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Medien mischen sich ein 

Kommentar zum Fall Bubikon

Medien mischen sich ein 

Der Fall Bubikon wirft hohe Wellen. Der Redaktion der Zürcher Oberland Medien AG werden eine Hetzkampagne, Skandalisierung und Diffamierung vorgeworfen. Der Chefredaktor erklärt die Aufgaben der Medien und kontert die Anschuldigungen.

Christian
Brändli
Mittwoch, 14. Februar 2018, 08:00 Uhr Kommentar zum Fall Bubikon
Der Fall Bubikon wird für manche zum Fall Zürcher Oberland Medien. Chefredaktor Christian Brändli nimmt Stellung. (Foto: Marcel Hofer)

Ein Ja zur Entschädigungserhöhung für den Wetziker Stadtrat; ein «Nein, aber» zur «No Billag»-Initiative; der Appell an den Gemeinderat Bäretswil, in Sachen Chaletverkauf die Notbremse zu ziehen; die Bekräftigung, dass der Rücktritt der Zürcher Stadträtin Nielsen richtig ist – oder die Empfehlung für einen Führungswechsel an der Spitze des Bubiker Gemeinderats: Der «Zürcher Oberländer»/«Anzeiger von Uster» nimmt regelmässig zu wichtigen Sachgeschäften, aber auch zu Personalentscheiden Stellung.

Wir wollen die Leserschaft nicht einfach nur informieren und von anderen Gesagtes transportieren, sondern Einordnungshilfen bieten. Dabei trennen wir – einmal abgesehen von Konzertkritiken oder Sportberichterstattungen – den Informations- klar vom Meinungsteil. 

Den Finger auf wunde Punkte legen

Journalisten sehen es als ihre Aufgabe, den Finger auf wunde Punkte zu legen. Bei ihrer Recherche gehen sie sauber vor, schliesslich müssen die Informa­tionen korrekt und gegengeprüft sein. Oberstes Gebot ist die Fairness. Dazu gehört unter anderem, dass alle Involvierten befragt werden und Angegrif­fene ausreichend Raum erhalten, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Dabei gilt es für einen guten Journalisten aber auch, solche Informationen zu ­hinterfragen und bei Unklarheiten nachzuhaken. 

In Kommentaren oder Leitartikeln wie diesem hier können sich die Journalisten dann ihrerseits erklären und ihre Überlegungen und Schlüsse präsentieren. Daraus zeigt sich: Wir sind nicht neutral, sondern haben eine Meinung, die manchmal in Watte gepackt wird, viel besser aber klar und deutlich zum Ausdruck kommt. In unserer direkten Demokratie tragen die Medien so zum gesellschaftlichen Diskurs bei. 

Wir mischen in der politischen Diskussion mit, in diesem Kampf mit Argumenten. Wir finden mit unserer Meinung sicher nicht überall Zustimmung, ja, regen auf – und bekommen dann den Vorwurf der Unausgewogenheit – in der milden Form – oder des Kampagnenjournalismus – in der schärferen Form – zu hören. Bei unserer Berichterstattung über den Fall ­Bubikon gehen die Vorhalte aber noch darüber hinaus. Inszenierung und Skandalisierung wird uns vorge­worfen. 

Rückblick auf die Ereignisse

Es seien an dieser Stelle die Abläufe kurz rekapituliert: An der Dezember-Gemeindeversammlung werden erstmals die vielen Personalwechsel auf der Verwaltung thematisiert. In der Folge gelangen mehrere Personen an unsere Redaktion, die auf angebliche Missstände aufmerksam machen. Im Zuge der Recherchen sind es schliesslich acht Personen, die mit ihrem Namen hinstehen, Vorwürfe an die Adresse von Gemeindeschreiber Willener erheben und auch eine Führung der Gemeindepräsidentin vermissen. 

Ende Januar dann geht es Schlag auf Schlag: Mit den Vorwürfen konfrontiert, demissioniert der Gemeindeschreiber. Die Parteien wünschen Antworten. In einem ausführlichen Interview nimmt die Gemeindepräsidentin Stellung und gesteht Fehler ein. In einem Leitartikel wird darauf die Qualifikation der Gemeindepräsidentin infrage gestellt und für einen Neuanfang auch bei der politischen Führung plädiert. 

Einige Tage darauf gibt die Bubiker Gemeindepräsidentin ihren Verzicht auf eine Wiederkandidatur bekannt. Und wir publizieren die Einschätzung der anderen Gemeinderäte, die aus dem Fall Willener nun einen Fall «Zürcher Oberländer» machen, indem von einer Hetzkampagne gesprochen wird. Schliesslich folgt einige Tage darauf ein Interview mit der neuen Kandidatin für das Gemeindepräsidium. 

Von öffentlichem Interesse 

War das eine Skandalisierung oder Hetzkampagne? Ist es denn falsch, wenn wir der Frage nach möglichen Missständen in einer öffentlichen Verwaltung nachgehen? Als Skandal haben wir die Vorkommnisse unsererseits jedenfalls nicht bewertet. Die Relevanz des Themas war für uns aber gesetzt, gehen die vielen Personalwechsel doch ins Geld – ins Steuergeld. Nicht nur deshalb war das öffentliche Interesse gegeben. 

Aussergewöhnlich war sicher der Umfang der Berichterstattung, die uns gleich mehrere Seiten wert war. Geschuldet war dies anfangs vor allem den happigen Mobbing-Vorwürfen, zu denen aus Fairnessgründen auf gleichem Raum auch die Verantwortlichen Stellung nehmen konnten. Gerade eine Verkürzung hätte hier die Gefahr einer Vereinfachung eines komplexen Themas mit sich bringen können. 

In der Folge ergab sich der Platzbedarf aufgrund der Entwicklung der Ereignisse. Als regionales Medium ist es unsere Aufgabe, unser Augenmerk auf die Aktualitäten aus der Region zu richten –und gerade in Wahlzeiten widmen wir uns dem politischen Geschehen besonders intensiv.

Diskussion um Qualifikation unabdingbar

Bleibt schliesslich die Frage, ob wir mit unserer Berichterstattung und insbesondere der Stellungnahme zur künftigen Besetzung des Bubiker Gemeindepräsidiums unser Milizsystem gefährdet haben, wie dies der Gemeindepräsidentenverband des Bezirks Hinwil sieht.

Sicher, der Leitartikel war scharf formuliert. Von einer persönlichen Diffamierung kann aber keine Rede sein. Es ging darin einzig um die Frage nach der Eignung für dieses sehr anspruchsvolle Amt in dieser ausserordentlichen Konstellation. Ein Behördenmitglied muss dazu bereit sein, sich der öffentlichen Diskussion zu dieser Frage zu stellen – sei dies an Informations- und Gemeindeversammlungen, in den Medien oder an der Urne. Jede Wahl ist schliesslich die öffentliche Einschätzung, der Entscheid über die Eignung für ein Amt. 

Die Rekrutierung von qualifizierten Personen für unsere Behörden ist schwierig. Dem Milizsystem würde es jedoch schaden, wenn die Diskussion über die Befähigung der Kandidatinnen und Kandidaten aus Furcht vor Unterbesetzungen nicht mehr opportun wäre.

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