Wo ist mein Hund?

Er zog sich Schritt für Schritt aus der Welt zurück. Er vergass die Vergangenheit, er vergass sich selbst. Aber bis zuletzt fragte er nach seinem Hund. Eine Abdankung in der Waldfriedhofkapelle Gossau.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Auf dem Waldfriedhon Gossau
(Bild NL)

Abdankung in der Waldfriedhofkapelle von Gossau für einen 65jährigen, der sich schon seit einigen Jahren Schritt für Schritt aus der Welt entfernt hat. Erichs allmählicher stiller Ausstieg fing damit an, dass er das neue Computersystem in der Bank nicht mehr begriff und in seiner Arbeit immer mehr Fehler machte, bis er entlassen wurde. Als er eines Morgens wie jeden Morgen die Bank betrat, bestellte man ihm ein Taxi, das ihn zusammen mit einer gnädigen Abfindung wieder nach Hause spedierte.

Mitte 50, arbeitslos und gelegentlich etwas verwirrt, waren Erichs Aussichten nicht die besten. Er fiel in ein Loch, und er stürzte noch tiefer, als auch seine Partnerin ihn verliess. Auf einmal begann es um ihn herum immer stiller zu werden. Eine neue Stelle suchte er ohne Erfolg – doch er fand Lana, die Hündin, die ihn fortan zu trösten vermochte, wann immer er Trost benötigte, weil der Hund wirklich des Menschen Freund ist.

Als er mit Lana die Hundeschule besuchte, fiel der Trainerin sehr bald auf, dass Erich einfachste Übungen nicht verstand und mit dem Hund etwas völlig anderes machte, als sie gezeigt hatte. Auch die Nachbarn von Erich beboachteten, wie ihn die täglichen Anforderungen des Lebens zunehmend überforderten. Das Haus mit Garten, das er besass, begann darunter zu leiden, dass seinem Besitzer Eigentum nichts mehr bedeutete. Aber auch Lana, die Hündin, die er doch liebte und brauchte, blieb immer mehr sich selbst überlassen, und eines Tages beschlossen die Nachbarn, die Gemeinde zu informieren.

Erich selber merkte zwar, dass es ihm nicht gut ging, doch er wusste nicht, wie krank er in Wirklichkeit war. Und er wusste auch bereits nicht mehr, was es bedeutete, dass von nun an eine von der Gemeinde bestimmte Person ihn betreute und unterstützte. Er mochte Edith und er war froh, dass sie ihm half, seinen Alltag und seine Finanzen zu regeln. Er willigte auch ohne Widerstand in eine ärztliche Untersuchung ein. Alzheimer, lautete der Befund, doch für Erich brach keine Welt zusammen, als ihm Edith die Krankheit erklärte. Erichs Welt war schon vorher zusammengebrochen, es konnte ihm nichts mehr geschehen. Als ihn die Beiständin behutsam damit konfrontierte, er dürfe nun auch nicht mehr autofahren, protestierte er nicht wie jemand, der sich bevormundet fühlt. Er sagte nur: Wenn Sie denken, dass es gut für mich ist, dann machen Sie es.

Das sagte er meistens von jetzt an, wenn ihm wieder ein weiteres Stück seiner Selbständigkeit aberkannt werden musste. Und er meinte es nicht resigniert oder bitter. Er sagte es, so wie ein Kind Erleichterung zeigt, wenn man es in der Dunkelheit an der Hand nimmt. Und jedesmal, wenn sich Edith nach einem Besuch bei ihm verabschieden wollte, bat er sie, noch zu bleiben

Warum bin ich eigentlich hier?

Er war nicht gern allein, und als er bei sich zuhause nicht mehr betreut werden konnte und in ein Heim überführt wurde, das speziell für Patienten wie er konzipiert ist, fand er das überhaupt nicht schlimm. In seiner Wohngruppe war er endlich wieder unter den Leuten – auch wenn er zu Edith bemerkte, als sie das erstemal im Heim zu Besuch kam:

„Warum bin ich eigentlich hier? Diese Leute da, die sind doch gaga!“ Und dazu wedelte er mit der aufgefächerten Hand vor der Stirn herum, so wie wir das machen, wenn wir eigentlich damit sagen wollen, dass wir selber keineswegs gaga sind.

Erich begriff vorerst noch, was er sah. Wenn ihn jemand besuchte, erkannte er die Person. Und wenn sich Patienten in seiner Wohngruppe seltsam benahmen, wusste er noch, dass ein solches Verhalten nicht als normal gilt. Warum er mit ihnen am gleichen Ort war, begriff er nicht mehr. Er hatte sich selber bereits verloren.

Erich war ein angenehmer Patient in der Wohngruppe der Sonnweid, alle hatten ihn gern, die Mitpatienten ebenso wie die Betreuerinnen. Wenn es ihm gut ging, machte er Sprüche und Witze, und besonders gut konnte er es mit den Damen. Er war der Jüngste in seiner Wohngruppe, er sah noch immer gut aus, und man spürte noch immer, dass er früher einmal ein Charmeur gewesen sein musste. Und so geschah es, dass ihm eine der Damen, eine Verwirrte wie er, ihr Herz schenkte. Herzen können nicht dement werden, und Erich öffnete ihr das seine. Immer wieder sah man die beiden Verliebten nebeneinander sitzen, einander die Hände haltend, und wer weiss, vielleicht gab es einmal sogar ein zaghaftes – oder herzhaftes – Küsschen. In solchen Momenten in der Sonnweid muss Erich glücklich gewesen sein. Auch Glück ist nicht abhängig davon, ob man gaga ist oder nicht. Vielleicht erlebte der Alzheimerkranke in dieser letzten Zeit eine Harmonie, wie er sie in seinen gesunden Jahren selten empfunden hatte.

Weil Erich ohne eigene Kinder geblieben war und weil er auch sonst nur wenig Angehörige hatte, war seine häufigste Besucherin Edith. Er fragte sie jeweils, kaum war sie da: Haben Sie mir etwas mitgebracht? Sie brachte ihm jedesmal etwas mit, etwas zum Anziehen, eine Süssigkeit oder Studentenfutter, das er besonders liebte. Sie brachte ihm auch eine selbstgefertigte Collage mit Fotos aus seinem Leben, und Erich war einverstanden, dass die Erinnerungen über seinem Bett aufgehängt wurden.

Edith hatte das Fotoposter auch deshalb gestaltet, damit sie ihm die Fragen beantworten konnte, die er ihr stellte. Es waren immer dieselben Fragen. Wo sind meine Eltern? war eine davon. Die Beiständin zeigte ihm seine Eltern auf der Collage und versuchte ihm zu erklären, dass die Eltern schon sehr betagt und selber pflegebedürftig seien und ihn deshalb nicht mehr besuchen könnten. Sie ermöglichte Erich aber, dass er sie trotzdem noch einmal sehen konnte. Als sein todkranker Vater bereits im Spital lag, durfte der Sohn ihn besuchen. Edith begleitete Erich ins Zimmer und liess dann die beiden eine Weile allein. Der Sohn sass beim Vater am Bettrand und hielt ihm, ohne etwas zu sagen, die Hand. Als Edith ins Zimmer zurückkam, sass der Sohn noch immer beim Vater. Und er hielt ihm noch immer die Hand.

Im gleichen Jahr, wieder von Edith begleitet, besuchte Erich auch seine Mutter. Und im gleichen Jahr, wenige Monate nacheinander, starben die Eltern.

Wieder ein Kind werden

Bin ich verheiratet? war eine zweite Frage, die Erich stellte. Die Beiständin zeigte ihm auf der Collage ein anderes Foto, wo Erich als junger Mann mit seiner Verlobten zu sehen ist. Beide tragen den Blumenkranz, den Besucher bei ihrer Ankunft auf der Insel Hawaii erhalten. „Ja, Sie waren verheiratet“, kommentierte Edith das Bild, „und Ihre Hochzeit haben Sie mit Ihrer Frau in Hawaii gefeiert. Erinnern Sie sich?“

Erich hatte keine Erinnerung. Beim nächsten Besuch von Edith wollte er wieder wissen, ob er verheiratet sei. Er wusste auch nicht mehr, dass er seit vielen Jahren geschieden war, dass er später ein Haus gekauft und mit einer neuen Partnerin darin gewohnt hatte. Er nahm dies alles einfach zur Kenntnis, als würde Edith gar nicht ihn damit meinen. Mit dem Verlust seiner Identität verlor er auch das Empfinden über sein Schicksal, die Trauer über den Verlust seiner Mündigkeit. Es schien, als lebe er ganz im Moment – ein Zustand, den wir uns alle gelegentlich wünschen, wenn uns Erinnerungen bedrücken oder Zukunftsaussichten ängstigen. Doch wir können nicht beides haben, wir können nicht gleichzeitig unbewusst und bewusst leben. Erich hat sich entschieden. Eines Tages ist er seines Erwachsenenlebens müde geworden. Und so beschloss er in seinem Innersten, wieder ein Kind zu werden.

Damals, in seiner wirklichen Kindheit hatte zu seiner Familie ein Pudel gehört, und schon diesen Pudel hatte Erich geliebt. Viele Kapitel später war wieder ein Hund in sein Leben getreten, und keine Gefährtin in all den Jahren war treuer gewesen als Lana. Doch in die Sonnweid durfte er sie nicht mitnehmen. Auch dies nahm er hin ohne sichtbaren Schmerz. Edith erzählte ihm, Lana habe es gut. Eine Familie habe sie aufgenommen, die bereits einen anderen Hund – Lanas Bruder – besitze. So könnten die beiden Geschwisterchen nun zusammenleben. Vielleicht beruhigte es Erich, dies zu vernehmen.

In der ersten Zeit in der Sonnweid durfte die Hündin noch mitkommen, wenn die Beiständin Erich besuchte. Seine Freude war jedesmal gross. Doch dann wurde entschieden, dass Lana ihren bisherigen Meister nicht länger sehen dürfe. Sie müsse sich an die neuen Besitzer gewöhnen. Auch diese bittere Pille schluckte Erich. Doch von nun wollte er jedesmal wissen: Wo ist mein Hund?

Er stellte seiner Besucherin stets dieselben drei Fragen: Habe ich Geld auf der Bank? war die erste Frage. Gehört mir ein Haus? war die zweite Frage. Die dritte Frage galt Lana. Als sich sein Zustand verschlechterte, redete Erich von Mal zu Mal weniger. Irgendwann fragte er nicht mehr nach dem Geld auf der Bank. Irgendwann fragte er nicht mehr nach seinem Haus. Doch er fragte noch immer: Wo ist mein Hund? Minuten später, ohne jeden Zusammenhang, fragte er wieder nach Lana. Er hörte nicht auf, nach ihr zu fragen, bis er verstummte.

 

Autor: Nicolas
Lindt