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Dürntner bezwingt Berge und Hänge

Auf selbst gebauten Töffs

Dürntner bezwingt Berge und Hänge

Seit 12 Jahren bestreitet Martin Embacher Hillclimbing und Offroad-Dragraces auf selbst gebauten Maschinen. In seiner Werkstatt in Dürnten stehen ein 50er-Jahre-Pickup und zehn Motorräder – darunter zwei aus dem Zweiten Weltkrieg.

Samstag, 24. Februar 2018, 14:30 Uhr Auf selbst gebauten Töffs

Der Himmel ist schwarz, die Schneepiste wirkt an den Stellen, wo sie in Dunkelheit gehüllt ist, gespenstisch grau. Wo die Scheinwerfer aufstrahlen, taucht das Weiss des Südtiroler Schnees auf, als würde die Piste den Sportlern ihre Zähne zeigen. Doch Martin Embacher lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Dürntner sitzt auf seiner Harley Davidson und blickt auf die Puflatscher Piste, die sich vor ihm 2174 Meter über dem Meeresspiegel erhebt.

Sein Partner hat soeben auf Skiern den Riesenslalom beendet und drückt den Signalknopf. Die Startampel leuchtet grün auf. Embacher saust – von 3000 Zuschauern angefeuert – die Seiser Alm hinauf. Feuerspektakel und Lichtspiele begleiten den mechanischen Höllenritt – das Hinterrad wirbelt Schnee auf, schleudert ihn meterweit weg.

Beim Event «Bike and Ski» traten am 5. Januar sechs ausgeloste Teams – bestehend aus je einem Skirennläufer und einem Harley-Davidson-Lenker – gegeneinander an (wir berichteten). Das Bike-Event ist eines von zahlreichen: 1984 bis 2006 war der Dürntner Chefmechaniker eines Drag Race Teams. Nach der Aufgabe des Teams begann Embacher mit Drag-Racing als Rennfahrer, seitdem hat er bei Dutzenden Motorradwettrennen mitgemacht – darunter eben auch Hillclimbing (siehe Box). An diesen Anlässen hat er schon viel erlebt.

Bei Off-Road-Drag-Races fahren zwei Motorradlenker auf ebenem doch schwierigem Gelände um die Wette. Die Sportart entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. «In den Staaten entstand sie bereits um 1900. Die allerersten Maschinen bestanden nur aus Rahmen, Tank und Motor», so Embacher.
Beim Hillclimbing hingegen fahren die Wettkämpfer – nacheinander – einen steilen Hang oder Berg hinauf. Schaffen es mehrere durchs Ziel, wird die benötigte Zeit für den Sieg relevant. Oft erreichen die Maschinen den Endpunkt springend. Manchmal so beschleunigt, dass der Fahrer mit den Füssen in die Höhe geschleudert wird – als würde er auf der Maschine einen Handstand machen. «Dann muss man geschickt reagieren, um einen Unfall zu vermeiden», sagt Embacher. Die Sportart Hillclimbing entwickelte sich etwa 1910 in Amerika.

Embacher erinnert sich, wie ein Kollege bei einer Veranstaltung unglücklich gestürzt war und seine Maschine – 250 Kilogramm Metall – über ihm lag: «Ich habe einige Stürze gesehen, aber als der Mann sich nicht regte, bekam ich es so richtig mit der Angst zu tun». Zum Glück sei nichts ernsthaftes geschehen.

Die Sekunde vor dem Sprung

Bei einem anderen Event sei vor dem Ziel eine Senke gewesen, vor der die Organisatoren eine Sprungschanze angebracht hatten. «Ich konnte entweder die Vertiefung hinab und dann wieder hinauf fahren. Oder aber mit voller Geschwindigkeit über die Sprungschanze brettern und über die zwölf Meter hohe Senke springen», so Embacher, der sich für die zweite Variante entschieden hatte.

Unmittelbar vor dem Sprung seien ihm zwar Zweifel durch den Kopf geschossen, doch für den anderen Weg sei es zu spät gewesen. So sei er mit Höchstgeschwindigkeit gerast und über die Senke gesprungen. «Die Kunst beim Hillclimbing ist, immer Vollgas zu geben und nur mit der Kupplung zu regulieren.» Ansonsten komme es zu ruckartigen Stössen. «Und dann hat man den Salat», so Embacher.

«Die Kunst beim Hillclimbing ist, immer Vollgas zu geben und nur mit der Kupplung zu regulieren.»
Martin Embacher, Mechaniker und Rennfahrer

Früher nahm der Dürntner bei diversen österreichischen und Schweizer Meisterschaften in Hillclimbing teil. Weil diese aber nicht mehr organisiert werden, fährt er nun in der französischen Meisterschaft mit – bisher bestritt er zehn Saisons im Nachbarland.

Er sagt, dass die Schweiz eine goldene Generation im Hillclimbing gehabt habe, aber es kaum Nachwuchs gebe. Die Schweizer Meisterschaft zu organisieren, sei ein enormer Aufwand gewesen. Weil die Veranstaltungen ausblieben und die Hillclimber in die Jahre kamen, hörten nicht wenige Schweizer auf. Deswegen würden die, die weiter machten, in der französischen Meisterschaft antreten. «Letztes Jahr kam aus den Staaten ein Hillclimbingstar nach Frankreich. Als ein Schweizer nur wenige Zehntelsekunden auf dem zweiten Platz hinter ihm lag, wunderte sich der 21-jährige Ami sehr. Und war mit Ehrfurcht erfüllt, als er erfuhr, dass der Schweizer schon 54 Jahre alt war».

Die Ruhe vor dem Sturm

Wenn Embacher mit seinen Brummern nicht Berge oder unwegsame Terrains erstürmt, so tüftelt er in seiner Freizeit in seiner Werkstatt in Tann. Denn seine Sportmaschinen hat er allesamt selbst gebaut und frisieren lassen: «Die meisten Fahrer in Frankreich kaufen sich Unfalltöffs. Billige Maschinen, die sie bei schweren Schäden ersetzen. Aber ich baue sie mir lieber selbst.»

Es sei ein ganz anderes Gefühl, wenn man genau wisse, wie alles funktioniert, so der gelernte Zimmermann. Auf die Frage, wo er sich das nötige Wissen angeeignet habe, sagt Embacher: «Bikes zusammenzubauen und auf ihnen zu fahren, das ist meine Leidenschaft. Wenn etwas eine Leidenschaft ist, dann saugt man wie ein Schwamm alles auf, was damit in irgendeiner Weise zu tun hat.» Manche gingen jedes Wochenende gerne in den Ausgang – er sei fast jedes in seiner Werkstatt, um an den Maschinen herumzuschrauben.

In seinem Werkraum stehen sechs Motorräder. «Zwei davon hat er für mich gebaut», sagt seine Frau, Ursi Embacher. Sie sitzt auf der Couch vor einem Dragsterreifen, der als Tisch dient. Martin Embacher holt drei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Die barmässige Beleuchtung ist angenehm gedämpft, im Hintergrund läuft Musik – von Oldies und Rock bis hin zu Metal. «Wir haben gute Bands in der Region, aber die Schweizer schätzen gute Rock-Musik nicht», sagt der Motorradfahrer und lächelt.

«Die Amis kamen mit hunderttausend Motorrädern nach Europa, viele liessen sie zurück.»
Martin Embacher, Mechaniker und Rennfahrer

Atelier, Bar, Museum

Diverse Pokale, zahlreiche Bilder und Poster von Hillclimbing und Dragraces – zum Teil historische – schmücken Embachers Werkstattwände. Ein wenig hat das Ambiente das Flair vergangener Jahrzehnte. Von den zehn Motorrädern stammen zwei aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie erinnern an alte Filme mit James Coburn oder Steve McQueen wie «Gesprengte Ketten». Diese seien schwer aufzutreiben gewesen, so Embacher: «Die Amis kamen im Zweiten Weltkrieg mit Zehntausenden von Motorrädern nach Europa. Diese beiden Babys sind Baujahr 41 und 43».

Sein Atelier ist ein Drittel Werkstatt, ein Drittel Bar und ein Drittel Museum. Insgesamt habe er in seinem Leben fünfzehn Maschinen umgebaut – einige auch für Freunde. Nie habe Embacher, der auf dem Bau arbeitet, es für Geld getan. Nebst den Motorrädern befindet sich auch ein riesiger Pickup aus den 50er-Jahren in seiner Sammlung. «Die Karosserie ist zwar riesig, aber der Originalmotor hatte nur 80 PS. Kennst du die Serie Waltons? Die ist Mist, aber die Waltons fahren solche Pickups.» Wenn er damit unterwegs sei, gebe es oft von den Passanten einen Daumen hoch.

Zwei seiner Motorräder sind zu Hillclimbingzwecken umgebaut – aus unterschiedlichen Teilen, darunter des Motorradherstellers KTM, mit aufgebohrtem Motor und Lachgaseinspritzung. Eine der Maschinen hat einen frisierten Harley-Davidson-Motor. Auf dieser ist Embacher auch das letzte Rennen auf der Seiser Alm gefahren.

Auf die Frage, wie lange er gebraucht habe, die über 10’000 Franken teuren Teile zum fertigen Motorrad zu verbinden, sagt er: «Einen Winter. Ich mache das schon recht lange. Vielleicht ist ja die nächste Rennsaison meine letzte». Ursi Embacher erwidert: «Das sagt er jedes Jahr».

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