Klartext

Der «Fehler», der keiner war

Einmal wöchentlich äussern sich züriost-Redaktoren zu einem Thema von politischer oder gesellschaftlicher Relevanz. Heute: Florian Bolli, Leiter des Ressorts Sport, über den Aufruhr um eine Busse für einen Militärmusiker.

von
Florian
Bolli
Uhr

(Bild: Matthias Bozek/pixelio.de)

Die Posse passt wunderbar ins viel zitierte Sommerloch: Ein Militär-Schlagzeuger macht in einem Konzert einen Fehler und wird dafür bestraft. 150 Franken Busse muss er bezahlen. Die erste Reaktion darauf – auch beim Schreibenden, der nicht mit Gewehr, sondern mit Trompete Landesverteidigung betrieb: Geht’s eigentlich noch? Musiker sind Menschen, Menschen machen Fehler, ob uniformiert oder nicht. Und wenn ich an meine eigenen Fehler bei militärischen Auftritten denke, hätte ein äusserst stattlicher Bussenbetrag zusammenkommen müssen. Bussen für falsche Töne? Sind wir in Nordkorea? Ein Kollege des Bestraften machte die Geschichte über Facebook öffentlich und rief zu einer Sammelaktion auf. Armer Schlagzeuger, böse Armee.

Doch so einfach ist es nicht, denn wie jede Geschichte hat auch dieser Fehler zwei Seiten. Denn er passierte nicht bei irgendeinem anspruchsvollen Stück, sondern beim Zapfenstreich, den man als Rekrut bis ins Delirium üben und auswendig lernen muss. Ein simples Stück, das jeder Militärmusiker in seiner Laufbahn gefühlte zehntausend Mal spielt – notabene, nachdem er eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung inklusive Blattleseübung bestanden hat.

Simpler Schluss für jeden, der schon einmal in Armeeuniform auf einer Bühne stand: Man muss recht dumm sein, um so einen Fehler zu machen – oder es mit Absicht tun. Das war hier offenbar der Fall. Ein Jux soll es gewesen sein. Vor Publikum mit Absicht falsch zu spielen hat nichts mit Humor zu tun – das kommt keinem seriösen Musiker in den Sinn, weder Profi noch Amateur. Wie man darauf reagieren soll, ist eine andere Frage. Aber etwas ist ganz sicher nicht angebracht: Mitleid und Applaus.

Autor: Florian
Bolli

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