Wenn Männer sich breit machen

Der Lifestyle-Blog von Züriost behandelt Themen rund um Körper, Food und Stil. Heute: Manspreading – wie eine Alltagssituation zur Stilfrage erklärt wurde. Ein Befreiungsschlag von zweien, denen das Ausmass des Manhatings gehörig auf den Sack geht.

von
Marco
Huber
Lukas
Elser
Uhr

Der Mann des 21. Jahrhunderts trägt seinen Unterleib nur noch in den eigenen vier Wänden offen zur Schau. (Foto: Zueriost)

Eine Szene, wie sie wohl täglich vorkommt: Ein Mann klappt in einem vollbesetzten Bus die Beine wie eine offene Schere auseinander. Er beansprucht so zwei Sitze. Sie, die daneben sitzt, droht demnächst in den Flur zu fallen oder vor Klaustrophobie zu kollabieren. Sie echauffiert sich, fühlt sich belästigt. Ihm ists egal.

Das Spreading kann vielseitig praktiziert werden. Variante 1: Der Smartphone-Spreader

Nach den Lauttelefonierern, Fast-Food-Schmatzern und Biertrinkern sind sie der nächste grosse Aufreger des Pendlertums: die Manspreader. Dass Männer genüsslich breitbeinig dahocken ist wohl kaum ein revolutionärer Reflex darauf, dass sie global gesehen in der Minderzahl sind. Sie tun es einfach – aus Gewohnheit, aus Instinkt, aus anatomischen Gründen. Der Verdacht liegt nahe, dass manch einer auch einfach gerne, den kräuselnden Luftzug rund ums Gemächt spürt. Experten sind sich uneinig darüber, ob es medizinische Gründe gibt, weshalb Männer in Zugsabteilen so dasitzen, als würden sie auf dem Klo ihr Geschäft verrichten. Sicher ist: ausgebreitete Beine gelten – besonders bei Frauen – schnell einmal als dominant und egoistisch.

Frühe Ikone des Manspreadings: Sean Connery in seiner Rolle als James Bond. (Screenshot: Youtube)

Sitzt du noch oder spreadst du schon?

Wann man von Manspreading sprechen kann, ist wissenschaftlich nicht genau definiert. Es hängt einerseits von der Anatomie des Praktizierenden, andererseits aber auch von der Reizbarkeit des Sitznachbars ab. 

Ein Langbeiner muss seine Schenkel nicht weit spreizen, um die Betroffenen in ihrer Privatsphäre zu stören. Bei Kurzbeinern darf der Winkel schon einmal denjenigen einer ausgefahrenen Lamborghini-Flügeltüre erreichen. 

Dem gemeine Manspreader (Im Fachjargon: homo proletus elasticus) geht es nicht zuletzt darum, sein Gegenüber zu provozieren. Besonders effektvoll ist das Spreaden mit der Wahl der richtigen Kleidung – enganliegende Badehosen sollen dabei besonders hoch im Kurs stehen. Auch der Raum spielt eine Rolle: Im Tram reisst der Geduldsfaden im Allgemeinen schneller als auf dem heimischen Sofa. Besonders beim Champions-League-Spiel drückt Frau gerne einmal ein Auge zu, wenn Mann danach das durch Emotionsausbrüche verschüttete Bier selber aufwischt)

 

Variante 2: Der Strandbad-Spreader

 

Längst wurde das Manspreading zum Knigge-Knatsch hochstilisiert. Mancherorts ist daraus gar ein Politikum geworden. So geht die New Yorker Verkehrsbehörde mit Kampagnen gegen Typen vor, die im Abteil im Anflug einer Testosteron-Überdosis ihr Territorium erweitern. Rund 2600 U-Bahn-Wagen wurden mit Plakaten ausgestattet, auf denen so etwas steht wie: «Junge, mach dich nicht so breit.» Ähnliche Ansätze sind auch aus Frankreich bekannt. In Hamburg soll sich vor einigen Wochen ein Mann geweigert haben, seine Beine zurückzuziehen, als ihn seine Sitznachbarin auf sein ungehobeltes Tun hingewiesen hatte. Das Ganze ging viral und wurde in den sozialen Medien heftig kommentiert.

Variante 3: Der Stammtisch-Spreader

Doch woher die ganze Aufregung? Hängt die Empörung um Manspreading mit der #metoo-Debatte zusammen, bei der die Diskriminierung von Frauen im Vordergrund steht? Verfängt sich da feministisches Gedankengut im Strudel der salonfähigen Empörungskultur? Oder ist die Menschheit, nachdem ihre Werte nicht mehr ganz so starr sind wie zur Nachkriegszeit, so verunsichert, dass sie bald jedes menschliche Verhalten moralisch hinterfragt? Die Diskussion ist müssig. #Metoo ist zweifelsohne eine zentrale Debatte unserer Zeit, die wichtig und noch lange nicht ausgefochten ist. Aber muss die Diskussion wirklich auf eine Stilfrage verkürzt werden? Lassen wir die stillgestandenen Machos doch ihre Beine spreizen und die Amazoninnen die ihrigen kreuzen. Auch Hardcore-Feministinnen könnten durchaus etwas tolerant sein gegenüber dem zwar primatenhaften, aber schlussendlich auf biologische und damit natürliche Gründe zurückzuführenden Verhalten ihres männlichen Gegenparts – wo sie doch ihrerseits immer Gleichstellung fordern.

Auch der deutsche Fussballer Lukas Podolski äusserte sich in der Vergangenheit zum Umgang mit dem Gemächt in der Öffentlichkeit.

Wo wir gerade vom weiblichen Geschlecht sprechen: Dieses stellt jetzt vielleicht empört die Frage: Aber was sollen sie unserer Meinung den Spreadern gegenüber machen? Sollen sie einfach den Schwanz einziehen?

Als Antwort auf diese zugegeben doch langsam komplex werdende Fragestellung, wollen wir hiermit das erste Regelwerk zum Thema Manspreading präsentieren.

1. Solange ein Manspreader nicht sein Gemächt durch ein Loch in der Hose oder durch offensichtliches Streicheln zur Schau trägt und er niemandem körperlich zu nahe kommt, gibt es keinen Grund ihn zu diskriminieren.

2. Sollte er aber ihre moralische Gefühlswelt durcheinanderbringen, hat sie das Recht ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er mit seinem breitbeinigen Verhalten ihre Gefühle verletzt. Und dann soll er gefälligst auf sie Rücksicht nehmen.

3. Interessieren ihn ihre Gefühle nicht, darf sie insistieren, die Polizei rufen und, wenn diese nicht da ist, auch handgreiflich werden.

4. Und als kleiner Tipp: Bei all der Wutbürgerei vergisst man schnell einmal, dass die Welt doch auch ganz schön ist. Vielleicht sollten die Empörten doch einfach mal aus dem Fenster schauen. Die flitzt nämlich gerade an ihnen vorbei.

 

(Foto: Fotolia)

Autor: Marco
Huber
Autor: Lukas
Elser