Aus dem Leben gegriffen

Die Sache mit dem Stuhl

In dieser Kolumne wird Alltagskram aufgegriffen und mit dem Griffel ironisch überspitzt. In erster Linie sollen die Kolumnen erheitern, in zweiter Linie zum Nachdenken anregen und in dritter Linie denjenigen, die sich «betüpft» fühlen, sagen: Nehmt das Leben nicht immer so ernst. Lachen, gerade auch über sich selbst, ist gesund.

von
Gerold
Schmid
Uhr

Beim Feierabendbier mit Kollege Hausi. «Unsere Brockenhäuser werden auch immer verschleckter», beginnt Hausi das Gespräch.

Also das war so. Dem Hausi seine Frau Hedi brauchte für ihren Nähtisch einen neuen Stuhl. Und wie das so ist, ging der Hausi einen posten, ohne zuvor die Hedi gefragt zu haben, welches Modell sie haben wolle. Wie Hausi mir die Reaktion seiner Hedi geschildert hat, das erspare ich der Leserschaft. Jedenfalls war der Stuhl in Hedis Augen nicht brauchbar. Punkt. Keine Diskussion.

Und weil Hausi nun etwas Gutes tun wollte, packte er den Stuhl in seinen Kombi und fuhr die paar Kilometer zur nächsten Brockenstube. «Dort, wo du das Zeugs abgeben kannst, hielt ich dem, der dort stand, den Stuhl entgegen», sagt Hausi. «Weisst du, was der mich gefragt hat?» Ich zucke mit den Schultern und genehmige mir einen Schluck. «Der fragte mich, ob ich noch mehr von dieser Sorte Stühle bringe», gibt Hausi die Antwort, «so eine Frechheit, dachte ich.» Als Hausi verneinte: «Tut mir leid, sie müssen den Stuhl wieder mit nach Hause nehmen. Wir nehmen nur Stühle, wenn sie mindestens zwei der gleichen Sorte bringen.» Ohne Gruss, verstimmt und wütend sei er gegangen. «Gehts eigentlich noch, was glauben diese Brockianer? Die sind doch verschleckt! Ein neuer Stuhl, nicht einmal ist die Hedi darauf abgesessen, und die nehmen ihn nicht!», brummelt Hausi vor sich hin.

Ein Happy End gab es dann doch noch, dank einer Idee von der Hedi. Diese nahm ein Blatt Papier, schrieb darauf «Ungebrauchter Stuhl, gratis zum Mitnehmen» und stellte ihn vor ihrem Haus an die Strasse. «Nach nicht einmal einer Stunde war der Stuhl weg», sagt Hausi.

Ja, sollten unsere Brockenstuben tatsächlich so «verschleckt» sein, wie der Hausi das erlebt hat, dann werde ich mir in Zukunft die Fahrt zur Brocki sparen. Denn offensichtlich findet das, was die Brocki nicht nimmt, Abnehmer auf der Strasse. Und wie war das ursprünglich mit den Brockis? Waren das nicht die Orte, wo einfache Leute von der Strasse das kaufen konnten, was sie sich anderswo nicht leisten konnten? Heute offenbar nicht mehr.

Autor: Gerold
Schmid

Leiter Content Marketing
Autojournalist

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