×

«Möglich ist auch, dass Amazon in den Automarkt drängt»

Hinwiler Heinrich Keller

«Möglich ist auch, dass Amazon in den Automarkt drängt»

40 Jahre lang war der ­Hinwiler Heinrich Keller in der Autobranche tätig. Zuletzt 20 Jahre als Geschäftsführer der Auto-Trachsler AG. Nun tritt er ins zweite Glied. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit.

Gerold
Schmid
Montag, 19. März 2018, 10:27 Uhr Hinwiler Heinrich Keller

Heinrich Keller, Sie sind gut 40 Jahre in der Autobranche tätig gewesen. Im Rückblick: An welche drei Ereignisse, die Sie geprägt haben, denken Sie zurück?
Es gibt sicherlich nicht nur drei, welche mich geprägt haben. Aber dazu gehörte unter anderem 1982 – im Alter von 26 Jahren – die Übernahme meines ersten Dienstwagens, einen weissen Mercedes-Benz 230 E.
Ein «Höhepunkt» war dann aber 1997 das Elchtest-Debakel mit der damals neuen A-Klasse von Mercedes-Benz. Als da­maliger Vertriebsleiter für die Schweiz war dies eine ganz ­besondere Herausforderung –mussten doch in kürzester Zeit Kommunikation, weitere Vorgehensweise, Nachrüstung des elektronischen Stabilitätsprogramms zusammen mit den Fachabteilungen des Herstellers definiert und abgestimmt werden.
Im Nachhinein wurde diese ­Angelegenheit immer wieder als super Beispiel einer offenen, ehrlichen und zielorientierten Kommunikation und Vorgehensweise zitiert.
Sehr gerne erinnere ich mich als Hinwiler natürlich auch an den Doppelsieg des Sauber-Teams am 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1989 mit dem Sauber-Mercedes C9. Als «Wochenend-Teammitglied» in der Zeitmessung durfte ich diesen Erfolg live miterleben.

«Gerne erinnere ich mich als Hinwiler an den Doppelsieg des Sauber-Teams 1989 in Le Mans, den ich live vor Ort miterleben durfte.»

Wie hat sich der Autohandel in diesen letzten 40 Jahren verändert?
Nun, der gesamte Automobilmarkt und dessen Umfeld haben sich natürlich gewaltig ­verändert. Nebst den entsprechenden Fortschritten in den technischen Belangen hat sich die Situation im Gewerbe selbst drastisch geändert. Mit der Einführung der GVO, der Gruppenfreistellungsverordnung im Jahr 2002, wurde der Weg für eine Marktliberalisierung geebnet.
Trotzdem wurde der Einfluss der Hersteller immer grösser. Die Erfüllung von marken­spezifischen Standards, zum Teil auch ISO-Zertifizierungen, werden heute ebenso gefordert wie die Teilnahme an Pflichtschulungen respektive kostenpflichtigen, markenspezifischen Mitarbeiter-Ausbildungen wie etwa Servicetechniker, Verkaufsmitarbeiter, Kundendienstleiter usw. Dasselbe gilt für die Einhaltung der sogenannten Corporate-Identity-Richtlinien bezüglich der Architektur, Farbgebung, Bodenplatten oder Mobiliar der Gebäulichkeiten. Dies hat dazu geführt, dass viele KMU nahe­zu gezwungen wurden, sich von grösseren Handelsgruppen übernehmen zu lassen. Dieser Trend ist leider weiterhin ungebrochen.
Zudem steht das Gewerbe vermutlich vor seiner grössten Herausforderung: die Digitalisierung gibt es noch kaum im Automobilgewerbe. Viel mehr als eine Webseite mit einem Konfigurator ist kaum vorhanden.
Der Verkauf und Vertrieb der Fahrzeuge wird künftig über neue Kanäle abgewickelt. Beispiele dafür sind Tesla mit Stores in den Ballungszentren und Servicestellen ausserhalb. Möglich ist, dass auch andere Anbieter, wie beispielsweise Amazon, in den Markt drängen. Wartungs- und Reparaturarbeiten aber wird Amazon nicht ausführen wollen. Diese Veränderung gilt es als Chance für die Zukunft zu nutzen.

Welche Auswirkungen und Konsequenzen hat das auf den lokalen Garagisten und Händler?
Parallel dazu wird sich die Rolle des Garagisten verändern. Er wird aktiver im Mobi­litätsmarkt auftreten müssen und bereit sein, neue, ergänzende Dienstleistungen anzubieten. Zudem wird er sich vermehrt und intensiver mit dem Servicegeschäft auseinandersetzen müssen. Die fortschreitende Elektrifizierung der Fahrzeugangebote wird grosse Auswirkungen auf die Ertragssituation nach sich ziehen. Unter anderem werden deutlich weniger Verschleissteile wie etwa Bremsscheiben oder Flüssigkeiten benötigt.
Des Weiteren erscheint ein weiterer Identitätsverlust wahrscheinlich. Die weiter zunehmende Zentralisierung von Marketingaktivitäten und noch konsequentere Durchsetzung von Corporate-Identity-Standards durch die Hersteller ­führen zwangsläufig dazu. Die Abhängigkeit vom Hersteller nimmt weiter zu.

«Die Einflussnahme der Hersteller auf viele unternehmensbezogene Entscheidungen nimmt stetig zu.»

Geben Sie angesichts des zunehmenden Individualverkehrs und steigenden, täglichen Staustunden dem Auto noch eine Zukunft?
Das individuelle Mobilitätsbedürfnis wird ungebrochen und geprägt vom Streben nach noch höherem Komfort und Sicherheit sein. Einzig die Form der Mobilität wird sich ändern. Denkbar ist eine Verschmelzung mit den Angeboten des ÖV; zum Beispiel Individualverkehr bis zu einem Hub vor der Stadt, dem Zentrum und dann mit dem ÖV in die Stadt.

Heinrich Keller

Sie haben sich entschlossen, die Geschäftsführung der Auto-Trachsler AG in andere Hände zu legen. Wenn Sie ein Fazit aus 40 Jahren Tätigkeit in der Automobilbranche ziehen, wie sieht dieses aus?
Nun, das ist so wie mit dem lachenden und weinenden Auge. Es war eine abwechslungs­reiche, spannende, herausfordernde und faszinierende Zeit, verbunden auch mit viel Emotionen.
Ein wesentlicher Punkt, welcher mich seit längerer Zeit beschäftigt und etwas Bauchweh verursacht hat, ist die Entwicklung vom früher noch freien Unternehmertum zum «Muss-Unternehmer». Die Einflussname der Hersteller auf viele unternehmensbezogene Entscheidungen nimmt stetig zu. Trotzdem freue ich mich sehr, meine Erfahrungen auch weiterhin im Verwaltungsrat der Auto-Trachsler AG einbringen zu können, und auf selbstständiger Basis branchenbezogene Beratungsmandate zu übernehmen.

Kommentar schreiben

Kommentar senden