×

Hinwil rückt näher an Maranello

Sauber-Rennstall

Hinwil rückt näher an Maranello

Mit der Verpflichtung von Simone Resta als Technikchef hat Sauber die Fachwelt erstaunt. Aber nicht nur diese Massnahme erweckt den Eindruck, dass die Hinwiler Equipe näher an Ferrari heranrückt.

Florian
Bolli
Montag, 13. August 2018, 12:02 Uhr Sauber-Rennstall
CHINA FORMULA ONE GRAND PRIX
epa06670665 German Formula One driver Sebastian Vettel of Scuderia Ferrari drives ahead of Monaco's Formula One driver Charles Leclerc of Sauber F1 Team during the Chinese Formula One Grand Prix at the Shanghai International circuit in Shanghai, China, 15
Der Hinwiler Rennstall rückt näher an die Italiener heran - neben der Strecke zumindest. (Foto: Keystone)

Es ist ein Personalentscheid, der Aufsehen erregt. Dass das Hinwiler Sauber-Team nach dem Monaco-GP vom Wochenende Simone Resta als Nachfolger des vor einem Monat geschassten Jörg Zander als Technikchef verpflichtet hat, sorgte im Formel-1-Paddock für Staunen – aus mehreren Gründen.

Da wäre zum Beispiel der Lebenslauf Restas. Der 47-Jährige kommt weder vom Abstellgleis, noch ist er ein unerfahrener Neuankömmling, sondern eine etablierte Grösse, die seit 20 Jahren in der Formel 1 wirkt. 1998 begann er bei Minardi, 2001 wechselte er zu Ferrari, erlebte dort einen Teil der goldenen Ära mit Michael Schumacher mit und stieg die Karriereleiter hoch. 2014 wurde er zum Chefdesigner, er war zuletzt bei der Scuderia quasi die Nummer 2 hinter Technikchef Mattia Binotto. Resta überstand mehrere personelle Umwälzungen – manche sagen, Ferrari sei auch dank Resta nun wiedererstarkt.

Der nächste Schritt

Der Italiener ist also eigentlich ein Ferrari-Mann durch und durch – vielleicht dachte Sauber-Teamchef Frédéric Vasseur auch daran, als er sich in der Medienmitteilung mit der Aussage zitieren liess, Resta habe «das beste Profil für die Rolle des Technischen Direktors».

Denn es ist offensichtlich, dass der Wechsel von Simone Resta ein weiterer, zentraler Schritt ist im Zusammenrücken von Sauber und Ferrari. Vielleicht waren solche Massnahmen gemeint, als  im letzten Herbst bei der Präsentation des neuen Sauber-Titelsponsors Alfa Romeo von einer «strategischen, kommerziellen und technischen Kooperation» die Rede war.

Marchionnes Interesse

Alfa Romeo gehört wie Ferrari zum Fiat-Chrysler-Konzern, dem Ferrari-Präsident Sergio Marchionne vorsteht. Und Ferrari ist für Sauber längst nicht mehr nur Motorenlieferant. Mit Charles Leclerc wurde ein Fahrer aus der Talentschmiede der Italiener bei Sauber platziert, am liebsten hätte man dasselbe mit Antonio Giovinazzi getan. Und nun also wechselt einer von Ferraris Top-Ingenieuren nach Hinwil. Er wird das kaum getan haben, weil ihm das Oberland besser gefällt als Maranello.

Man sagt, Marchionne halte viel von Resta, und er habe ein Interesse daran, dass es mit den mit grossen Alfa-Romeo-Aufklebern versehenen Sauber-Boliden vorwärts gehe. Sauber-Teamchef Vasseur betonte noch Ende letzten Jahres, man wolle kein B-Team von Ferrari werden, sondern ein eigenes Projekt verfolgen. Es gibt aber Indizien, dass sich bei den Besitzverhältnissen der Sauber-Gruppe etwas verändern könnte – respektive schon hat.

Im letzten November wurde in Hinwil die Islero Investments AG gegründet. Im Verwaltungsrat sitzt neben Sauber-Verwaltungsratspräsident Pascal Picci und Teamchef Frédéric Vasseur auch Finn Rausing, der über die Longbow Finance SA Sauber-Miteigentümer ist. Anfänglich war mit dem Genfer Anwalt Shelby du Pasquier ein Weggefährte Marchionnes Verwaltungsratspräsident, nun aber nimmt diesen Posten der liechtensteinische Anwalt Ernst Walch ein.

Was plant die Rausing-Familie?

Offenbar ist Islero Investment an die Stelle von Longbow Finance getreten. Tatsache ist, dass die schwedische Rausing-Familie äusserst öffentlichkeitsscheu ist, was nicht wirklich zum Formel-1-Zirkus passt. Das muss noch nicht heissen, dass sie sich komplett zurückzieht. Aber womöglich käme ein Engagement von Ferrari respektive Alfa Romeo den Rausings nicht gerade ungelegen.

In der «Handelszeitung» wird Sauber-Verwaltungsratspräsident Picci mit den Worten zitiert, Sauber werde «für die vorhersehbare Zukunft» unabhängig bleiben. Das sagt einerseits noch nichts über die detaillierten Besitzverhältnisse aus. Und andererseits kann in der Formel 1 die vorhersehbare Zukunft relativ kurz sein.

Kommentar schreiben

Kommentar senden