Züriost-Redaktoren reden Klartext

Wenn Social Media in den Ferien zur Stressfalle wird

Einmal wöchentlich äussern sich züriost-Redaktoren zu einem Thema von politischer oder gesellschaftlicher Relevanz. Heute: Sibylle Egloff, Redaktorin des Ressorts Hinwil, über den Leistungsdruck in den Ferien.

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Sibylle
Egloff
Uhr

Stress in den Ferien: Wer auf Social Media allen zeigen, will wie toll der Urlaub ist, kann ihn gar nicht geniessen. (Bild: Michael Heimann, Pixelio)

Wer erinnert sich nicht an die guten alten Postkarten, die am Ende des Sommers im Briefkasten lagen? Freunde und Verwandte schickten damit Grüsse aus fernen Destinationen. Die Kärtchen wurden an die Kühlschranktüre geklebt. Bei jedem Gang in die Küche konnte man kurzzeitig auch in den Ferien schwelgen.

Doch die Postkarten vergilben langsam. Sie werden längst nicht mehr durch neue ersetzt. Heutzutage schickt man die Feriengrüsse direkt über «Whatsapp» und die sozialen Medien nach Hause. Das Gute: Die Daheimgebliebenen können den Urlaub fast zeitgleich mitverfolgen. Die Postkarten kamen teilweise erst Wochen nach der Heimkehr an, wenn man schon alle Ferienerlebnisse erzählt hatte. Und gekostet haben die Briefmarken auch noch was.

Der Nachteil an den modernen Feriengrüssen: Sie sorgen für Stress im Urlaub. Via Live-Stream, Snaps, Stories, Tweets und Instagram-Posts können Freunde und Verwandte beinahe simultan verfolgen, was man zum Frühstück isst, welche Sehenswürdigkeit man besucht, welches Bikini man anhat und welche Aussicht man geniesst.

Allen pausenlos zeigen zu wollen, wie toll Ferien sind, hat aber nichts mehr mit Erholung und Entspannung zu tun. Leistungsdruck in den Ferien ist das Resultat. Und dafür sind die freien Tage doch nicht da. Sie dienen dazu, für einmal nichts leisten zu müssen.

Mein Fazit ist daher: elektronische Feriengrüsse schön und gut, aber bitte nicht zu viele. Sonst muss man sich zu Hause oder gar bei der Arbeit von der strapaziösen Auszeit erholen. Und wer weiss: Vielleicht freuen sich die einen oder anderen ja sogar viel mehr über eine Postkarte, die die karge Kühlschranktür aufpeppt.

Autor: Sibylle
Egloff

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