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Der Spagat im Sandkasten

Analyse zum Zustand der Formel 1

Der Spagat im Sandkasten

Die erste Formel-1-Saison unter neuen Besitzern geht zu Ende. Sie wollen eine günstigere, fairere und attraktive Formel 1 - und riskieren damit, die Hersteller zu vergraulen. Eine Analyse von Züriost-Sportchef Florian Bolli.

Florian
Bolli
Montag, 13. August 2018, 11:58 Uhr Analyse zum Zustand der Formel 1

So ganz nach dem Gusto der neuen Formel-1-Besitzer kann die sportliche Ausgangslage vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi nicht sein: Die Weltmeistertitel gehören längst Lewis Hamilton und Mercedes, die Positionen in den Gesamtwertungen sind von wenigen Ausnahmen abgesehen bezogen. Ein ausgeglicheneres Feld und damit mehr Spannung – das wünscht sich das Publikum, das wünscht sich auch Liberty Media. Zwar gab es in dieser Saison – allfällige Überraschungen in Abu Dhabi einmal nicht eingerechnet – sechs verschiedene Rennsieger. Doch sie stammten allesamt aus den grössten drei Teams, die der Konkurrenz auch bezüglich finanzieller Ressourcen entrückt sind. Nichts Neues also – auch unter neuer Führung hat Erfolg, wer am meisten Geld hat.

Allerdings ist Liberty Media erst seit diesem Jahr am Ruder, und die Crew um Formel-1-Chef Chase Carey wählte eine verhältnismässig behutsame Vorgehensweise nach dem Motto: Erst beobachten, dann agieren. Mit Letzterem begannen sie in den letzten Wochen und legten die Karten auf den Tisch.  Für die Zukunft der Königsklasse des Motorsport hat Liberty etwa bezüglich der digitalen Vermarktung Ideen, die angesichts des notorischen Desinteresses von Ecclestone an solchen Themen für Formel-1-Verhältnisse schon fast revolutionär sind.

Ein neuer Anlauf zur Budgetobergrenze

Andere Vorschläge wiederum geistern schon jahrelang herum. Jener einer Budgetobergrenze etwa wurde immer wieder diskutiert, aber nie umgesetzt – weil er am Veto der Teams scheiterte. Nun folgt der nächste Versuch. Diesmal soll die Kostenobergrenze ab 2019 versuchsweise kommen – noch ist freilich aber nicht klar, wie hoch die Summe denn sein soll. Dass Formel-1-Chef Chase Carey von grundsätzlich breitem Konsens bezüglich des Kostendeckels spricht, heisst deshalb noch gar nichts – der Teufel liegt bekanntlich im Detail. Es kursieren Zahlen von zwischen 100 und 150 Millionen Euro. Teams wie der Hinwiler Sauber-Rennstall, aber auch Force India, Williams und Haas hätten damit kein Problem, sie müssten sich nur marginal anpassen. Für Mercedes, Ferrari und Red Bull aber hiesse das eine Reduktion des Budgets um mindestens die Hälfte.

Dennoch blieb der grosse Aufschrei unter den Topteams wegen der Budgetobergrenze bisher aus – es bleibt abzuwarten, wie sie sich verhalten, wenn konkrete Zahlen folgen. Ganz anders war das, als Liberty die Motorenregeln präsentierte, die ab 2021 gelten sollen. Auch hier geht es um etwas, das vernünftig klingt. Die Motoren sollen künftig weniger komplex sein – und einzelne Komponenten standardisiert, was für die Hersteller ein Reizwort ist. Sie wehren sich mit Händen und Füssen gegen alles, was in Richtung eines Einheitsmotors geht. Auch deshalb drohte Ferrari unlängst mit dem Ausstieg aus der Formel 1. «Wenn wir den Sandkasten so stark verändern, dass man ihn nicht erkennt, möchte ich nicht darin spielen», polterte Ferrari-Chef Sergio Marchionne.

Ein Kulturwandel in Etappen

Die Aussage ist simpel, man kann sie aber vielschichtig interpretieren. Denn Marchionne wehrt sich damit nicht nur gegen vereinheitlichte Motorenteile, sondern auch gegen einen Kulturwandel, den die Formel-1-Besitzer einleiten wollen. Chancengleichheit heisst das Ziel, und die Budgetobergrenze sowie die neuen Motorenregeln sind nicht die einzigen Etappen auf dem Weg dorthin. Mehr wird folgen – muss folgen, wenn Liberty glaubwürdig bleiben will. Bis 2020 laufen die bilateralen Deals zwischen den einzelnen Teams und der Formel 1, die etwa die Verteilung der Preisgelder regeln, aber auch die Entscheidungsprozesse. Erstere will Liberty – endlich – gerechter machen. Letztere stark vereinfachen. Die «Strategy Group», in der lediglich die sechs grössten Teams vertreten sind, dürfte dann der Vergangenheit angehören. Die Richtung soll nur noch jemand vorgeben: Liberty. Wer zahlt, befiehlt – so wie es eben überall ist. Gerade für Ferrari steht hier viel auf dem Spiel: Die Italiener geniessen nicht nur einen historischen Bonus in der Höhe von gegen 100 Millionen Euro, sondern auch ein Vetorecht für Reglementsänderungen. Beides passt nicht in eine Formel 1, in der faire Wettbewerbsbedingungen herrschen sollen.

Die Frage ist am Ende, inwiefern Liberty den Spagat im zitierten Sandhaufen vollführen kann. Gleichzeitig die Hersteller bei Laune zu halten und den kleinen Teams eine längerfristige Überlebenschance zu geben, das wäre die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. Ob Liberty dies überhaupt will, bleibt allerdings abzuwarten – und es würde nicht überraschen, wenn die Besitzer gegenüber den Herstellern einen härteren Kurs fahren würden als Ecclestone. Schliesslich geht es auch darum, allfälligen neuen Teams den Einstieg in die Formel 1 zu vereinfachen. Die letzten drei Neulinge wurden 2010 mit dem Versprechen angelockt, die Budgets würden beschnitten. Eingelöst wurde es nicht – die Teams mussten allesamt aufgeben.

Die Privatteams machen die Formel 1 aus

Doch genau auf solche Teams müssen die Rahmenbedingungen eigentlich zugeschnitten sein. Denn die Privatteams sind quasi die Essenz des Sports. Geht für sie die Rechnung auf, bleiben sie auch. Die Hersteller hingegen kommen und gehen wie es gerade in ihr Konzept passt – mit Ausnahme von Dauerbrenner Ferrari. Dass die Scuderia ihren Ausstieg schon mehrfach angedroht, aber nie in die Tat umgesetzt hat, spricht Bände.
Und falls es Ferrari diesmal doch ernster ist damit als auch schon, wie vereinzelte Beobachter zu glauben wissen? Es wäre für die Formel 1 womöglich kein Weltuntergang. Wenn die Pläne von Liberty aufgehen und der Sport, und damit auch die Show, attraktiver wird und ein grösseres Publikum anzieht, spielt es keine Rolle, ob Sergio Marchionne mit seinen roten Rennern noch in diesem Sandkasten spielen möchte. Denn letztlich ist es nicht sein eigener Sandkasten. Er bekam bisher vom Sandkastenbesitzer einfach die grössten Spielförmchen.

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