«An Weihnachten um punkt neun Uhr denken wir aneinander!»

Als er neu in die Firma trat, haben sie sich ineinander verliebt. Doch sie konnten und wollten ihre Liebe nicht leben, weil sie beide in festen Bindungen waren. Zwei Jahre vergingen auf diese Weise. Doch dann, an Weihnachten wurde die Sehnsucht zu gross.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Er blickt hinaus in die Winterabend und schickt seine Gedanken zu ihr.
(Bild NL)

Dass Mathias und Stefanie ihre Hochzeit auf einen Abend im Advent gelegt haben und dass es nach der Zeremonie für alle Gäste ein Fondue gibt, ist doch eher ungewöhnlich. Lassen Sie mich erzählen, sage ich an der Trauung des Paares, dann verstehen wir ihre Wahl. Die Geschichte der beiden beginnt vor drei Jahren und sie beginnt nicht im Ausgang und nicht auf einer Partnerwahlseite, sondern in der Schweizer Niederlassung eines deutschen Unternehmens der Modebranche, für das Stefanie arbeitet. Bernard, ihr Chef, deutet im internen Bulletin auf das Porträt eines zukünftigen neuen Mitarbeiters und sagt zu Steffi:

«Er und du, ihr würdet gut zusammenpassen!»

Die völlig unvermittelte Aussage ihres Chefs bringt Stefanie für einen Moment durcheinander. Die Sicherheit, die er in seine Worte legt, irritiert sie - auch deshalb, weil Bernard eigentlich wissen sollte, dass sie seit etlichen Jahren in einer festen Partnerschaft lebt und sich nicht erinnern kann, ihrem Chef gegenüber jemals angedeutet zu haben, dass sie an diese Partnerschaft nicht mehr glaubt. Sie hat zwar immer wieder an ihrer Liebe gezweifelt und sich mehrere Male sogar von ihrem Freund losgesagt. Doch sie kam jedesmal wieder zu ihm zurück und sie will bei ihm bleiben.

Dennoch glaubt ihr Vorgesetzter zu wissen, was gut für sie ist. Er will sie verkuppeln mit einem Wildfremden, den sie noch nie gesehen hat. Die 27jährige nimmt die Aussage ihres Chefs nicht weiter ernst - und vergisst den Neuen, der Mathias heisst.

Doch dann steht der Neue auf einmal vor. Es ist sein erster Arbeitstag, und er wird dem Team zunächst vorgestellt. Als er auch Steffi begrüsst, muss sie sofort daran denken, was ihr Bernard gesagt hat. Und sie kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihr dieser Mathias vom ersten Moment an gefällt.

Da er im Aussendienst tätig ist, treffen sie sich in der Firma nur selten an. Doch jedesmal, wenn sich der Neue im gleichen Raum wie Stefanie aufhält, bemerkt sie, dass seine Blicke hin und wieder in ihre Richtung wandern. Tatsächlich findet auch Mathias Stefanie interessant. Aber auch er ist nicht auf der Suche. Ein Jahr davor hat er eine Beziehung zu einer alleinerziehenden Mutter begonnen. Inzwischen schon 30, glaubt er an die Zukunft dieser Verbindung und fühlt sich ihr – auch wegen des Kindes - verpflichtet.

Ein Wochenende im Schnee

In einem Unternehmen jedoch, das mit der Zeit geht, wird bekanntlich nicht nur gearbeitet. Es gibt Weihnachtsessen, Betriebsausflüge, Apéros aus jedem erdenklichen Grund – und es gibt das jährliche Skiweekend. Wie die meisten seiner Kollegen meldet sich für das Weekend auch Mathias an, der sich in der neuen Firma gut eingelebt hat. Er freut sich auf das Wochenende im Schnee. Er freut sich unter anderem deshalb, weil er weiss, dass auch Stefanie daran teilnehmen wird. Das Weekend findet in der Lenzerheide statt, und am Abend des ersten Skitags treffen sich alle vor dem gemeinsamen Abendessen in der Hotelbar. Endlich bietet sich Mathias die Gelegenheit, die Kollegin kennenzulernen. 

Als Stefanie sich ein Bier bestellt, meint er vergnügt: «Das gefällt mir – eine Frau, die ein Bier trinkt!»

So kommen sie ins Gespräch. Sie führen ihre Unterhaltung auf dem Weg zum Lokal fort, wo sich alle zum Essen versammeln, und sie setzen sich am Tisch nebeneinander. Es ist ein Fondueplauschabend - und jetzt wissen wir auch, warum Steffi und Mathias an ihrer Hochzeit ein Fondue servieren. Es soll erinnern an ihren ersten gemeinsamen Abend. An das Glück, sich begegnet zu sein.

Sie lassen sich den geschmolzenen Käse schmecken, aber noch viel besser schmeckt es, miteinander zu reden und über die Worte hinaus zu spüren, wie sehr man sich mag. Und wie allen Paaren, die sich entdecken, geht es auch ihnen an diesem Abend: Ihr Zusammensein wird so intensiv, dass sie die andern am Tisch zeitweise völlig vergessen. Auch am folgenden Tag und während des ganzen Wochenendes sieht man sie dauernd zusammen. Weder Mathias noch Stefanie denken an diesem Wochenende oft an ihr Leben zuhause.

Ihr würdet gut zusammenpassen, hat Bernard zu Steffi gesagt. Es scheint, als sei der leichthin ausgesprochene Satz doch nicht nur einer unüberlegten Laune entsprungen. Auch nach dem Weekend, wieder im Arbeitsalltag, nehmen die beiden jede Gelegenheit zu einem Kontakt wahr. Wenn Mathias, unterwegs im Aussendienst. eine Auskunft vom internen Kundendienst braucht, wählt er nicht die Hotline, sondern die Nummer von Stefanie. Wann immer er sich in der Firma aufhält, gehen sie über Mittag zusammen essen. Wenn er nach Feierabend noch einmal zurückkehrt und Steffi noch da ist, erlauben sie sich einen Drink im Lokal nebenan. Und während der vielen Stunden, in denen sie sich nicht sehen, schreiben sie sich zwischendurch oder bleiben am Telefon hängen.

Sie können und wollen es nicht vermeiden, dass sie sich näherkommen.

Die Zweifel verstummen nicht

Doch dann halten sie inne, gehen keinen Schritt weiter und besinnen sich auf die Loyalität, die sie ihren Partnern versprochen haben. Sie sehen sich immer noch und sie suchen sich auch immer noch, aber sie bleiben Kollegen - Arbeitskollegen, die sich halt einfach gut mögen. Sie arrangieren sich damit, etwas zu sein, was sie längst nicht mehr sind. Stefanie vergisst den Satz, den Bernard zu ihr gesagt hat. Sie hat ihn auch Mathias nicht verraten. Es scheint, als habe es die Vorahnung Bernards gar nie gegeben.

So vergehen Monate. So vergeht ein Jahr und ein zweites, und ein drittes beginnt. Stefanie ist nicht glücklich in ihrem privaten Leben. Die Zweifel bedrängen sie immer wieder von neuem, doch Steffi versucht sie zu überhören und das schöne Bild ihrer Treue zu konservieren. Nahrung erhält dieses Bild auch immer wieder aus ihrem Umfeld. Ihre Familie, ihre Freunde, alle finden: du und er, ihr gehört doch zusammen!

Also hofft auch Stefanie, dass es so sei.

Mathias geht es nicht anders als ihr. Oft weiss er nicht, ob es Liebe oder vielleicht schon Gewohnheit ist, was er empfindet. Wenn es Gewohnheit ist – muss es so sein? Ja, gibt er sich selber die Antwort, vielleicht muss es so sein. Ich habe mich entschieden. Wenn ich meine Entscheidung rückgängig mache, was würde es ändern? Ich würde jemand anderen kennenlernen, alles wäre spannend und neu, doch wieder käme nach einer Weile die Macht der Gewohnheit. Dann würde ich wieder zweifeln. Also bleibe ich, wo ich bin, und bekenne mich dazu.

Es klingt vernünftig, was sich Mathias immer wieder zurechtlegt. Doch in seinem Zurechtlegen fehlt etwas. Etwas, das nach Jahren noch brennt - wenn es Liebe ist. Mathias vermisst das Feuer.

Eines Morgens im September vor einem Jahr hat er auf einmal den brennenden Wunsch, den Tag nicht zu beginnen, ohne Stefanies Stimme zu hören. Er ist bereits unterwegs zu seinem ersten Termin und telefoniert ihr von auswärts, Steffi nimmt ab, auch sie fährt gerade zur Arbeit, und freut sich, dass es Mathias ist. Aus ihrer Freude wird Überraschung, als Mathias nicht wie sonst einfach nur plaudern will, sondern ohne Vorwarnung mit ihr flirtet.

Nach der Intimität dieses Telefons ist für beide nichts mehr wie vorher. Ihre stillschweigende Übereinkunft, keine Gefühle zu zeigen und keine Erwartungen zuzugeben, gilt nicht mehr. Sie suchen sich intensiver denn je, treffen sich wieder öfter, telefonieren und schreiben sich öfter und geben sich keine Mühe mehr, zu verbergen, was sie empfinden.   

Nur die Wochenenden bleiben tabu. An den Wochenenden versuchen sie festzuhalten, was während der Woche immer mehr ins Wanken gerät.

Die Lage, so könnte man es beschreiben, spitzt sich zu. Es wird Dezember, Weihnachten steht bevor - und damit die schmerzvolle Aussicht, sich während vieler Tage nicht mehr zu sehen. Am Morgen des Heiligen Abends schreibt Stefanie an Mathias ein SMS. Es ist eine traurige Nachricht, sie schreibt:

«An Weihnachten möchte man mit den Menschen zusammensein, die man am liebsten hat. Da würdest auch du dazugehören.»

Als Mathias antwortet, er vemisse sie ebenso, hat Stefanie eine Idee: „Um punkt neun Uhr abends denken wir aneinander. Ich werde ganz fest an dich denken. Vielleicht hilft das.“

Auch Mathias hofft, dass es helfen möge. Beide wissen: Wir werden am Weihnachtsabend um neun Uhr nicht ungestört sein. Doch aneinander zu denken, ist nicht verboten.

Je näher der Zeiger auf 21 Uhr rückt, um so nervöser wird Mathias. Er hält es auf seinem Stuhl kaum noch aus, konsultiert die ganze Zeit seine Uhr. Als die volle Stunde erreicht ist, entschuldigt er sich für einen Moment und geht nach draussen. An einem Fenster stehend, blickt er hinaus in die Nacht und schickt seine Gedanken zu Stefanie – während an einem anderen Fenster in einer anderen Stadt Stefanie steht. Sie drückt ihre Augen, die sich mit Tränen füllen, fest zu, versucht sich Mathias vorzustellen und übermittelt ihm eine stumme Liebeserklärung. Die Gedanken, die sie einander senden, sind Hilferufe. Sie rufen einander zu: Warum können wir nicht zusammensein?

Teil 2

Danach, in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr versuchen sie sich zu erreichen, wann immer sie eine Gelegenheit finden. Und am Silvesterabend versprechen sie sich erneut, aneinander zu denken und sich die Hände entgegenzustrecken. Sie tun es, doch die Unmöglichkeit, zusammenzukommen, macht alles nur schlimmer, und es gibt keinen Ausweg. Denn beide, Steffi und Mathias, haben gelernt, dass man eine Verpflichtung nicht leichtfertig bricht: Wir haben zu unserem Leben Ja gesagt - so wie es ist. Wir wollen nicht einfach aussteigen. Wir dürfen nicht einfach aussteigen.

So versuchen sie ihre Gefühle zurückzuhalten. Doch ihr Ausstieg, den sie sich nicht erlauben, hat längst begonnen.

In den ersten Tagen des neuen Jahres reist Mathias mit Bernard, dem Chef und einem weiteren Arbeitskollegen an eine Messe nach Köln. Am Abend haben die drei Messebesucher Gelegenheit, sich die Zeit zu vertreiben. Sie gehen eins trinken und fachsimpeln unter Männern über die weiblichen Mitarbeiter des Unternehmens. Als die Rede auf Stefanie kommt, sagt Mathias:

«Mit ihr könnte ich mir schon etwas vorstellen. Ich mag sie einfach sehr gut. Ich kann unglaublich gut mit ihr reden. Aber das ist rein platonisch.»

Darauf meint Bernard versonnen: «Nun ja, in zehn Jahren werden wir diese Messe ein weiteres Mal besuchen, dann wirst du zwei Kinder mit Stefanie haben.»

Wieder macht Bernard im Plauderton eine Aussage, die in das Herz von Mathias wie eine Bombe fällt. Er lässt sich seine Aufgewühltheit nicht anmerken, doch er denkt: Wenn sogar andere schon davon überzeugt sind, dass Steffi und ich zusammengehören - dann ist es offenbar wirklich so, dann müssen wir den Schritt tun.

Noch am gleichen Abend, im Hotelzimmer, sendet er ihr eine Nachricht. Er schreibt ihr, was Bernard gesagt hat, und Stefanie reagiert darauf so bewegt wie er. Jetzt endlich verrät sie Mathias auch, dass ihr gemeinsamer Chef von Anfang an alles vorausgesehen hatte.

Die Dinge beschleunigen sich

In dieser Nacht findet Stefanie keinen Schlaf. Auch sie weiss inzwischen nicht mehr, ob sie bloss noch treu und vernünftig an etwas festhält, das im Grunde längst keine Kraft mehr besitzt. In jeder Liebesgeschichte gibt es irgendwann einen Moment, wo wir uns unvernünftig verhalten müssen. Tun wir es nicht, dann kann es geschehen, dass uns entgleitet, was wir so sehnlichst ergreifen wollten. Dieser Moment ist bei Mathias und Steffi erreicht. Die Dinge beschleunigen sich. Zwei Wochen später reisen die Mitarbeiter des Unternehmens an eine weitere Messe in Deutschland, diesmal nach München. Während Stefanie erst später dazustossen wird, ist Mathias mit Bernard zusammen schon vorher in München. Und wieder ergibt es sich, dass sie am Abend Zeit zusammen verbringen.

Mathias zögert nicht und bekennt: «Mit dem, was du da in Köln über mich und Stefanie sagtest, hast du mich ins Schleudern gebracht.»

Bernard erinnert sich. Und er meint trocken: «Sagte ich 10 Jahre? Solange wird es nicht dauern. Ihr werdet schon früher eine Familie sein.»

Das Gefälle wird steiler. Die Ordnung im Leben von Mathias kommt bedrohlich ins Rutschen. Wieder schreibt er Stefanie, was Bernard gesagt hat - doch eigentlich ist es bereits geschehen. Nichts kann die beiden noch daran hindern, zu tun, was das Leben von ihnen erwartet. Als Stefanie am folgenden Tag vor dem Münchner Hotel aus dem Taxi steigt, kommt Mathias auf sie zu - und sie küssen sich.

*

So sind die beiden zusammengekommen, an einem Januarmorgen in München. Doch sie waren noch nicht erlöst. Beide kehrten am Wochenende in ihre Leben zurück, und beide wussten: Wir müssen Farbe bekennen. Die folgenden Tage wurden zu Tagen des Ringens mit sich selbst. Mathias litt so sehr, dass er gar nicht mehr arbeiten konnte. Auch Stefanie ging es nicht gut, doch am Ende der Woche machten sie den Schritt ganz. Es war höchste Zeit.

Haben Sie sich etwas vorzuwerfen? frage ich an ihrer Trauung. Die Antwort ist Nein. Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Fast drei Jahre zögerten sie, ihre wahren Gefühle zu leben. Und noch Wochen danach, in ihren ersten gemeinsamen Ferien, haben sich in ihr Glück gelegentlich Schuldgefühle gemischt, obwohl Schuldgefühle heute freiwillig sind.

Noch im gleichen Jahr, beschliesse ich meine Schilderung, haben sie sich verlobt. Und noch im gleichen Jahr nun wollen sie heiraten. Stefanie und Mathias müssen sich nicht mehr kennenlernen, sie kennen sich, und sie mögen nicht länger warten – deshalb die Hochzeit am Jahresende, mitten im Winter. In verzehrender Sehnsucht haben die beiden das Jahr begonnen. Dankbar dafür, dass sich ihre Sehnsucht erfüllt hat, beenden sie es.

Das Schlusswort jedoch soll nicht ihnen gelten, sondern dem Menschen, der von Anfang an wusste, dass sie zusammengehören. Wie konnte Bernard so felsenfest sicher sein? Er konnte nicht sicher sein. Aber das Leben hat ihn dazu bestimmt, den beiden zu helfen, und er hat es getan. Stefanie und Mathias sind ihm dankbar dafür. Ihr müsst mir nicht dankbar sein, hat Bernard ihnen geantwortet. Ich habe nur ausgesprochen, was ich spürte.

Autor: Nicolas
Lindt