Der verdächtige Fotograf

Mehrere Stunden täglich ist jeder unterwegs. Diese Zeit bietet die Chance auf viele Begegnungen. Auch solche, bei denen man unter Verdacht gerät.

von
Martin
Liebrich
Uhr

Schülerlotsen behalten offenbar auch Verdächtige im Auge. (Bild: Archiv)

Kürzlich geriet ich unter Stalking-Verdacht. Oder noch schlimmer: Ich wurde für einen potenziellen Kinderschänder gehalten. Dabei tat ich nichts, was ich nicht schon seit Jahren legal getan hätte. Oder besser gesagt: tun musste. Beruflich.

Nämlich: Ein Foto schiessen. Für die Zeitung, passend zu einem Artikel. Das soll ja die Aufmerksamkeit der Leser steigern. Gefragt war diesmal eine Verkehrssituation auf einer Hauptstrasse. Völlig unverdächtig. Eigentlich.

Nur wollte es der Zufall, dass zur gleichen Zeit wie ich mit meinem Fotoapparat auf einen Seite der Strasse auch noch einige Schüler auf der anderen Seite zugegen waren. Dass man diese nicht fotografieren darf ohne eine Bewilligung der Eltern einzuholen, ist unterdessen wahrscheinlich auch in der hintersten Redaktionsstube des Landes bekannt. Also achtete ich darauf, keinen Schüler im Bild zu haben, oder wenn, dann so, dass er im Druck nur noch aus maximal drei Pixeln besteht und, da von hinten fotografiert, sicher nicht erkannt werden kann.

Drei Bilder hatte ich gemacht, da kam eine Verkehrslotsin auf mich zu. «Darf ich fragen, was Sie da machen?» Immerhin war ihr Tonfall freundlich. - «Es Föteli», antwortete ich. Die Frau wollte dann wissen, wofür. Also erklärte ich es und bemühte mich, nicht allzu genervt zu klingen.

Sie erklärte mir im Gegentzug, die Verkehrslotsen seien angehalten, solche Situationen im Auge zu behalten und sicherheitshalber nachzufragen.

Der Journalist in mir fluchte. So weit sind wir gekommen in einer Welt, in der alle alles ständig in irgendeinem sozialen Medium öffentlich machen: Man kann in der Öffentlichkeit nicht mehr fotografieren, ohne unter einen ziemlich üblen Verdacht zu geraten. Der innere Journalist liess sich aber rasch beruhigen. Vom inneren Vater. Der will seine Kinder nämlich auch nicht ungefragt fotografieren lassen. Und zwar genau, weil alle ständig alles irgendwo veröffentlichen.