Aus dem Leben gegriffen

«Da steckt d’Blochere dehinder!»

In dieser Kolumne wird Alltagskram aufgegriffen und mit dem Griffel ironisch überspitzt. In erster Linie sollen die Kolumnen erheitern, in zweiter Linie zum Nachdenken anregen und in dritter Linie denjenigen, die sich «betupft» fühlen, sagen: Nehmt das Leben nicht immer so ernst. Lachen, gerade auch über sich selbst, ist gesund.

von
Gerold
Schmid
Uhr

Zu einem meiner Samstagrituale gehört der Wochenendeinkauf im Dorflädeli. Am Samstagmorgen, am Abstimmungswochenende, treffe ich dort den Hausi und seine Frau, das Hedi. Beide in einem offensichtlich heftigen Disput mit einem anderen Lädeli-Besucher. Ich höre den Hausi enerviert, mit hochrotem Kopf sagen: «Da steckt garantiert d’Blochere dehinder.»

Nun muss ich etwas vorausschicken. Der Hausi ist ein senkrechter Schweizer und Büezer, wie er in unserer Gesellschaft kaum mehr zu finden ist. Enttäuscht von den Roten, wie er sagt, wandte er sich vor Jahren der Volkspartei zu. «Die sagen noch, was ich denke!», so sein Argument. Und er verteidigt alles vehement, was von dieser Seite kommt.

Deshalb war ich an diesem Samstagmorgen bass erstaunt, wie er über die «Blochere» herzog, also über Frau Magdalena Martullo-Blocher, ihres Zeichens Chefin der Ems-Chemie und Volksvertreterin in Bern. Mit Kopfnicken trete ich an das Trio heran. Hedi nickt zurück, dem Hausi sein Kopf hat sich mittlerweile ins Violette verfärbt. Was zum T… geht hier vor?, frage ich mich.

Aha, es geht um die Atomausstiegs-Initiative. Die Gemeinde Domat/Ems vergass im Vorfeld der Eidgenössischen Abstimmung, die Unterlagen für die Atomausstiegs-Initiative zu verschicken. Kann passieren, denke ich, wird ja nachgeholt; ist ein Komplott, denkt und sagt der Hausi. «Welche Firma hat ihren Sitz in Domat/Ems, hä!?», brüllt mich Hausi an. Er gibt die Antwort gleich selbst: «Die Ems-Chemie, die, wo der Blochere gehört!» Er habe das im Internet, bei einem bedeutenden Medienhaus, in den Leserspalten so mitbekommen. 600 Daumen rauf hätten ihn bestätigt, dass da dahinter nur die «Blochere» stecken könne. Und man wisse ja, was die «Blochere» über die Atomausstiegs-Initiative gesagt habe. Alle Versuche, den Hausi wieder auf den Boden der Realität zu bringen, scheitern. Das Hedi schaut mich an, verzieht das Gesicht und zuckt mit der Schulter. Ich gehe meines Wegs.

Obwohl die «Blochere» – oder gesitteter gesagt: Frau Magdalena Martullo-Blocher – nicht zu meinem Lieblingskreis gehört, schüttle ich nur den Kopf über so viel Verschwörungstheorie und darüber, dass heute Medien auf ihren Portalen solchen Bockmist zulassen. Aber eben, Bockmist generiert empörte Wutbürger, empörte Wutbürger generieren Zugriffe auf das Online-Portal, und das wiederum zahlt sich in klingender Münze für das Medienhaus aus. Deshalb werden, so meine Schlussfolgerungen, solche Verschwörungstheorien auf Online-Portalen und Wutbürger wie Hausi nicht aussterben. Arme «Blochere», das hat sie nicht verdient.

Autor: Gerold
Schmid

Leiter Content Marketing

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