"Müssen wir jetzt die Notbremse ziehen?"

Ein Werber in Zürich sucht für das dringende Projekt einer Kampagne temporär eine Mitarbeiterin. So lernen sich Fabian und Fabienne kennen - indem sie wochenlang Tag und Nacht, Tisch an Tisch zusammenarbeiten. Nach erfolgreichem Abschluss feiern sie im "Tres Kilos" an der Dufourstrasse im Seefeld - und merken schon bald: Nun wird es gefährlich. Ich erzähle ihre Geschichte an ihrer Trauung in einem Hotel auf der italienischen Seite des Lago Maggiore.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Hier wurde es für Fabian und Fabienne gefährlich: Das "Tres Kilos" im Zürcher Seefeld
(Bild zvg)

Vor etlichen Jahren wohnte Fabienne eine Zeitlang in Meilen. Nur ein paar Häuser von ihr entfernt wohnte Fabian. Aber sie wussten nichts voneinander.

Dann zog Fabienne mit ihrem Freund in ein Haus oberhalb Herrliberg. Wem aber gehörte das Nachbarhaus? Fabians Eltern. Im Haus nebenan hatte Fabian seine Jugend verbracht. Ist das nicht unglaublich? Fabienne schaute manchmal hinüber. Sie sah ihre zukünftigen Schwiegereltern. Aber sie wusste es nicht.

Das ist noch nicht alles. Einmal, etwas später, hatte Fabian geschäftlich zu tun mit einem älteren Herrn. Wer aber war der ältere Herr? 

Fabiennes Vater.

Wir waren einander auf der Spur, erklärt Fabienne diese Zufälligkeiten. Was aber bedeutet einander auf der Spur sein? Es bedeutet vielleicht, dass man sich kennt, bevor man sich kennt. Man weiss voneinander, ohne zu wissen. Erst im Rückblick erschliessen sich uns die Zusammenhänge; erst im Rückblick erkennen zwei Menschen, die sich lieben, wie sich ihre Leben aufeinander zubewegt haben.

Dann, eines Tages war es soweit. Fabian suchte für seine Werbeagentur, die er mit einem Partner zusammen betrieb, eine Aushilfe. Er brauchte sie dringend für einen Auftrag, dessen Vollendung er nicht mehr aufschieben durfte. Eine Bekannte nannte ihm aus der Branche zwei Namen, beides Frauen. Die eine, das wusste Fabian, war noch sehr jung, sie kam mehr oder weniger direkt von der Kunstgewerbeschule, und Fabian war skeptisch, weil es enorm viel zu tun gab und er jemanden brauchte, der anzupacken verstand. Er brauchte, in seinen eigenen Worten, "jemanden Seriöses", und die zweite Frau schien das eher zu sein. 

Sie hiess Fabienne – fast genau gleich wie er selbst - und hatte eine ähnliche Telefonnummer wie seine Eltern. Und wie seine Eltern wohnte auch sie in Herrliber. Und wer an der Goldküst wohnt, sagte sich Fabian, muss jemand sein, der gute Reverenzen besitzt. Bestimmt ist sie 40, vermutete er, verheiratet und fährt einen BMW.

Fabienne war noch lange nicht 40. Verheiratet war sie nicht, und einen BMW fuhr sie auch nicht. Doch ihr Leben damals war zweifellos ein seriöses Leben, und sie wäre wohl sehr schnell 40 geworden. Denn obwohl sie in einer Partnerschaft lebte und obwohl es ihr gut ging, war sie nicht glücklich.

Dass sich dieses Glück ausgerechnet in der Person eines Werbers ankündigen würde, der Fabienne telefonierte, weil er dringend eine Troubleshooterin brauchte, konnte Fabienne nicht wissen. Und sie war auch drauf und dran, Nein zu sagen. Ein paar Tage vorher hatte sie sich nämlich geschworen, nie wieder für eine Werbeagentur tätig zu sein. Von einem Werbechef bis zur Erschöpfung angetrieben zu werden, hatte sie zur Genüge erlebt. Lieber wollte sie frei von zuhause aus arbeiten. 

Sie hörte sich Ja sagen

Doch dann geschah das Erstaunliche, dass sich Fabienne Ja sagen hörte. Man beachte die Wortwahl. Eigentlich hätte sie nein sagen wollen. Aber sie hörte sich zusagen, und woher kam diese Stimme? Aus ihrem Inneren kam diese Stimme, und ihr Inneres - wie sich uns heute, rückblickend zeigt - wusste es besser.

Auch Fabian hörte Fabienne Ja sagen, an jenem Morgen, als er ihr anrief, Wie erstaunt sie über ihre eigene Zusage war, blieb ihm verborgen. Dem Werber genügte, dass sie am gleichen Tag noch vorbeikommen wollte. Einige Stunden später öffnete sich die Tür, und herein kam eine junge, elegant gekleidete Dame, von der Fabian dachte, dass sie bestimmt gleich wieder gehen würde. Denn die Agentur befand sich in Wallisellen, im oberen Stock einer Druckerei, und der Raum war keine Visitenkarte. Es herrschte ein ziemliches Chaos darin. Man konnte es kreativ nennen. Oder auch einfach unordentlich. 

Doch Fabienne wollte nicht wieder gehen. Denn der Mann, der vor ihr stand, war nicht so wie der Raum, er wirkte nicht unordentlich, nicht zerfahren, sondern - in ihren eigenen Worten - aufgeräumt, im ganz wörtlichen Sinn. Klar und gut war der Mann, und Fabienne empfand vom ersten Moment an: Mit ihm kann ich zusammenarbeiten.

Dasselbe empfand auch Fabian von ihr, und dass sie dies beide fanden, war gut so. Denn was nun folgte, in den Tagen danach, war ein Stress auf Gedeih und Verderb. Fabienne hatte sich genau diesen Stress nie mehr antun wollen. Mit Fabian, seltsamerweise - sie waren sehr schnell per Du - war sie bereit dazu. Mit Fabian kniete sie voller Tatenkraft in den Auftrag hinein.

Andere lernen sich kennen, indem sie sich in der Freizeit treffen, am Wochenende und dann wieder am Wochenende, indem sie zusammen essen gehen und ins Kino gehen. Fabienne und Fabian lernten sich kennen, indem sie schufteten, Tisch an Tisch, Tag und Nacht. Dennoch erfuren sie zwischendurch, in den Pausen, die sie sich gönnten, auch Persönliches voneinander. Sie entdeckten ihre Berührungspunkte, nicht nur die äusseren, auch die inneren, und sie spürten eine Vertrautheit, die mit den wenigen Tagen ihrer Zusammenarbeit nicht allein zu erklären war. Sie mochten sich. Sie mochten sich sehr. Und sie wussten inzwischen, wie es um ihre privaten Verhältnisse stand. Fabienne wusste, dass Fabian zwar eine Tochter, aber zurzeit keine Partnerin hatte. Und Fabian hatte aus Fabiennes Worten herausgehört, dass sie mit ihrem Freund zwar zusammenwohnte, aber keine gemeinsame Zukunft sah.

Am Ende des Tages jeweils - manchmal erst kurz vor Mitternacht - wünschten sie sich betont kollegial Gute Nacht und und stiegen in ihre Autos. Fabienne fuhr von Wallisellen nach Herrliberg, wo ihr Partner etwas missmutig auf sie wartete oder schon schlafen gegangen war, während sich Fabian in seine Wohnung mitten in Zürich begab, in der auch ein Zimmer für seine Tochter bereitstand. Beide sanken müde ins Bett. Doch ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt der Vorfreude auf das Wiedersehen am folgenden Morgen. 

Wenn die Arbeit getan iset, gehen wir feiern!

Fast bedauerten sie, als der Auftrag seiner Vollendung entgegen ging, weil es bedeutete, einander Adieu zu sagen. Doch schon Tage vorher hatten sie sich versprochen: Wenn die Arbeit getan ist, gehen wir feiern. Und je näher die Stunde X rückte, um so mehr kreisten ihre Gedanken um das vereinbarte Anstossen auf ihre gute Zusammenarbeit. Wie sehr sie sich darauf freuten, liessen sie sich nicht anmerken. Beide verhielten sich so, als wäre der letzte gemeinsame Abend ein Abend, wie ihn Kollegen feiern. Sie gestaden sich weder Absichten noch Erwartungen ein, und sie versuchten auch selber daran zu glauben. Nur so war es möglich, dass sich die Dinge entwickeln konnten.

Der Abend des 28. März war angenehm mild, der grosse Auftrag endlich vollbracht, das Geld im Kommen, und Fabian und Fabienne erhoben das Glas. Sie hatten für ihre Feier ein Lokal im Zürcher Seefeld gewählt - das „Tres Kilos“ -, sie tranken Prosecco, bestellten dazu ein paar Häppchen und redeten nicht mehr über die Arbeit. Ihre Worte wurden sehr schnell sehr persönlich, und die einzige Grenze, die sie noch respektierten war das unausgesprochene Wissen darum, dass Fabienne liiert war. Doch irgendwann nach dem zweiten Tequila fühlten sie beide, dass auch diese Grenze nicht mehr so sicher war. Und dann, auf einmal sagte Fabienne: 

"Wir wissen nicht, was aus diesem Abend noch wird.“

Das sagte sie wörtlich, und Fabian, als er das hörte, brauchte eine Besinnungspause. Er schlug deshalb vor, ein Haus weiterzugehen, und Fabienne war sehr damit einverstanden. So wechselten sie den Schauplatz und steuerten eine schummrige Bar im Niederdorf an, die ein Freund von Fabian betrieb. Der Freund war nicht da, doch Fabian hinterliess ihm, während sie etwas zum Trinken bestellten, eine Notiz, die an diesem frühlingshaft warmen Abend ungefähr so lautete:

Durch leichtes Schneegestöber hat es mich in deine Bar getrieben.

Der Tequila aus dem „Tres Kilos“ wirkte immer noch nach. Aber nicht allein der Tequila war schuld an der Beschleunigung der Gefühle. Bis zum Schneesturm konnte es nicht mehr weit sein. Fabienne schickte eine Nachricht nach Herrliberg, sie bleibe zum Nachtessen in der Stadt. Von wegen Nachtessen. Wer nun aber aus dieser Schilderung das Recht auf einen Seitensprung ableiten wollte, sei darauf hingewiesen: Hier ging es nicht um das, was man Seitensprung nennt. Hier ging es um einen Sprung vorwärts - einen Sprung in die Fülle des Lebens.

Die Stimmung in der Bar war romantisch und nicht dazu angetan, irgendetwas zu stoppen. Dennoch meinte Fabian nach einer Weile: 

„Was meinst du, wird es jetzt heikel - müssen wir jetzt die Notbremse ziehen?“

Neben der Notbremse steht in den Zügen der Hinweis: Missbrauch wird bestraft. Dasselbe wäre geschehen bei Fabienne und Fabian. Die Notbremse zu ziehen, wäre ein Missbrauch gewesen, und sie wären bestraft worden, nicht von der SBB, sondern vom Leben. Beide spürten das. Beide wollten, dass es nun heikel wurde. Und so brachen sie auf und fuhren zu Fabians Wohnung. Offiziell, um sich vor dem Haus zu verabschieden, wo Fabienne ihr Auto abgestellt hatte. Doch dann verliessen sie den offiziellen Weg endgültig. 

Fabienne kam mit ins Haus, und Fabian schloss die Wohnungstür auf. Und dann, als sie eintreten wollte, hob er sie hoch, trug sie über die Schwelle, trug sie den Flur entlang, zog unterwegs mit der freien Hand die Küchentür vor ihr zu - damit sie die Unordnung darin nicht bemerkte -, erreichte das Wohnzimmer, drückte mit der frei gebliebenen Hand die Wiedergabe-Taste des CD-Geräts, drückte die Taste Repeat und gelangte mit Fabienne in seinen Armen ins Wohnzimmer. 

Zu den Klängen der Filmmusik von „Romeo and Juliet“ liess er sich mit ihr nieder - denn das war die CD, die sich zufällig oder nicht zufällig im CD-Player befunden hatte. Das Stück, das gerade lief, stammt aus der Szene, wo sich Romeo und Julia kennenlernen. Das Lied heisst "Kissing you" - und weil Fabian auf Repeat gedrückt hatte, küssten sich Romeo und Julia ohne Ende, küssten sich bis in die Morgenstunden - und schieden zuletzt nicht aus der Welt. Sie blieben am Leben, weil sie das Leben liebten.

*

Am Tag nach jenem verrückten Abend mit seinem absolut filmreifen Finale entschloss sich Fabienne, ausnahmsweise doch wieder in eine Agentur einzusteigen: in jene von Fabian. Sie setzten ihr so fruchtbar begonnenes Teamwork fort, und sie wurden ein gutes Team, im Beruf - und viel mehr noch privat. 

Schon nach den ersten gemeinsamen Wochen wusste Fabienne, dass Fabian eines Tages ihr Mann und der Vater ihrer Kinder sein würde. Und Fabian sagt, er habe durch Fabienne ein Urvertrauen ins Leben erhalten wie nie zuvor. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Fabienne und Fabienne haben heute - neben Fabians Tochter, die inzwischen erwachsen ist – zwei gemeinsame Kinder. Und sie würden immer noch sofort unterschreiben, dass es Situationen im Leben gibt, wo es trotz akuter Gefahr nicht erlaubt ist, die Notbremse zu betätigen. Wo man es aushalten muss, wenn es gefährlich wird. 

 

Namen und andere Details geändert

Autor: Nicolas
Lindt