Das E-Mail des Lebens

An der Wintertrauung in der Waldhütte Fällanden brennt ein Feuer im Cheminee - und ein Kaminfeuer kommt auch in der Geschichte von Bettina und Pascal vor. Aber zuerst musste er ihr eine Frage stellen. Es war eine grosse Frage.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Das Feuer der Liebe...
(Bild NL)

An der Wintertrauung in der Waldhütte Fällanden brennt ein Feuer im Cheminee, und ein Kaminfeuer kommt auch in der Geschichte von Bettina und Pascal vor. Begonnen aber hat diese Geschichte an einem Ort, wo keine romantischen Flammen flackern – in einem Grossraumbüro der Firma, für die Pascal vor sechs Jahren arbeitete. Er begrüsste Bettina, die sich bei ihm für die frei gewordene Stelle als neue Personalverantwortliche vorstellte, sie standen sich gegenüber, wechselten freundliche Worte und Blicke und merkten nicht – wie das so oft geschieht -, welches der wahre Grund ihrer Begegnung war.

Bettina erinnert sich nur, dass sie die welken Blumen sah, die auf den Tischen standen, und dachte: Es wird Zeit, dass eine Frau in die Firma kommt. Dass Bettina diese Frau sein sollte, fand auch Pascal. Er fand es aus sachlichen Gründen, aber auch deshalb, weil ihm Bettina durchaus gefiel. Sie bekam die Stelle und ihr Arbeitsplatz befand sich – vielleicht nicht ganz zufällig - in nächster Nähe von Pascals Schreibtisch. Von ihrem ersten Arbeitstag an hatten sie nun miteinander zu tun, sie verstanden sich bestens, und dass Bettina privat nicht allein war, erlaubte ihnen ein unkompliziertes Zusammensein. Bettina spürte, er mag mich gut, doch er will nichts von mir, und dasselbe glaubte auch Pascal. Denn er wusste: Sie hat einen Freund.

Doch er mochte den Duft ihres Parfüms, der auch dann in der Luft hing, wenn sie nicht da war. Und einmal im Sommer, an einem Firmenanlass, als man abends draussen noch ein wenig zusammensass, fand es Pascal sehr angenehm, neben Bettina zu sitzen. Er behauptet noch heute, es habe auch ihr gefallen, und sie habe mit ihrer Hand für einen kurzen Moment sein Bein berührt. Was Bettina heute noch abstreitet.

Jedesmal, wenn sie unter der Tür im Büro erschien, wurde Pascal wieder bewusst, wie sehr sie ihn interessierte. Von ihrer Beziehung sprach sie nur selten und nicht sehr verliebt, wie ihm schien. Als er deshalb im Herbst, für drei Wochen im Militär war, schrieb er Bettina ein Mail ins Geschäft und lud sie nach seiner Rückkehr in ein chinesisches Restaurant ein.

Hatte er sie nicht zum Essen einladen wollen?

In der Tat war Bettina mit ihrem Freund nicht mehr glücklich. Sie trafen sich immer seltener, und Bettina fühlte sich oft ein wenig allein. Die Einladung Pascals nahm sie deshalb sehr gerne an. Der Abend im Restaurant entwickelte sich in angeregter, vertrauter Stimmung, und sie erlebten erneut, wie gut sie sich mochten. Doch als Pascal, mutig geworden, von seinen Gefühlen zu sprechen begann, machte ihm seine Arbeitskollegin klar, dass sie ihn als Kollegen sehr schätze, mehr aber nicht von ihm wolle.

Ihre Zurückweisung schmerzte Pascal. Er stand mit seinem Bekenntnis im Leeren, und das ärgerte ihn so sehr, dass er nur sein eigenes Essen zahlte. Damit aber war auch Bettinas gute Laune dahin, denn hatte er sie nicht zum Essen einladen wollen? Nach diesem Abend zog sie sich von ihrem Kollegen ein wenig zurück. Und sie fand es ganz gut, als er für einen Monat geschäftlich nach Vietnam reiste. Sie wollte nicht, dass ein neuer Mann in ihr Leben trat. Sie brauchte Zeit, Zeit für sich, und sie hatte – offenbar vergeblich - gehofft, in Pascal einen Kollegen zu finden, an den sie sich ohne Absichten anlehnen konnte.

Pascal tauchte unterdessen in Vietnam in eine völlig andere Welt ein, und die vielen neuen Eindrücke überwältigten ihn. Abends im Hotel hatte er dennoch Zeit, um sich Gedanken zu machen – und die Gedanken wanderten in die Schweiz zu Bettina. Ihr Zurückweichen änderte nichts an seinen Gefühlen zu ihr, er vermisste ihre Anwesenheit, und weil er viel freie Zeit hatte, schrieb er ihr.

Bettina las seine E-Mails, sie las sie gern und fand es interessant, was er über Vietnam schrieb. Doch das ernüchternde Ende des Abends mit ihm konnte sie nicht vergessen, und so liess sie seine Nachrichten unbeantwortet. Pascal klagte darauf aus Vietnam sein Leid einem Arbeitskollegen. Als dieser das nächste Mal in Bettinas Abteilung kam, begab er sich spontan zu ihr und sagte, er glaube, Pascal würde sich freuen über ein Lebenszeichen von ihr.

Das erweichte Bettinas Herz. Sie gab Pascal Antwort, der länger in Vietnam bleiben musste als vorgesehen, weshalb er auch über Weihnachten nicht nach Hause kam. Ihre Antwort war Balsam für seine einsame Seele im fernen Asien. Er schrieb ihr zurück, sie antwortete, ein kleiner Briefwechsel zwischen ihnen entwickelte sich, und zwischen zwei Zeilen erwähnte Bettina einmal, dass sie längst wieder single sei. Sie erwähnte es, obwohl ihr durchaus bewusst sein musste, dass sie Pascal damit neue Hoffnungen machte.

Seine Ankunft machte Bettina nervös

Pascal hoffte nicht nur, er war bereits voller Zuversicht, Bettina von sich überzeugen zu können. Als er an Neujahr für zwei Wochen nach Hause kam, kündigte er noch vor seinen Eltern und seinen Kollegen zuallererst Bettina seinen Besuch an. Seine bevorstehende Ankunft machte Bettina, die doch keine Absichten hatte, interessanterweise nervös. Sie freute sich fast verdächtig, ihn am ersten Arbeitstag nach Neujahr in der Firma zu sehen, und am Morgen des Tages stand sie aufgeregt vor dem Kleiderschrank und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Sie entschied sich dann sogar für Schuhe mit hohen Absätzen, obwohl sie wusste, dass sie den ganzen Tag dafür würde büssen müssen.

Als sie sich mit drei Küsschen, erfreut und zugleich verlegen begrüssten, war Pascal schon so verliebt, dass er von ihrem Outfit nichts mitbekam. Er sah nicht, dass sie sich schön gemacht hatte für ihn – er sah nur sie, und er wusste, dass er nur wegen ihr für zwei Wochen zurückgereist war. Schon am zweiten Tag machte er Bettina den Vorschlag, ob sie am dritten Tag über Mittag mit ihm Essen gehen wolle. Auch diesmal schlug er das chinesische Restaurant vor, beeilte sich aber, hinzuzufügen, diesmal bezahle er, was die Verlegenheit zwischen ihnen für einen Augenblick löste. Beide mussten sie lachen.

Sonst aber bekamen sie nicht viel mit von dem Essen, das sie bestellten. Pascals wochenlange Abwesenheit hatte auch Bettina gezeigt, wie sehr sie ihn im Grunde vermisste, und jetzt, wo er ihr gegenüber sass, wusste sie nicht, wie ihr geschah. Sie war im Begriff, sich in ihn zu verlieben – was bei ihm schon lange geschehen war. Während sie sich unterhielten und noch immer so taten, als ob sie einfach nur gute Kollegen wären, versuchte Pascal den Mut aufzubringen, Bettina zu sagen, was er wirklich für sie empfand. Doch er schaffte es nicht.

Sein Zaudern bedrängte ihn noch viel mehr auf der kurzen Rückfahrt im Auto zum Firmensitz. Er sass am Steuer, Bettina neben ihm, und je näher sie ihrem Fahrziel kamen, um so mehr gingen ihnen die Worte aus. Pascal hatte nur noch einen Gedanken, während er seinen Wagen auf einen Parkplatz lenkte: Ich muss sie fragen. Es geht nicht mehr anders.

Doch Pascal getraute sich immer noch nicht. Erst im allerletzten Moment, als sie das Firmengebäude betreten hatten und ein anderer Mitarbeiter ihnen entgegenkam, sagte er schnell:

„Eigentlich wollte ich dir im Restaurant eine Frage stellen.“

Kaum war es ausgesprochen, stand der Kollege auch schon vor ihnen. Pascal verabschiedete sich flüchtig und verschwand im nahe gelegenen Sitzungszimmer, wo bis zur Rückreise nach Vietnam seinen Arbeitsplatz hatte.

Er startete seinen PC , als er ein internes Mail erhielt. Von Bettina stammte die Nachricht, und sie bestand aus einem einzigen Satz:

„Was für eine Frage war es, die du mir stellen wolltest?“

Pascal fühlte sich, als ob ihn ein Fieberschub erfasst hätte. Er sass am PC, sah die Nachricht Bettinas und wusste, dass es keinen Aufschub mehr gab. Er musste antworten, und er musste es jetzt tun. Vielleicht war dies der wichtigste Moment seines Lebens.

Es war eine grosse Frage

Er tippte die Frage Wort für Wort in die Tastatur. Und er musste nichts daran ändern. Nun ging es bloss noch darum, auf Senden zu drücken, doch das war am schwierigsten. Pascal hatte den Finger schon auf der Taste, als er ihn wieder zurückzog. Er wusste, Bettina wollte die Frage erfahren, sonst hätte sie nicht geschrieben. Doch er zögerte, aus Angst vor der Antwort. Denn es war eine grosse Frage.

Er verbot sich jedes weitere Unschlüssigkeit und schickte das Mail auf die wagemutige Reise. Augenblicke später erschien Pascals Frage auf dem Bildschirm Bettinas. Die Frage lautete:

„Kannst du dir eine gemeinsame Zukunft mit mir vorstellen?“

Die Minuten, die darauf folgten, waren die längsten Minuten, die Pascal jemals erlebt hatte. Vielleicht war es auch nur eine einzige Minute gewesen. Denn Bettina brauchte für ihre Antwort keine Bedenkzeit.

„Ja“, schrieb sie klar und deutlich zurück, „ich kann mir eine gemeinsame Zukunft mit dir vorstellen.“

Nur wenige Monate vorher hatte sie Pascals Gefühle nicht zu erwidern vermocht. Jetzt konnte sie es. Sie konnte sich einem Mann versprechen, den sie noch nie geküsst hatte, mit dem sie noch nicht einmal im Kino gewesen war! – Ein Vernunftentscheid war das nicht. Aber es war auch kein Bauchentscheid. Bettina hatte nicht aus einer Laune heraus Ja gesagt. Eine Laune kann sich jederzeit ändern. Es war ein Herzensentscheid. Denn im Herzen wohnt die Gewissheit, und wenn die Zeit reif ist, spürt man diese Gewissheit.

Ihre Liebe zu Pascal war im Stillen gewachsen und grösser geworden, ohne dass sie es merkte. Über ein halbes Jahr war vergangen, seitdem sie sich das erstemal gegenüberstanden. Seither, mit jeder Begegnung vor dem Kopierer, mit jedem Gespräch von Schreibtisch zu Schreibtisch, mit jeder gemeinsamen Kaffeepause, mit jedem gemeinsamen Mittagessen, mit jedem Blick, den sie tauschten, mit jedem Gedanken und jedem E-Mail hatte Bettina stärker empfunden, dass niemand anders als er der Mann war, den sie gesucht hatte. Pascals Gewissheit war auch ihre Gewissheit geworden, und so hatte sie seine Frage ohne Zögern beantworten können.

5.1. steht auf den Freundschaftsringen von Bettina und Pascal. An jenem Januarmittag hatte Pascal das E-Mail seines Lebens gesendet. Und Bettina hatte Ja gesagt. Danach brannten sie beide darauf, sich die Liebe zu zeigen,  die sie sich auf so tollkühne Weise versprochen hatten. Doch die Arbeit liess ihnen während der restlichen Woche nicht die nötige Zeit. Und sie mussten vielleicht, jedes für sich, den Schock erst verdauen, eine gemeinsame Zukunft beschlossen zu haben, ohne sich jemals näher gekommen zu sein.

Sie waren deshalb ganz froh, nicht mehr im gleichen Büro zu sein. Und sie achteten auch darauf, sich nicht zufällig zu begegnen. Sie wollten sich erst am Samstag sehen. Bis es soweit war, schrieben sie sich Dutzende E-Mails, und der Ton darin war ein anderer. Jetzt, wo sie sich zueinander bekannt hatten, durften sie ungehemmt flirten und aussprechen, was sie fühlten. Vor allem aber sehnten sie den Samstag herbei. Die Vorfreude auf ihr Date liess ihren Herzschlag, wenn sie nur daran dachten, nach oben schnellen.

Spazierengehen half

Sie trafen sich auf dem Parkplatz der Firma, und der Moment, als Bettina auf Pascals Auto zukam, hatte fast etwas Feierliches. Als sie dann aber im Auto neben ihm Platz nahm, wurde es plötzlich ganz schwierig. Sich drei Küsschen zu geben, war jetzt unmöglich. Alles andere aber auch. Pascal sprach es als erster aus:

„Was macht man in einer solchen Situation?“

Spazierengehen, fanden sie beide - das hilft. Es war ein schöner Wintertag, sie fuhren ins Triemli am Zürcher Stadtrand und wanderten bergwärts zum Üetliberg. Sie berührten sich nicht, immer noch nicht und gaben sich auch nicht die Hand. Nebeneinander zu gehen, zu reden und hin und wieder scheue, glückliche Blicke zu tauschen, war wie tausend Berührungen. Auf dem Rückweg lud Pascal, der mitten in Zürich wohnte, Bettina zu sich ein. So konnte sie sehen, wie er wohnte.

Sie fühlte sich wohl bei ihm. Draussen wurde es dunkel, der Nachmittag verwandelte sich in einen gemütlichen Winterabend, und Pascal feuerte das Cheminee an, das zu seiner Wohnung gehörte. Doch es zeigte sich, dass er im Anfeuern ziemlich wenig Erfahrung besass. Rauch quoll aus dem Kamin und verbreitete sich im ganzen Zimmer.

„Warum raucht es so stark, wenn ich anfeuere?“ fragte Pascal verwundert.

"Weil du den Rauchabzug nicht geöffnet hast!“ erklärte Bettina. Sie fand den Abzug und öffnete ihn, der Rauch verzog sich, das Feuer brannte und knisterte, und alles war gut.

Nie werden die beiden vergessen, sage ich an ihrer Trauung, dass an jenem Abend der Ofen geraucht hat - und dass es danach sehr romantisch wurde. Sie fühlten sich wie zu Teenagerzeiten, sie waren verlegen und aufgeregt, und sie redeten, bis es nicht mehr notwendig war, zu reden. Bis sie sich anschauen durften. Solange sie wollten.

*

So sind Pascal und Bettina zusammengekommen, beende ich ihre Geschichte. In der Fällander Waldhütte prasselt noch immer das Feuer im Cheminee. Es prasselt wie damals, wie zur Erinnerung an ihr erstes gemeinsames Feuer am Abend jenes Januartages. In der Zeit danach hatten sie kaum Gelegenheit, ihre Liebe zu feiern. Pascal reiste wieder nach Vietnam, und Bettina, die nicht daheim bleiben und auf ihn warten wollte, entschloss sich zu einem Sprachaufenthalt in Australien.

Sie schrieben und telefonierten sich, doch eine Zeit der Trennung ist immer auch eine Zeit der Prüfung. Bettina kehrte vor Pascal zurück in die Schweiz. Und als dann er selbst am Flughafen Kloten ankam und sie ihn nach der Zollkontrolle erwartete, war auch dies ein Moment, der das Klopfen der Herzen beschleunigte.

Doch sie bestanden die Prüfung. Als sie sich sahen, wussten sie beide: Es gilt. Es gilt immer noch. Wir gehören zusammen.

 

Namen geändert

Autor: Nicolas
Lindt