"Gute Nacht, schöne Frau!"

Bigna und Beat haben auf dem Bächlihof bei Jona am oberen Zürichsee geheiratet. Aber begegnet sind sie sich an der spanischen Costa Blanca, und für die Hotelmanagerin Bigna war Beat einer dieser typischen Schweizer Badetouristen mit kurzen Hosen und Badeschlappen, die sie im Geunde nicht ausstehen konnte. (1. + 2. Teil)

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Der Bächlihof in Jona. (Bild: juckerfarm.ch)

Bigna stand an einem Scheidepunkt ihres Lebens. Sie hatte, Jahre davor, ihren zweiten Namen Annabelle zu ihrem ersten gemacht und den Schritt hinaus in die Welt getan – weg vom Studieren, weg von der Theorie, hinaus ins ungesicherte Leben. Sie war als Annabelle an vielen Orten gewesen und immer weitergezogen, unruhig und auf der Suche nach ihrem Weg, wie ein von Ast zu Ast hüpfender Vogel. Nun aber, mit 27, wurde ihr klar: Ich muss etwas ändern. Sie verbrachte eine weitere Sommersaison in Spanien, als Managerin in einem Hotel an der Costa Blanca, doch was kam dann?

Ihre Mutter sagte zu ihr am Telefon: Willst du dir nicht endlich eine richtige Arbeit suchen – eine, die deiner Bildung entspricht? Das überlegte sich auch Bigna. Doch es hätte bedeutet, nach Österreich zurückzukehren. Es hätte bedeutet, nicht mehr Annabelle, sondern wieder Bigna zu sein. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Auch ihr Herz hatte sie in Spanien verschenkt, an einen Spanier, den sie in Barcelona kennengelernt hatte. Aber auch er kam in ihren Überlegungen, wie es mit ihr weitergehen sollte, nicht vor. Die Zukunft lag offen vor ihr, und Bigna hätte niemals, niemals geglaubt, dass der Schlüssel zu ihrer Zukunft jener Schweizer Feriengast war, der eines Abends im Juni an der Reception auftauchte.

Er betrat das Hotel – es hiess „Amistad“ - zusammen mit einem anderen Schweizer, und seine ersten Worte waren:

“Sprechen Sie Deutsch?”

Bigna gab freundlich Antwort, liess sich nichts anmerken – und dachte: Schrecklich. Typische Schweizer Badetouristen. Beide in kurzen Hosen und Badeschlappen, beide mit Schnauz, und sie rochen nach Zigaretten. Bigna konnte Raucher nicht ausstehen. Die beiden fragten nach freien Zimmern, für sich und ihre Familien. Sie fragten nicht nur für eine Nacht – für zwei Wochen. Und zu Bignas stillem Bedauern waren noch Zimmer frei.

Ein schrecklicher Schweizer Tourist 

Damit wechseln wir die Seite und wenden uns Beat zu. Er war der schreckliche Feriengast, der zusammen mit seinem Kollegen Roger in das Hotel kam.  Beat und Roger und ihre Familien wollten Ferien am Meer verbringen. In Denia hatten sie Zimmer im Hotel „Miamar“ gebucht. Denia gehört zu den Badeorten in Spanien, wo man keine zehn Meter spazieren kann, ohne Schweizerdeutsch oder Deutsch zu hören. Aber schön ist es doch. Weil das Meer so gross ist.

Als die Familien aus der Schweiz im „Miamar“ ankamen und Beat die Zimmer in Augenschein nahm, traute er seinen Augen nicht - so schmutzig war das Hotel. Heute dürfen wir sagen: Zum Glück war es schmutzig. Aber damals ärgerte sich Beat gewaltig. Der Entscheid war rasch gefällt: Hoffen, dass irgendwo Zimmer frei sind und umziehen. Beat hatte zuhause, bevor er buchte, sechs Hoteladressen in Denia herausgesucht. Die zweite Adresse auf seiner Liste war das Hotel „Amistad“.

Aber auch Beat ahnte nicht, wie die Dinge zusammenspielten, als er vor Bigna stand. Er wusste nur, vom ersten Moment an: Sie ist eine sehr schöne Frau. Sie gefällt mir so sehr, dass ich es ihr im Grunde gleich sagen möchte.

Hätte er es getan, dann wäre er in den Augen Bignas noch tiefer gesunken. Dann hätte sie den Feriengast aus der Schweiz in der untersten Schublade verstaut – dieselbe Bigna, die heute von Beat sagt, dass er in keiner Schublade Platz hat, weil er ein so besonderer Mensch ist.

Warum ahnte sie nicht, dass der Mann, der vor ihr stand, der Mann ihres Lebens war? Weil wir mit Bildern im Kopf durch die Welt gehen, die uns den Blick auf das Bild des Menschen vor uns versperren. Doch die Zimmer waren noch frei, und so buchte Beat im „Amistad“. Danach kehrte er mit Roger zurück ins erste Hotel, wo ihre Familien, am Pool sitzend, auf gute Nachrichten warteten. Wer Beat kennt, weiss, dass er grosszügig ist. Er macht nicht lange hin und her – aber er fackelt auch nicht lange, wenn es etwas zu klären gibt. Er ging zum Hoteldirektor und sagte: Ich zahle Ihnen 3 Tage. Das restliche Geld für die zwei Wochen geben Sie mir auf der Stelle zurück. Sonst mache ich überall bekannt, in welchem Zustand sich Ihr Hotel befindet.

Er bekam das Geld ganz schnell zurück. Und noch am gleichen Abend konnten die Ferien endlich beginnen.

"Beat will dich heiraten!"

Eines musste Bigna den neuen Schweizer Gästen von Beginn weg zugutehalten: Sie waren fröhlich und guter Dinge. Es wurde nicht nur getrunken, sondern auch viel gelacht am Tisch der Schweizer, und manchmal musste auch Bigna schmunzeln. Auch die Sprüche durften nicht fehlen. Roger hatte schon am ersten Abend gemerkt, dass Beat sich in die Österreicherin verguckt hatte. Immer wieder liess er Bemerkungen fallen, die ziemlich unmissverständlich waren. Einmal rief er Bigna herbei und sagte zu ihr:

“Beat will dich heiraten.”

Darauf erwiderte Bigna: “Aber er ist ja verheiratet!”

Bigna gab diese Antwort, weil der Ring an Beats Finger unübersehbar war. Doch Beat war mit seinen Kindern allein gekommen. Was die Liebe betraf, fühlte er sich schon lange allein. Doch er war ein treuer Mensch, und der Ring befand sich noch immer an seinem Finger, obwohl er nicht mehr die Hoffnung hatte, es könnte sich etwas ändern.

Nun sah er Tag für Tag im Hotel diese junge Österreicherin, die sich Annabelle nannte, und er wusste nicht, wo er seine Augen hinwenden sollte. Diese Frau brachte ihn ganz durcheinander, er konnte es schlecht verbergen. An einem weiteren Tag, als er mit den Kindern und Roger am Pool sass, machte am anderen Ende des Pools auch Bigna, in einem Liegstuhl sitzend, Pause. Da war es wieder Roger, der Bigna bat:

„Komm doch zu uns herüber – Beat muss dir unbedingt etwas sagen.“

Etwas widerwillig begab sich Bigna zu den Schweizern hinüber. Sie machte es eher aus Höflichkeit, aber dann fand sie es doch ganz amüsant, sich mit Beat zu unterhalten. Und ehe sie sich’s versah, hatte Beat die Österreicherin in ein Gespräch verwickelt. Sie begann auf einmal von sich zu reden, und der Schweizer schien sich nicht nur für ihre Augen, sondern auch für ihre Geschichte zu interessieren.

Es blieb nicht bei diesem einen Gespräch. Als Bigna Beat erzählte, dass sie beruflich nicht weiterwisse, versuchte er sie zu ermutigen. Der Eventmanager sprach von sich selbst, von seinem eigenen ungewöhnlichen Lebensweg. „Bevor ich zu meiner heutigen Firma kam, habe ich vieles gemacht. Zuerst war ich Bäcker – ob du es glaubst oder nicht -, dann musste ich aufhören, aus gesundheitlichen Gründen, dann habe ich alle möglichen Sachen verkauft. Ich verkaufte Regenschirme, Badekleider und Süssigkeiten, ich war mir für nichts zu schade. Du musst nur an dich glauben, dann findest du deinen Weg.“

So redete Beat mit Bigna, und sie fühlte sich besser. Beats überzeugender Glaube an die eigene Kraft, seine Fröhlichkeit, seine leichte Verrücktheit, dies alles wirkte richtig ansteckend, und der Schweizer Tourist, den Bigna innerlich so verachtet hatte, wurde zu einem Menschen, dem sie immer mehr ihr Vertrauen schenkte.

„Warum kommst du nicht in die Schweiz?“ fragte er sie. „Wenn ich wieder zuhause bin, suche ich dir in der Schweiz eine Stelle.“

In die Schweiz? Daran hatte Bigna bisher nicht gedacht. Die Schweiz war für sie ein weisser Fleck auf der Landkarte. Frankreich und vor allem Spanien, die romanischen Länder hatten sie mehr gelockt. Na gut, sagte sie sich, warum nicht die Schweiz! Aber sie nahm das Angebot nicht sonderlich ernst. Als die Schweizer abreisten, dachte sie: Ich höre nie mehr etwas von ihm. In den Ferien verspricht man viel.

Sie vergass, dass sie misstrauisch war

Zu ihrem Erstaunen jedoch meldete sich Beat wieder. Er schickte ihr – wie versprochen - Stellenangebote aus Schweizer Zeitungen, er telefonierte ihr, und die Gespräche wurden jedesmal länger. Als er dann aber ankündigte, in ihrem Hotel übernachten zu wollen, wurde Bigna doch etwas misstrauisch. Beat erklärte, er habe in Benidorm, das in der Nähe von Denia liegt, geschäftlich zu tun, und er wolle die Reise verbinden mit einem Besuch bei ihr.

Das Hotel „Amistad“ war ausgebucht am Tag seiner Ankunft, was ihn nicht davon abhielt, trotzdem zu kommen. Er fand ein anderes Zimmer und lud Bigna am Abend zum Essen ein. Immer noch zurückhaltend, sagte sie zu, obwohl sie     eigentlich hätte ablehnen müssen. Sie war überzeugt, dass sich der Schweizer mehr als nur ein Abendessen mit ihr erhoffte. Doch wie seltsam – als sie sich mit ihm traf, vergass sie, dass sie misstrauisch war. Sie schätzte seine Gesellschaft. Das schöne Gefühl, sich ihm anvertrauen zu können, war sofort wieder da. Er hatte die Gabe, einem anderen Menschen den Glauben an sich zurückzugeben, das tat ihr gut.

Am späteren Abend begleitete Beat die Österreicherin zurück zu ihrem Hotel. Spätestens jetzt, dachte Bigna, wird sich erweisen, warum er mir helfen will. Und sie rechnete schon damit, dass er im nächsten Moment den Arm um sie legen werde.

Er machte es nicht. Er blieb im Gegenteil immer drei Schritte von ihr entfernt, sodass sie ihn schliesslich ganz erstaunt fragte, warum er das tue?

„Ich muss vorsichtig sein“, erwiderte Beat offen, „denn du bist eine schöne Frau.“

Soviel Galanterie, soviel Respekt hatte Bigna von Männern noch nie erlebt. Und Beat blieb korrekt bis zum Schluss. Er brachte sie zu ihrem Hotel und verabschiedete sich höflich mit Händedruck. Am nächsten Tag reiste der Schweizer zurück – und hinterliess eine sehr irritierte Bigna, die sich fragte: Was habe ich mit diesem Menschen, der so anders als ich ist, zu tun? Warum steht er mir so nahe wie ein guter Freund?

Betrachten wir die Entwicklung der Dinge aus seiner Sicht: Beat gab alles darum, in ihrer Nähe zu sein. Er hatte sich – das Bild sei erlaubt – unsterblich in Bigna verliebt. Doch die Grenze war für ihn klar. Beat befand sich formell noch immer im Stand der Ehe, und er wusste inzwischen, dass auch Bigna nicht ganz allein war. Dass es in ihrem Leben einen gutaussehenden Spanier gab, hatte sie ihm erzählt.

Dieser Mann jedoch lebte in Barcelona, ziemlich weit weg von Denia, und er unternahm wenig dafür, dass sich Bigna eine gemeinsame Zukunft mit ihm hätte vorstellen können. Mit anderen Worten: Es hielt sie nichts mehr unter Iberiens Sonne - und so entschloss sie sich im November, als das Hotel in den Winterschlaf fiel, Beats Angebot anzunehmen und in die Schweiz zu kommen.

 

Beat hatte sein im Sommer gemachtes Versprechen gehalten und drei mögliche Stellen gefunden, die für Bigna ernsthaft in Frage kamen. Er bestand auch darauf, sie in Denia abzuholen und in der Schweiz, auf ihrer Stellenbesichtigungstour zu begleiten. Bigna nahm sein Angebot an. Sie setzte sich zu ihm ins Auto und vertraute ihm.

Er rührte Bigna nicht an

Sie fuhren von Spanien nach Pontresina, von Pontresina nach Grindelwald, von Grindelwald in die Innerschweiz, Bigna stellte sich vor, Beat wartete, und abends übernachteten sie im Hotel. Jedesmal buchte Beat zwei Zimmer. Er blieb ganz Gentleman und rührte Bigna nicht an. Bigna fand das sehr angenehm. Sie war Beat so dankbar, dass er sie unterstützte, ohne von ihr eine Gegenleistung zu fordern, die sie nicht hätte erbringen wollen.

Immer mehr wurde ihr klar, dass Beat nicht der Typ Mann war, der sich ein leichtes Mädchen suchte. Seine Gefühle für sie gingen tiefer, das spürte sie, und nicht nur das. Bigna merkte, dass auch sie Beat mit jedem Tag lieber bekam. Sie mochte ihn, obwohl er so ein anderer Mensch war. Sie mochte ihn sogar, obwohl er ein Raucher war! Bigna kannte sich selbst nicht mehr, aber sie suchte zunehmend Beats Nähe. Sie begann genau dieses Bodenständige, dieses Echte an ihm zu lieben, das sie vorher befremdet hatte. Und als er am dritten Abend mit ihr im Hotel zu den Zimmern ging und erneut, wie schon am Vorabend zu ihr sagte:

"Also dann, gute Nacht, schöne Frau!“

- da wusste sie, dass dieser starke, selbstbewusste Mann eigentlich scheu war. In seiner Korrektheit, in seinem Respekt ihr gegenüber lag auch eine scheue Zurückhaltung. Bigna überlegte nicht lange. Sie wusste: Jetzt liegt es an mir. Sie nahm Beat bei der Hand und zog ihn zu sich in ihr Zimmer.

*

An einem späten Abend in einem Hotel in Luzern vor 11 Jahren haben sich Bigna und Beat ihren ersten Kuss gegeben. Aber es musste noch einige Zeit vergehen, bis sie voneinander sagen konnten: Wir sind ein Paar. Vor allem Bigna brauchte Zeit. Erst allmählich wurde aus Dankbarkeit wirklich Liebe. Und erst allmählich fasste Bigna Fuss in der Schweiz. Während sie eine erste Stelle in Grindelwald antrat, unternahm Beat die entscheidenden Schritte, um mit seiner eigenen, privaten Vergangenheit abzuschliessen. Er wollte nach vorne blicken, und er wünschte sich ein Leben mit Bigna. Sie entsprach dem, was Beat geworden war, ihre Art passte zu seiner Art - auch wenn ihre Herkunft so anders war.

Diese Verschiedenheit spüren sie immer noch, täglich beinahe, sage ich an ihrer Trauung im Bächlihof, und sie müssen sich immer wieder neu finden. Aber das möchten sie beide, denn das Salz ihrer Liebe ist die Herausforderung, die sie beide voneinander brauchen.

Viele Gäste sind an ihre Hochzeit gekommen – Schweizer Gäste, Gäste aus Österreich, Bignas Familie und ihre alten Freunde aus den Hotels. Vier weitere Gäste jedoch dürfen nicht unerwähnt bleiben: der schon etwas ältere Sohn von Beat – und die drei gemeinsamen Kinder. Aus der Liebe von Bigna und Beat, die so unmöglich begonnen hat, ist eine Familie geworden.

 

Namen geändert