Redaktorinnen im Schreibduell

Tinder gegen Rendez-Vous

In den Sommerwochen duellieren sich Redaktorinnen und Redaktoren der Zürcher Oberland Medien AG zu Grundsatzthemen. Heute dreht sich alles ums Dating.

von
Christian
Brütsch
Uhr

«Tinder und ich - ein Match», findet Praktikantin Alexandra Gygax

Seien wir ehrlich: Dating ist schwer. Stimmt das Alter, hat man die gleichen Interessen, steht man auf Frauen oder Männer und will man eine Beziehung?

Die Dating-App Tinder verhindert derartige Missverständnisse. Für das gewünschte Alter und Geschlecht gibt es Filter. Ausserdem kann man ehrlich sagen, wenn man nur an Spass, nicht aber an einer Beziehung interessiert ist. Auf Tinder wird man dafür nicht verurteilt. Will man nicht dasselbe, wischt man weiter.

Da mein Männerbedarf zurzeit gedeckt ist, bin ich nicht auf Tinder. Falls sich das ändert, werde ich die App nutzen. Ich will nicht in den Ausgang unter betrunkene Menschen, um jemanden kennenzulernen, sondern will das in Ruhe zu Hause mit einem Glas Wein machen. Ich entscheide, wann ich Bekanntschaften schliessen will, und werde so auch nicht
gestört beim Sport oder Frauenabend.

«‹Tindern› ist gut fürs Ego. Man sammelt nicht Absage um Absage, sondern Match um Match.»

«Tindern» ist gut fürs Ego. Man sammelt nicht Absage um Absage, sondern Match um Match. Klar, das Konzept ist oberflächlich. Wenn man jemanden nicht attraktiv findet, verschwindet die Person mit einem Wisch im Nichts. Auch im realen Leben würde ich nie jemanden ansprechen, den ich nicht halbwegs sympathisch finde – geschweige denn ihm meine Nummer geben. Hat man einen «Match», ist diese Hürde gemeistert. Das heisst nämlich, dass sich beide «geliked» haben. Tinder ist entspannter. Man darf sich so zeigen, wie man sich wohl fühlt, man hat Zeit, der Person zu antworten und ein Gesprächsthema zu finden. Gerade schüchternen Menschen kommt das entgegen. Treffen kann man sich später, wenn man sich schon kennt – dann darf es auch romantisch sein.

«Ein Wisch statt ein Rendez-Vous ist mir zu wenig», kontert Uster-Redaktorin Eva Künzle

Mein Daumen ist flink und kraftvoll. Wieso das wichtig ist für mein Plädoyer gegen die DatingApp Tinder? Weil ein starker Daumen auf eine ausgeprägte Smartphone Nutzung 
hinweist. Es geht hier also nicht um Misstrauensvotum gegen Fortschritt. Ich habe eine Meditationsapp, bestelle meine Taxis per Smartphone, chatte wie wild mit meinen Kollegen auf Whatsapp – aber ich «tindere» nicht.

Zugegeben, das Prinzip ist verlockend. Statt sich in der realen Welt abzumühen, oder meinetwegen auch ein aufwändiges Profil zu erstellen für gestandene Dating Websites, kann man im Trainer zuhause auf dem Sofa lümmeln und mit dem Finger übers Smartphone wischen. Ein Wisch nach rechts ist ein «Like», ein Wisch nach links bedeutet «Nein, danke». Die Entscheidungsgrundlage: ein Foto und manchmal ein paar wenige Sätze im Profil der Kandidaten. 

«Damit der Funke überspringen kann, braucht es mehr als nur einen Fingerwisch.»

Dabei stört mich nicht, dass die Entscheidung für oder gegen ein Date vor allem nach dem Aussehen geht. Ist ja im richtigen Leben manchmal auch so. Aber stellen Sie sich vor, Sie laufen durch die Strasse und wischen alle diejenigen Menschen beiseite, die ihnen nicht gefallen. Das wäre grausam, oder? Dazu kommt, dass die grosse Auswahl
keine Erfolgsgarantie ist. «Keine Matches bei Tinder» ergibt 251’000 Treffer bei der GoogleSuche. Ein Lächeln erhält man dafür vielleicht im realen Leben, auch wenn einem das Gegenüber nicht für den perfekten Match hält. 

«Tinder» bedeutet «Zunder», also leicht brennbares Material. Damit für mich der Funke überspringen kann, braucht es aber mehr als nur einen Fingerwisch.

 

 
Autor: Christian
Brütsch

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