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Chris von Rohr über Coversongs und das Älterwerden

Rock the Ring

Chris von Rohr über Coversongs und das Älterwerden

65 und kein bisschen leise: Hardrock-Pionier Chris von Rohr gibt bald mit seiner Band Krokus Doppelkonzerte mit Gotthard und tritt auch am «Rock the Ring» in Hinwil auf. Ihr neues Album «Big Rocks» steht auf Platz 1 der Charts.

Christian
Saggese
Freitag, 10. Februar 2017, 15:11 Uhr Rock the Ring
Krokus mit Chris von Rohr (2. von links) hat Schweizer Musikgeschichte geschrieben. (Bild: zvg)

Hätten Sie sich bei Ihrem ersten Konzert mit Krokus 1975 vorstellen können, dass Sie mit 65 Jahren noch immer rocken werden?

Chris Von Rohr: Nein, wenn ich mich in die damalige Zeit zurückbeame, ging es uns «Giele» nur um eines: Wie schaffen wir es, von der Musik leben zu können, die wir über alles lieben und die unserem Sein einen Sinn gegeben hat? Wir haben dafür bei Minustemperaturen immer wieder Plakate aufgehängt und spielten am Ende in Provinzsälen vor neun Leuten. Das hat uns geprägt!

«Dirty Dynamite» von Krokus (Quelle: Youtube/KrokusVevo):

Wie hat Krokus 42 Winter und viele Besetzungswechsel überstehen können?

Es ist schon erstaunlich, welche Hürden wir genommen haben. Wer am Jurasüdfuss in diesem trümm­ligen Solothurn aufwächst, hat eigentlich schlechte Karten, um sich im Haifischbecken Showbusiness behaupten zu können. Es bereitet dich ja niemand auf Drogen, Halsabschneider und Groupies vor. Nach den erfolgreichen Anfängen kam es dann auch zum Eklat, als unser US-Management bösar­ti­ge Intrigen gesponnen hat, um die Band gegen mich aufzubringen.

Weshalb?

Meine Eltern, die die Buchhaltung der Band machten, hatten fest­gestellt, dass wir Musiker viel zu ­wenig von den Plattenverkäufen und Tournee-Einnahmen in Nordamerika abbekamen. Dieses Hinterfragen betrachtete das US-Management als Bedrohung. Deshalb wollte es mich weghaben – was ihm auch gelungen ist, da wir uns in Endlos-Tourneen, Egospielen, Schnäbi-Vermessereien und Bullshit bis zum Gehtnichtmehr verloren und erschöpft haben.

Bedauern Sie, dass Sie die Streitigkeiten erst vor dem Comeback 2008 aufgearbeitet haben?

Natürlich nähme es mich wunder, wohin wir es noch gebracht hätten, wenn das Winning-Team damals zusammengeblieben wäre. Aber ich bin heute auch dankbar, dass mich dieses Desaster gezwungen hat, mein Talent als Songschreiber und Produzent ausserhalb von Krokus unter Beweis zu stellen. Auch bot es mir die Chance, mich zum Autor weiterzuentwickeln und eine andere Seite meiner Persönlichkeit zu zeigen.

Nun haben Sie mit Krokus ein Album mit Rock-Klassikern aufgenommen. Wie kam es dazu?

Nachdem wir in den letzten sechs Jahren zwei Studio-Alben und eine Live-CD abgeliefert hatten, was für eine Band in unserem Alter nicht schlecht ist, erinnerten wir uns an den Wunsch, den wir schon lange mit uns herumtrugen: eine Party-Platte mit den Songs zu machen, die unser Leben geprägt und uns in diesen Beruf katapultiert haben.

Wie haben Sie diese ausgewählt?

Wir knöpften uns die Hinkel-steine der Rockgeschichte vor, in denen unsere Rock-DNA steckt – schliesslich lautet der Titel ja «Big Rocks» und nicht «Bonsai Rocks». Dann filterten wir aus den etwa 50 Nummern die 12 heraus, die am besten zu unserem Sound und Marc Storaces Stimme passten. Wir haben sie dann nicht wie eine Top-40-Band nur nachgespielt, sondern zu Krokus-Songs gemacht und teilweise um eigene Gitarrenriffs oder Gesangslinien erweitert.

Welche Songs bedeuten Ihnen besonders viel?

Alle! Bei «The House of the Rising Sun» erinnere ich mich beispielsweise, wie ich ihn auf dem Bett liegend und an die violette Decke meines Teenagerzimmers hinaufschauend das erste Mal gehört habe. Dabei hatte ich das Gefühl, dass alle Engel des Universums für mich singen würden. Ihre Botschaft war: «Hey, Chrissiboy, alles kommt gut. Wie der Typ in dem Song wirst du auf deinem Weg zwar stolpern, am Ende jedoch von all diesen wunderbar wilden und verspielten Hippiefrauen beglückt werden!» (Lacht.)

Im Oktober sind Sie 65 geworden. Wie haben Sie diesen Geburtstag gefeiert?

Das weiss ich gar nicht mehr … Ich glaube, ich war mit meiner Tochter auf Kreta. Wir haben ihn wirklich nicht speziell gefeiert. Geburtstagsfestivitäten sind etwas für ­Kinder. Die brauch ich nicht, erst recht nicht zum «f....g» 65ten!

Achten Sie mehr auf Ihre Gesundheit als früher?

Als Skorpion war ich schon immer ein Kontrollfreak. Deshalb habe ich nie viel Alkohol und andere Drogen konsumiert. Nur ein wenig – zu Forschungszwecken … Bei uns ist die Musik die Droge, der Healer und Therapeut. Rocken hält definitiv gesund.

Wann spüren Sie Ihr Alter?

Wenn ich ein Glas Wein zu viel getrunken habe, dauert der Kater länger als früher. Was ich viel mehr bedauere ist jedoch, dass ich – schon seit ein paar Jahren – nicht mehr wie ein Baby durchschlafe, sondern alle zwei, drei Stunden aufwache. Wenn ich «Sleepless in Soleure» war, ist am Nachmittag eine Siesta angesagt.

Krokus gibt bald Doppelkonzerte mit Gotthard. Wie kam es zur Zusammenarbeit dieser zwei Schweizer Erfolgsbands?

Das war eine Idee unseres gemeinsamen Managers Jan. Beide Bands fanden sie cool – also, machen statt reden.

Das wäre aber nicht immer so locker vom Hocker möglich gewesen…

Ja, wegen meiner langjährigen Geschichte als Produzent und Co-Songwriter von Gotthard. Da gab es musikalische Differenzen. Immerhin habe ich in den elf erfolgreichsten Steve-Lee-Jahren mit der Band gearbeitet. Ich war dabei sicher sehr fordernd. Da man mir sagte «We wanna rule the world!», nahm ich das ernst und liess kein Mittelmass gelten. Das führte zu Spannungen und zur Trennung. Heute sind wir aber alle wieder freundschaftlich verbunden und schätzen uns gegenseitig.

Wurde ausgelost, wer bei welchen Konzerten zuerst auf die Bühne muss?

Das war nicht nötig. Wir spielen gerne, solange das Publikum noch frisch ist, und Gotthard übernimmt lieber die zweiten 75 Minuten. Und vielleicht gibt es zum Schluss noch eine gemeinsame Zugabe.

Interview: Reinhold Hönle

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