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Claudio Zanetti: Ein rechter Querkopf

Claudio Zanetti: Ein rechter Querkopf

163 Oberländer peilen einen Sitz im Nationalrat an. Nur wenige haben echte Chancen. Der ZO/AvU stellt 14 Personen vor, die im Herbst einen Sitz im Bundeshaus ergattern könnten. In dieser Folge: Claudio Zanetti (SVP, Gossau).

Mittwoch, 02. September 2015, 21:02 Uhr

Wer mit Claudio Zanetti spricht, kann sich der Diskussion über Politik nicht entziehen. Seine Lust an der Debatte wird nach wenigen Worten offenkundig. Rasch wird er grundsätzlich. Nicht im Stil des Besserwissers. Zanetti rührt gerne an den grossen Fragen, zitiert den neoliberalen Ökonomen Milton Friedman, schwärmt von Exponenten der «alten» Zürcher FDP der 1980er-Jahre oder legt ein bedingungsloses Bekenntnis zum freien Markt ab. «Ich habe den Plausch an der Auseinandersetzung», sagt er. Zanetti ist SVP-Politiker. Das war er nicht immer. Seine politische Laufbahn begann er bei den Jungliberalen. Naheliegend wäre die CVP gewesen. Zanetti entstammt einer katholischen Familie aus der Innerschweiz mit Ursprüngen im Puschlav. Beim Grossvater lag die konservativ-katholische Tageszeitung «Vaterland» auf dem Stubentisch. Zanetti, der in Zollikon aufwuchs, verbrachte seine Gymnasiumszeit im Kloster Engelberg, war dort Mitglied einer Studentenverbindung. «Aber die CVP hatte schon damals keine richtigen Standpunkte.» Rund fünf Jahre lang sass Zanetti im Vorstand der FDP Küssnacht. Dann habe er erlebt, wie die Partei Mal für Mal Steuererhöhungen mitgetragen habe. 1994 das Schlüsselerlebnis: Die nationale Parteileitung gab nach Meinungsumschwung die Ja-Parole für das Antirassismus-Gesetz heraus. Zanetti trat aus der FDP aus und der SVP bei. «Eines der schlimmsten Gesetze», sagt er noch heute. Natürlich sei er gegen Rassismus, aber es sei «rechtsdogmatisch falsch», auf diesem Weg die Meinungsfreiheit zu beschränken. Wer persönlich beleidigt werde, könne sich auch ohne das Gesetz juristisch wehren.

Ein Politiker, der gegen die Rassismusstrafnorm ist: Das muss ein Scharfmacher, ein Rechtsaussenpolitiker sein. In den Augen vieler hat Zanetti dieses Image. Manche nähmen ihn als «geistesgestörten Neandertaler» wahr, sagt er selbst. Das störe ihn, andererseits müsse man damit leben. «Ich muss nicht beliebt sein, aber auch keine Schiessbudenfigur.»

Doch Zanetti hat überraschende Seiten. Als einer der wenigen SVP-Politiker sprach er sich 2009 gegen das Minarettverbot aus. Er ist für die Haschischlegalisierung, auch harte Drogen würde er aus Prinzip «am liebsten» legalisiert sehen, sehe aber Probleme bei der Umsetzung. Er befürwortet die Homo-Ehe. Keine Widersprüche, sondern die Folge seiner liberalen, ja «libertären» Haltung, sagt Zanetti. Es gehe immer darum, dass sich der Staat zurückhalten solle. Dass Homosexuelle Kinder adoptierten, müsse einem nicht gefallen, «aber man muss die Frage anders stellen: Hat der Staat das Recht, dem Einzelnen etwas zu verbieten?» Bei solchen Themen stehe er oft allein in der Fraktion. «Man macht sich nicht nur Freunde. Aber ich bin kein Lemming, sondern wurde von den Mönchen zum eigenständigen Denken erzogen.»

So teilt er die jüngst vom Zürcher SVP-Präsidenten Alfred Heer geäusserte Kritik, die Partei fixiere im Wahlkampf zu stark auf das Asylthema. Das Wahlkampf lied mit dem Plüschhund Willy nennt er einen «Witz». Beim Schunkeln mit Linda Fäh am Parteitag stand er, dem kulturell US-Serien wie «The Wire» oder «Breaking Bad» näherliegen, abseits. Bei den meisten Themen stehe er aber auf Parteilinie – Migration zum Beispiel oder das Verhältnis zur EU. Immerhin sei er Programmchef der Zürcher Kantonsratsfraktion.

Einer, der Zanetti seit Jahren kennt, ist Marcel Lenggenhager (BDP), Kantonsratskollege und wie Zanetti in Gossau zu Hause. «Fundiert und hartnäckig»: So beschreibt er den SVP-Politiker. Er sei bekannt für akribische Kommissionsarbeit – Zanetti war Präsident der Geschäftsprüfungskommission. Wenn einer eine andere Meinung habe, könne er sehr direkt werden. «Was hast du da für einen Seich abgestimmt?», heisse es dann. Im Rat wirke er manchmal polemisch. Aber Zanetti habe immer eine klare Meinung – seine persönliche. Und dann nehme er auf nichts Rücksicht, auch nicht auf die eigene Partei. «Dort wird er sicher ab und zu gefedert», sagt Lenggenhager. Bei Zanetti wisse man: Ja ist ja, nein ist nein. «Das schätze ich.»

Ein ähnliches Bild zeichnet Markus Bischoff, AL-Kantonsrat aus der Stadt Zürich. «Ein unabhängiger Geist, ein origineller Lichtblick» sei Zanetti in der SVP. Beim Thema Grundrechte hätten sie oft ähnliche Positionen. Vereinzelt agiere er in seinen Reden sprunghaft, «er wirkt manchmal schräg». In seiner eigenen Fraktion werde er mit seinen Positionen wohl nicht immer ernst genommen.

In Gossau lebt Zanetti seit bald zwei Jahren, bewohnt mit seiner Frau und deren erwachsener Tochter ein Einfamilienhaus. Das über 100-jährige Haus, stilvoll renoviert und eingerichtet, war der Grund, weshalb die Wahl auf Gossau fiel. Er lebe gerne hier. «Die Leute sagen Grüezi.» Er habe Einkaufsmöglichkeiten in Gehdistanz, vom Balkon gehe der Blick ins Grüne, Richtung Pfannenstiel, Grüninger Stedtli, Alpenkamm. «Einfach schön.» Seit 2003 politisiert Zanetti im Kantonsrat. Den Schritt nach Bern hat er schon zweimal versucht, immer erfolglos. Jetzt liegt er auf Listenplatz 15. Bleibt es bei 11 Sitzen für die SVP, müsste er vier Konkurrenten überholen. Neben ihm bewerben sich illustre Figuren, darunter «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel, ein Freund Zanettis. «Interessant» werde es werden, «einige werden es altersbedingt schwer haben, Jüngere stossen nach.» Sollte er den Sprung aber schaffen, kann er sich eine Spezialisierung auf die Gesundheitspolitik vorstellen, quasi als Nachfolger des zurücktretenden Toni Bortoluzzi. «Aber mein Glück hängt nicht davon ab, ob ich gewählt werde.»

Mit seinen Positionen dürfte Zanetti grössere Chancen als andere SVP-Kandidaten haben, auch Wähler aus anderen Lagern anzusprechen. Dass dieser Effekt eintreten kann, bestreitet er nicht. «Rechts von uns darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Wir können nur in eine Richtung grasen.» Mit Politikern in anderen Lagern habe er es gut. Wobei ihm die linken menschlich meist näher stünden als Mittepolitiker. Im Kantonsrat kenne er «keinen Sozi, mit dem ich kein Bier trinken gehen würde». Was nicht heisst, dass er sich rhetorisch mässigen würde. «Manchmal muss man ‹dreinbängeln›. Sonst entsteht keine Diskussion, und es macht keinen Spass.»

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