Orchideen für Zolty

17 Jahre war er für die gleiche Spreitenbacher Transportfirma tätig. Plötzlich starb er. Eine etwas andere Gedenkfeier in einer Garage.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Ein Altar, wo normalerweise Lastwagen stehen
(Bild NL)

Die Gedenkfeier für Zolty findet in der Garage der Lastwagenfirma statt, mitten in der Gewerbezone von Spreitenbach, und als ich am frühen Abend dort ankomme, kann ich mir kaum etwas Unfeierlicheres vorstellen als eine Feier an diesem Ort. Hier, wo sich Firmengebäude an Firmengebäude und Parkplatz an Parkplatz reiht, wo die schweren Transporter schon startbereit für den nächsten Morgen wie Elefanten nebeneinander in Reih und Glied stehen – hier hat Zolty 17 Jahre gearbeitet. So viele Jahre hat er Tag für Tag mit einem der grossen Laster Lebensmitteltransporte gemacht, und nun, mit erst 55 ist er gestorben, und die Besitzerfamilie der Firma macht für ihn diese Feier, denn Zolty hat zur Familie gehört, der Patron war für ihn wie ein Vater, und wenn ihn der Patron fragte, ob er an seinem freien Tag ausnahmsweise eine Tour übernehmen könne, hat er sie übernommen. Aber das machte er nur für den Chef.

Als ich den Raum betrete, erkenne ich die Garage nicht wieder, die mir die Tochter des Patrons bei meinem ersten Besuch gezeigt hat. Mit Tüchern und Spots haben die Mitarbeiter vom Büro eine geschützte, intime Stimmung geschaffen, viele Stühle stehen bereit, und vorne wurde ein kleiner weiss gedeckter, mit Orchideen und brennenden Kerzen geschmückter Altar aufgebaut, in dessen Mitte ein Porträt von Zolty steht, ein typisches Bild von ihm, die langen, weiss gewordenen Haare zum Rosschwanz gebunden, die abgedunkelte Brille, untypisch nur die Krawatte, das sagen alle, die Zolty kannten, eine Krawatte hätte er nie getragen, das muss ein Foto von seiner Hochzeit sein.

Die Chauffeure treffen ein, seine Kollegen, die einen kommen direkt von der Tour, die anderen von zu Hause, sie opfern den Feierabend, um ihren verstorbenen Kameraden zu ehren, die ganze Familie des Unternehmers hat sich versammelt, alle arbeiten mit im Geschäft, und allen ist Zolti nahe gestanden. Sie trauern um ihn wie um einen verlorenen Freund.

Zur Einstimmung hat die Mitarbeiterin im Sekretariat ein klassisches Stück ausgewählt, Mozart erklingt, und obwohl vermutlich keiner der Männer, die hier nebeneinander sitzen, bei sich daheim Mozart hört, wird es still im Raum, und eine leise Traurigkeit erfüllt die Garage.

Zolty war Ungar, beginne ich zu erzählen, und er blieb es in seinem Herzen bis ganz zuletzt. In die Schweiz kam er erst mit 18, allein, die Eltern durften nicht emigrieren, denn damals, vor 40 Jahren, war Ungarn noch kommunistisch regiert. Zoltans Vater war Akademiker, der Dohn jedoch wurde Taxifahrer in Zürich, verlobte sich viel zu jung, heiratete, wurde Vater einer Tochter, für die er nach der Trennung nur noch bezahlen durfte. Das hat ihn die ganze Zeit tief bekümmert, und glücklicherweise erlebt er nicht, dass seine Tochter nicht einmal jetzt, an der Abschiedsfeier für ihn erscheint. Sie mag ihre Gründe haben, denke ich so für mich, aber sie hätte kommen können.   

Das Taxifahren gefiel dem jungen Heimatlosen aus Ungarn, er redete gern mit den Leuten, er war ein interessierter und fröhlicher Mensch, und er verkaufte sein Taxi erst, als ihm das Taxifahren durch immer mehr Neueinsteiger ohne Erfahrung und ohne Berufsstolz verleidet wurde. Mit 40 machte Zolty die Lastwagenprüfung. Er wollte die Branche wechseln – und so kam er zum Spreitenbacher Transportunternehmen.

Easy Rider

Eigentlich aber war Zolty kein Autofahrer. Schon am ersten Tag in der neuen Firma fuhr er nicht mit dem PW vor, sondern mit seiner Harley. Das war Zolty – Zolty und sein gelb gestrichener Töff. Von da an stand während 17 Jahren, bei mildem Wetter sogar im Winter, jeden Morgen die Harley am Eingang, und alle wussten, Zolty ist da. Da eine Harley Davison kein normales Motorrad ist, sondern eine Lebenseinstellung, musste sich ihr Besitzer entsprechende Sprüche gefallen lassen. Manchmal zum Beispiel hinterliess seine Harley ölige Flecken auf dem Asphalt. Da meinte der Sohn des Patrons, der es mit Zolty gut konnte, einmal zu ihm:

„Dein Töff ist nicht gerade sehr umweltfreundlich. Schau’ mal, wie er tröpfelt und rinnt!“

Darauf erwiderte Zolty mit der grössten Gelassenheit: „Eine Harley rinnt nicht – sie markiert. Und das tut sie an derselben Stelle nur einmal.“

So markierte Zolty mit seiner Harley und seinen Harley fahrenden Freunden die ganze Region. Er war Mitglied in mehreren Harley-Clubs, die nicht nur der gemeinsamen Leidenschaft dienten, sondern noch mehr der Geselligkeit und Kameradschaft, deren Wert sich vor allem dann erweist, wenn man Pech in der Liebe hat. Auch Zolty hatte Pech in der Liebe. In all den Jahren war er öfter allein unterwegs als mit einer Dame an seiner Seite. Er blieb in einem gewissen Sinne der Heimatlose, und er reiste nach Ungarn, so oft es ihm die Ferien erlaubten.

Eine Art Heimat aber hat er gehabt, sage ich und blicke in die versammelte Runde - das waren Sie. Zu Ihnen hat er gehört, hier wurde er gebraucht und geschätzt, als Mensch und ebenso sehr als erfahrener Lastwagenchauffeur. Die jungen Chauffeure mochten ihn, weil er ihnen geholfen hat, wann immer sie Hilfe brauchten. Er konnte zum Beispiel mit Anhängern fahren. Das kann nicht jeder, das muss gelernt sein, vor allem das Manövrieren und das Parkieren mit einem Anhänger. Zolty hat es den Jungen immer wieder gezeigt oder manchmal auch abgenommen. „Er war mein GPS in der Firma“, hat einer der Jungen gesagt, der neu in die Firma gekommen ist. Ein GPS war Zolty für viele von ihnen.

Mittlerweile gehörte er zu der älteren Garde – was sich unter anderem darin zeigte, dass er die noch handgeschalteten Lastwagen  gegenüber den Automaten bevorzugte. Sein Fahrzeug war in der Regel die Nr. 4, und auf der Tafel hinter der Scheibe prangte sein Name in grossen Lettern. Mit diesem Wagen fuhr er am liebsten, und in letzter Zeit immer mehr. Er wurde älter. Er war nicht mehr gern unterwegs mit Lastern, die er nicht kannte, und er fuhr auch zu Kunden, die er nicht kannte, immer weniger gern. Zolty wollte sich frühzeitig pensionieren lassen, im Grunde wenn möglich schon jetzt, er war 56, und er hätte morgen schon aufhören wollen. Nicht wegen der Firma. Die Firma war ein Zuhause für ihn, das hatte sich nie geändert. Doch er war müde geworden, müde nach all den Jahren am Lenkrad, und er hatte den Wunsch, sich zur Ruhe zu setzen.

Doch er wusste, dass er noch durchhalten musste, vier Jahre noch, bis er 60 war. 

Eine Tour am Sylvestermorgen

Die Tour 70 war seine Lieblingstour, immer samstags, und auch der 31.12. war diesmal ein Samstag. Frühmorgens um 5 fuhr er los, in den Aargau, Schafisheim war das Ziel seiner Tour, er kannte die Leute dort, er freute sich auf den Kaffee mit ihnen. Zolty war gesund. Auch an diesem Morgen war er gesund, und er hatte auch keine durchzechte Nacht hinter sich. Ob er etwas geahnt hat, wissen wir nicht.

Um 8 Uhr 30 kommt er in Schafisheim an. Marko, der Sohn des Patrons und Juniorchef, erinnert sich an die Uhrzeit, denn um 8 Uhr 30 hat ihm Zolty telefoniert und ihm gebeichtet, er habe bei seiner Ankunft, beim Rückwärtsfahren die Mauer erwischt und das Anhängerrücklicht kauttgemacht. Zolty gab so etwas immer gleich offen zu, und so meinte der Juniorchef nur:

„Das kann passieren. Beruhige dich einfach, bevor du zurückfährst. Bis zum Sylvesterapéro in der Firma, kurz vor Mittag, bist du wieder bei uns, ok?“

„Ok“, bestätigt Zolty, „bis später.“ Alles ist wieder gut. Und ein anderer Chauffeur, der zur gleichen Zeit wie der Ungar in Schafisheim war, berichtet, Zolty habe mit ihnen Kaffee getrunken wie immer, er habe Sprüche gemacht, wie so oft, bevor sie sich etwas später zu ihren Wagen begaben.

Um 9 Uhr läutet das Telefon in der Firma erneut. Zolty liege bewusstlos am Boden, berichtet ein Kollege aus Schafisheim mit sich überschlagender Stimme. Er sei beim Beladen des Wagens plötzlich zusammengebrochen.

Marko, der Juniorchef, fährt sofort los – und er rast mehr als er fährt. Als er in Schafisheim eintrifft, ist die Sanität längst vor Ort, doch sie hat keine Funktion mehr. Zolty erlitt eine Herzattacke. Man hat ihn vergeblich zu reanimieren versucht. Die Nachricht verbreitet sich rasch, die SMS gehen von Fahrzeug zu Fahrzeug, und mittags, als die Chauffeure von der Frühschicht zurück nach Spreitenbach kommen, haben sie Tränen in ihren Augen. Aus dem Sylvesterapéro werden bestürzte, stille Gedenkminuten.

Und auch jetzt wieder, einige Tage später, an der traurigen Feier in der Garage, sehe ich die Betroffenheit in den Blicken der Männer, als ich von ihrem Kollegen erzähle, der dem Leben so unerwartet entrissen wurde. Unter den Anwesenden sind auch einige Frauen von Lastwagenfahrern, auch sie haben Zolty gekannt oder von ihren Männern immer wieder gehört, was für ein feiner Kerl dieser Zolty war. Eine der Frauen, die schon einiges älter ist, kann die Tränen fast nicht zurückhalten – und das muss sie auch nicht. Die Frau heisst Eva, sie ist eine Ungarin, und mit Zolty verheiratet.

Eva

Sie sind sich begegnet, in Budapest, das war vor zehn Jahren. Was heisst begegnet – sie sind sich wiederbegegnet, denn Zolty kannte Eva schon in der Jugend, sie war seine erste Liebe, und als er sie wieder antraf, sind die Gefühle, die jahrzehntelang schliefen, mit aller Macht neu erwacht. Eines Tages haben sie dann in Ungarn geheiratet, von da stammt das Bild, das Zolty mit Krawatte und Anzug zeigt. Für das Glück einer späten Liebe hat sich der Easy Rider ausnahmsweise in Schale geworfen.

Seit er mit Eva zusammen war, reiste Zolty in seinen Ferien und an jedem verlängerten Wochenende zurück in die alte Heimat. Und er plante, noch am Tag seiner Pensionierung ganz nach Ungarn überzusiedeln. Deshalb sein Wunsch, sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen zu lassen. Eva arbeitet in der Hauptstadt, sie hat zwei Töchter, die den schweizerischen Ungaren lieben, und nach der Hochzeit kaufte das Paar in Ungarn ein Haus. Auf diese Weise hat Zolty endlich, jedesmal, wenn er Eva und ihre Töchter in Ungarn besuchte, das Familienleben erleben dürfen, das er wohl immer vermisst hat.

Über Weihnachten nun ist Eva zu ihm gekommen, sie wohnte bei ihm in der Wohnung, in der er so viele Jahre allein gehaust hat, und sie bereitete ihm das Essen, wenn er von seinen Touren zurückkam. Auch am Sylvestermittag wollte sie für ihn kochen. Noch im Laufe des Vormittags aber wurde sie von der Polizei aufgesucht. So erfuhr sie die Schreckensnachricht, und ihr einziger Beistand in diesem Moment waren ihre zwei Töchter, die mit ihr in die Schweiz gereist waren.

Kurze Zeit später stand der Patron von Zolty an ihrer Tür, begleitet von einem jungen Ungarn, dem Zolty einen Job in der Firma vermittelt hatte. Der Unternehmer sah es als seine selbstverständliche Pflicht an, der zur Witwe Gewordenen persönlich sein Beileid zu überbringen. Der junge Ungar übesetzte. Eva nahm die tröstenden Worte des Firmenchefs, von Schluchzen geschüttelt, entgegen. Aber sie hat gespürt, wie erschüttert auch er war, der inzwischen ältere Herr, der Zolty vor siebzehn Jahren angestellt hat. Der Gang zu ihr fiel ihm schwer. Er hätte es nicht tun müssen. Er hätte auch die Gedenkfeier in der Garage nicht veranlassen müssen. Doch er hat es getan.

Es war Zolty nicht mehr vergönnt – schliesse ich meine Worte an der Gedenkfeier –, seinen Lebensabend mit Eva in Ungarn verbringen zu können. Doch er wird seine letzte Ruhestätte dort finden – dort, wo seine Wurzeln sind, wo seine Eltern begraben sind. Vielleicht hätten sie ihren Sohn nie aus der Heimat wegschicken dürfen.

Mit einem weiteren klassischen Stück Musik geht die Feier in der Garage, wo schon morgen wieder die Lastwagen stehen, zu Ende. Noch immer brennen die Kerzen auf dem Altar, und noch immer leuchten die Orchideen im flackernden Licht. Orchideen für Zolty, dessen Porträt immer noch mittendrin hängt. Vor dem Bild aber, man sieht es kaum, steht ein kleines Motorrad. Die Harley durfte nicht fehlen.

 

Autor: Nicolas
Lindt