Die Stau-Gewohnheit

Mehrere Stunden täglich ist jeder unterwegs. Diese Zeit bietet die Chance auf viele Begegnungen. Viele davon gleichzeitig - das ergibt dann einen Stau.

von
Martin
Liebrich
Uhr

Der Stau ist für viele ein Morgen- und ein Abendritual. (Bild: Archiv)

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Die Schweizer sind stolze Menschen. Also stolze Gewohnheitstiere. Das muss jedem klar werden, der sich beispielsweise einmal in der Stosszeit vor die Haustür wagt: volle Strassen, volle Busse, volle Züge – volle Kanne.

Alles reine Gewohnheit. Denn: Um etwas vor 7 Uhr stehen wir auf, um etwas vor 8 stehen wir im Stau. Oder in überfüllten Zügen. Zwischen 8 und 8.45 Uhr treffen ein paar Millionen von uns am Arbeitsplatz ein. Wer die Arbeit danach aufnimmt, sagt Sätze wie: «Ich beginne morgens etwas später …».

Um 12 Uhr gehts ab in den Mittag, um 17 Uhr für die einen in den Apéro, für die anderen direkt nach Hause, und für alle steht um punkt 19 Uhr der Znacht auf dem Tisch. Wer später nach Hause kommt, sagt Sätze wie: «… dafür arbeite ich abends etwas länger».

So hat es sich bewährt, und so war es, wenn nicht schon immer, dann doch seit einigen Generationen. Und weil das so ist, fragt keiner, ob es noch immer gut ist. Und weil keiner fragt, rasseln wir täglich auf dem Hinweg zur und auf dem Rückweg von der Arbeit in den stehenden Stossverkehr und fluchen dort auf die überlastete Infrastruktur.

Und als Nächstes auf die nicht vollständig umgesetzte Masseneinwanderungsinitiative, denn wenn dieser dauerzuwandernde Ausländerstrom nicht wäre, könnte man den Stau glatt streichen, die vollen Züge würden zumindest nicht mehr voller, ebenso die Busse, Trams und Gehsteige.

Es gäbe natürlich auch noch eine weniger nervenaufreibende, schnellere und einfachere Variante. Nämlich eine Auffächerung der Arbeitszeiten. Statt dass alle zwischen 8 und 9 Uhr morgens anfangen, könnte der Arbeitsbeginn zwischen 7 und 10.30 Uhr und der Feierabend auf abends zwischen 16 und 19.30 Uhr verteilt werden. Denn ab 9 Uhr sind die Strassen vergleichsweise leer. Staumeldungen gibt es jedenfalls kaum mehr. Und in den Zügen haben dann allenfalls noch ein paar Seniorenausflügler Rushhour. Freie Sitzplätze gibt es jedenfalls immer.

Leider funktioniert die Idee nicht. Denn wo kämen wir hin, wenn Büros und Schalter nicht um 9 Uhr offen und die Telefone nicht bedient wären? Die Dienstleistungsgesellschaft würde in ihren Grundfesten erschüttert. Und darum unterhalten wir eine Verkehrsinfrastruktur, die auf Spitzenzeiten ausgerichtet, dann aber doch überlastet und ansonsten leer ist. Das kostet. Genauso wie Stunden im Stau. Wir alle zahlen sie. Unserer Gewohnheit zuliebe.

Autor: Martin
Liebrich