Redaktoren im Schreibduell

Städtereisenfan gegen Städtereisenmuffel

In den Sommerwochen duellieren sich Redaktorinnen und Redaktoren der Zürcher Oberland Medien AG zu Grundsatzthemen. Heute werden Städte besucht - oder auch nicht.

von
Christian
Brütsch
Uhr

«Ab in die Städte!», empfiehlt Rico Steinemann, Redaktor Ressort Hinwil

Schweizer Städte sind sauber, schön und, seien wir ehrlich, oft auch ein bisschen langweilig. Städtereisen tun auch darum gut, um hin und wieder aus der (zu) gut geölten Maschine Schweiz auszubrechen. Hinein in das Chaos Neapels, die Hektik der Weltstadt London oder die Gemütlichkeit Amsterdams.

Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus und in diesen einzutauchen ihren Reiz. Oder gibt es etwas Schöneres, als sich dem Rhythmus einer mediterranen Stadt im Sommer hinzugeben? Wenn die Hitze während des Tages so gross ist, dass fast nichts mehr geht, sich dafür am Abend das ganze Leben auf der Strasse abspielt und das Abendessen nicht vor 22 Uhr über die Bühne geht.

Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus und in diesen einzutauchen ihren Reiz.

Zugegeben, gerade die von den internationalen Grosskonzernen gekaperten Fussgängerzonen der europäischen Städte lassen sich teilweise kaum mehr voneinander unterscheiden. Wer sich aber auf seiner Städtereise auf die Shoppingmeile beschränkt, ist selber schuld.

Um einen Eindruck davon zu erhalten, wie eine Stadt und ihre Einwohner ticken, muss man dorthin, wo sie leben, essen, trinken, feiern und tanzen. Auf die Märkte, in Pärke, Bars, Restaurants und in die Clubs.

Denn nirgends lässt sich schöner um die Häuser ziehen, als in der Fremde. Wenn man nie weiss, wo es einen hintreibt. Ein Gespräch mit einem Einheimischen kann mit einem unschlagbaren Tipp enden, wo es als nächstes hingehen soll. So geschehen in Lissabon, wo man meine Kumpels und mich von der Altstadt Richtung Hafen schickte. Fat Boy Slim legte dort auf, die Portugiesen drehten durch. Und wir mit ihnen.  

«Bloss kein Städteeinerlei!», kontert Michael von Ledebur, Stellvertretender Chefredakor

Wenig lässt sich so exakt vorhersehen wie das Verhalten von Städtereisenden. Sobald sie in Hamburg, Kopenhagen oder (beliebige europäische Stadt einsetzen) angekommen sind und im Hotel eingecheckt haben, gehts zur Shoppingmeile, die sich von der Zürcher Bahnhofstrasse in nichts unterscheidet. Dann sind in der Regel die alternativen Hipster­Viertel dran – ehemalige Arbeiterquartier, die heute von Studenten und Architekten bewohnt werden. Mit anderen Worten: ab in den Zürcher Kreis 4 von (beliebige europäische Stadt einsetzen).

Die Leute besuchen austauschbare Orte – und gaukeln sich vor, es sei alles neu und anders.

Sogenannte Geheimtipps sind dabei unerlässlich. Der Reihe nach werden Designer­Shops und Secondhandläden abgeklappert. Dazwischen wird Kaffee getrunken, am besten in einer umgenutzten Fabrik­Halle mit Industrie­Chic als Interieur. Dann steht ein Museumsbesuch an. Bestimmt wurde die gleiche Ausstellung auch schon in Zürich gezeigt, aber da würde man halt nie ins Museum gehen.

Abends gehts in den Ausgang – in Clubs, die so aussehen wie in Zürich und wo dieselbe Musik läuft. Kaum etwas ist so konsequent globalisiert wie die internationale Clubszene. Aber das will man sich nicht eingestehen. Man ist schliesslich hier, um etwas zu erleben.

Natürlich, es gibt Städte, die wirklich anders sind. Tel Aviv oder New York habe ich so erlebt. Aber meistens suchen die Leute Orte auf, die austauschbar sind, die dem gleichen, was sie schon kennen – und gaukeln sich dann vor, es sei alles neu und anders. Das kann ich mir schenken. Ich gehe lieber an den Strand oder in die Berge. Dort sieht es zwar auch fast immer gleich aus, aber die Natur langweilt mich trotzdem nie.

 

 
Autor: Christian
Brütsch

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