Redaktoren im Schreibduell

Velo gegen E-Bike

In den Sommerwochen duellieren sich Redaktorinnen und Redaktoren der Zürcher Oberland Medien AG zu Grundsatzthemen. Heute dreht sich alles ums Fahrrad.

von
Christian
Brütsch
Uhr

Fürs Velo strampelt Sportredaktor Marco Huber

Nochmals kräftig in die Pedale treten, kurz aus dem Sattel steigen, die Lenkstange fest umklammern, dann ist der Aufstieg geschafft. Die Beine brennen. Der Schweiss tropft. Verschnaufpause. Ein Schluck aus dem Bidon, den Blick über den Greifensee schweifen lassen. Ein Gefühl – unbezahlbar!

Das Velo ist ein praktisches Sportgerät und ein effizientes Fortbewegungsmittel. Auf Kurzstrecken pedalt es sich schnell zur Bank, zum Einkaufen oder in die Badi. Hat man sein Fahrrad abgestellt, kann man stolz darauf sein, die Strecke mit blosser Muskelkraft hinter sich gebracht zu haben. Nun ja, wer es bequemer will, kann auf das E-Bike umsatteln. Doch ist dieser Drahtesel 2.0 eine wahre Alternative? Mitnichten. 
E-Bikes sind gefährlich. Mit Tempi von bis zu 45 Kilometern pro Stunde zählen sie längst nicht mehr zur langsamen Spezies im Strassenverkehr. Angetrieben vom eingebauten Akku, fühlen sich Lenker ermutigt, schneller zu fahren. Ein Streifer eines Autos kann da gravierende Folgen haben, denn der E-Biker ist nach dem Fussgänger immer noch das zweitschwächste Glied in der Kette. Leider scheint er sich dessen jedoch zu wenig bewusst zu sein. Alleine letztes Jahr gab es 201 Unfälle mit Schwerverletzten, an denen Elektrofahrräder beteiligt waren.

«Die eigenen Beine sind der bessere Taktgeber.»

Wer im eigenen Takt fährt, kennt sein Tempo und kann damit eher umgehen als einer, der sich kürzlich ein E-Bike ge-kauft hat. In einer kurvenreichen Abfahrt wird es richtig gefährlich. Mit 80 Sachen Radien zu fahren ist anspruchsvoll. Nur hilft der Motor dann herzlich wenig. Da lobt man sich doch das Fahrrad, auf dem der Mensch noch selber den Takt angibt.

Die Lanze fürs E-Bike wird von Wirtschaftsredaktor Jörg Marquardt gebrochen

Ich kenne E-Bikes nur vom Vorbeifahren. Genauer: Sie fahren immer an mir vorbei. Meistens bei der Anfahrt am Berg. Während ich schnaufend wie ein asthmatischer Hamster in die Pedale trete, zieht ein demonstrativ entspannter E-Bike-Fahrer samt Grosseinkauf links an mir vorbei und prescht davon. Mein erster Gedanke: «Du [Beleidigung]!» Und wenn er dann zu einem kleinen Pünktchen am Horizont zusammengeschrumpft ist, denke ich nur noch: «Ich will auch!»

«E-Bikes werden das Velo ablösen so wie das Auto die Kutsche.»

Man muss kein Orakel sein, um zu erkennen: E-Bikes werden das Velo ablösen so wie das Auto die Kutsche, der Computer die Schreibmaschine und der Follower den Freund.
Muskelkraft ist das Relikt einer Zeit, in der die Menschen noch mit der Keule einem Mammut hinterhergerannt sind. Wer schlägt denn heute noch die Sahne von Hand steif? Insofern ist es bloss konsequent, wenn nicht nur die Küchengeräte elektrifiziert werden, sondern auch alle Fortbewegungsmittel. Späteren Generationen wird die Tour de France wie ein aus dem Ruder gelaufener Betriebsausflug von Masochisten erscheinen.
«E-Bikes sind gefährlich», sagt heute der Kritiker und verweist auf die Unfallstatistik. «Das ist aber gefährlich», sagte einst der Neandertaler, als er dem ersten Homo sapiens beim Feuermachen zuschaute.  Und wer von beiden ist nun ausgestorben?
E-Bikes erweitern den Aktionsradius ihrer Benutzer. In nicht allzu ferner Zukunft, davon bin ich überzeugt, werden die Leute damit zwischen Zürich und Bern pendeln. Wer genug hat von überfüllten Zügen, sollte auf E-Bikes setzen oder besser noch: sitzen.

 

 
Autor: Christian
Brütsch

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