erwartet.»

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