Die Briefträgerin

Fabiano bestellte per Post ein Fussballtrikot. Und verliebte sich in die Briefträgerin. Doch die Briefträgerin hatte genug von den Männern: Die Liebesgeschichte von Fabiano und Marina, die ich auf Schloss Liebegg bei Gränichen im Aargau getraut habe.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Schloss Liebegg - ein Trauungsort im Aargau, den auch Zürcher Paare entdeckt haben
(Bild zvg)

Hochzeit auf Schloss Liebegg. Im Innenhof des Aargauer Schlösschens, das oberhalb von Gränichen liegt, hat die Trauung soeben begonnen, aber ich traue den Wolken über uns nicht und bereite die Hochzeitsgesellschaft schonungsvoll darauf vor, dass wir möglicherweise schon bald unters Dach flüchten müssen. Kaum habe ich alle begrüsst, besonders die Eltern und die Geschwister, die Nonna, den Nonno und die Gäste aus dem fernen Kalabrien, fallen unerbittlich die ersten Tropfen. Wir müssen abbrechen und die Zeremonie im überdachten Teil des Schlosshofes fortsetzen.

Jeder Gast nimmt seinen Stuhl mit, die Trauzeugen bauen die liebevoll angeordnete Dekoration am einen Ort ab und am anderen wieder auf, der Pianist und die Sängerin verschieben Verstärker, Boxen und Mikrofon, und das Brautpaar begibt sich zu seinen Ehrenplätzen, die nun im Trockenen stehen. Fabiano und Marina, so heissen sie, tragen die Flucht vor dem Regen mit Fassung, sie nehmen das Unabänderliche sogar mit Humor, wozu ich sie, als ich wieder das Wort ergreife, nur beglückwünschen kann. 

Auch ihre Geschichte, sage ich dann, wird uns allen die gute Laune garantiert wiederherstellen. Sie beginnt an einem Morgen im Herbst vor fünf Jahren, als Fabiano, weil es an der Tür klingelt, ausnahmsweise selber nachschauen geht. Um diese Zeit kann es nur der Briefträger sein. Normalerweise nimmt seine Mutter die Post entgegen, doch Fabiano hat gerade Semesterferien und ausserdem bestellte er sich ein paar Tage vorher – als leidenschaftlicher Fussballer und ebenso begeisterter Fussballfan – das Original Fussballtrikot eines italienischen Spitzenspielers, das er für 30 € im Internet fand. Made in China.

Er bestellt gleich ein zweites

Hätte an jenem Morgen – sage ich an der Trauung – die Mutter  Fabianos die Tür geöffnet, dann wären wir heute nicht hier. Doch ihr Sohn geht zur Tür. Draussen steht kein Briefträger, sondern zur positiven Überraschung Fabianos eine attraktive junge Briefträgerin. Dass im Quartier seines Elternhauses eine Pöstlerin ihren Dienst versieht, wusste Fabiano nicht. Sie heisst Marina, kommt aus Wynau, dem Nachbardorf, und arbeitet erst seit einem Jahr bei der Post Strengelbach. In der Hand hält sie das Päckchen, auf das Fabiano gewartet hat. Sie übergibt es ihm, er unterschreibt, sie verabschiedet sich, das war die erste Begegnung der beiden.

Die Briefträgerin vergisst den jungen Mann wieder. Sie ist noch immer ziemlich beschäftigt mit einem anderen jungen Mann, von dem sie sich eigentlich trennen will. Doch sie kommt nicht von ihm los, weil er nicht von ihr loskommt, und das geht nun schon lange so. Von Männern im allgemeinen ist sie deshalb im Augenblick eher genervt.  Fabiano dagegen erfreut sich vorübergehend des Singledaseins und hat die schöne Briefträgerin durchaus registriert. Und weil ihm auch das Fussballtrikot, das er bestellt hat, gefällt, lässt er sich gleich noch ein zweites kommen. 

Jeden Morgen wirft er nun gelegentlich einen Blick zum Fenster hinaus, ob er die Briefträgerin kommen sieht. Sie absolviert ihre tägliche Tour mit dem Roller, man hört sie von Haus zu Haus heranfahren und wieder wegfahren, und eine Woche später klingelt sie wieder, und erneut, diesmal nicht mehr ganz zufällig, öffnet Fabiano selbst.

Sie übergibt ihm das Päckchen, er unterschreibt, sie verabschiedet sich, mehr geschieht wieder nicht.  Doch immerhin bleibt auch bei Marina nun etwas hängen. Der junge Mann an der Tür, der so gerne Päckchen bekommt, gefällt auch ihr, und es ärgert sie fast ein wenig, dass er kein Wort mehr als nötig mit ihr getauscht hat. Doch viel mehr als dieser Fabiano imponiert ihr der silbrig aufgemotzte Audi S3, der in der Nähe am Strassenrand steht. Ein solcher Wagen würde Marina für ihre Briefträgertour besser passen als der ihr von der Post zur Verfügung gestellte Roller.

Wer ist sie?

Dass der Audi S3 Fabiano gehört, weiss Marina nicht. Und zum Glück weiss Fabiano nicht, dass Marina sein Auto interessanter findet als ihn.  Er kennt durchaus seinen eigenen Marktwert, und weil Primin, ein Fussballkollege, die Strengelbacher Post leitet, fragt er ihn: Wer ist die Briefträgerin in unserer Strasse?

Sie heisst Marina, erfährt er von Pirmin, und sie hat einen Freund. Sie ist nicht mehr glücklich mit ihm, das hat sie schon oft gesagt, doch offenbar bleibt sie mit ihm zusammen.

Fabiano gibt sich mit der Antwort zufrieden. Er macht sich keine Gedanken mehr über die Pöstlerin, bestellt auch kein weiteres Fussballtrikot, die Semesterferien gehen zu Ende, und die Post wird wieder von der Mutter Fabianos entgegengenommen. Marina dagegen fasst einen Entschluss. Sie sitzt eines Mittags nach ihrem Briefträgerdienst auf der Bank vor der Post und erklärt ihrer Pöstlerkollegin, die neben ihr sitzt:

„Ich trenne mich heute abend von meinem Freund. Endgültig. Wenn ich dann morgen verheult in die Post komme, wisst ihr, dass es geschehen ist. Und danach habe ich ziemlich genug von den Männern.“

Das sagt sie. Und es klingt sehr entschieden. „Ich schenke niemandem mehr mein Herz“ ruft sie aus, „wenn schon, dann höchstens dem wunderbaren Audi S3, den ich jeden Morgen auf meiner Tour sehe.“

Das hört auch Pirmin, der Postchef, der hinter der Bank an der Wand lehnt. „Er hat mir telefoniert“, meint er trocken.

Marina wendet sich zu ihm um. „Ein Audi kann nicht telefonieren!“

„Nein, aber der Besitzer des Audis, Fabiano. Er hat mir angerufen, schon vor zwei Wochen, und nach dir gefragt. Er fragte, wer die Briefträgerin sei, die in seinem Quartier die Post bringe.“

Eine Sekunde lang interessiert es Marina, um wen es sich bei Fabiano handelt, doch sie will nichts Genaueres wissen. Sie ist zu sehr beschäftigt damit, dass sie mit ihrem Freund endlich Schluss machen will. Und als sie am nächsten Morgen zur Arbeit erscheint, erzählt sie allen, dass sie es tatsächlich getan hat. Sie hat den Mann vor die Tür gesetzt, und sie muss nicht einmal heulen, während sie davon spricht.

Ein Date mit der Briefträgerin

Noch am gleichen Tag, in einer schwachen Minute, fällt ihr auch wieder ein, was ihr Chef von diesem Fabiano gesagt hat, und sie erinnert sich an den jungen Quartierbewohner, dem sie vor kurzem zwei Päckchen brachte. Hiess er nicht Fabiano?

Sie fragt Pirmin nach ihm, aber noch bevor dieser antworten kann, wehrt sie ab: „Ich will es eigentlich gar nicht wissen. Ich habe von diesen Typen wirklich genug.“

Einen Augenblick später will sie es dann doch wissen – um die Frage im nächsten Moment wieder zurückzuziehen.  Doch ihr Chef lässt sich von ihrem hin und her nicht mehr beeindrucken und schlägt spontan vor, man könnte zu dritt einen Kaffee trinken gehen. Marina ziert sich zunächst, doch dann lässt sie sich überreden, und Pirmin nennt als mögliches Datum den folgenden Freitagabend.

„Du hast nächsten Freitag ein Date mit der Briefträgerin“,  erfährt Fabiano von seinem Kollegen. Pirmins Mitteilung kommt für ihn etwas unerwartet, doch er hat die Pöstlerin, die Marina heisst, nicht vergessen und ist sehr gerne bereit, sie kennen zu lernen. Marina selbst jedoch zögert. Je näher der Freitag rückt, um so grösser wird auch ihr Widerwille gegen ein Date, das sie eigentlich gar nicht gewollt hat.

Ihre Postkollegin anerbietet sich dann als Begleitung, und Marina ist einverstanden. Ein wenig reizt es sie schon, diesen Audifahrer zu treffen. Das Treffen hilft ihr vielleicht, ein wenig Distanz zu gewinnen zur Geschichte, die sie hinter sich hat und schon lange vorher hätte beenden müssen. Aber sie wird sich auf gar nichts einlassen. Dieser Fabiano soll sich keinen Moment lang einbilden können, er habe Chancen bei ihr.

Beide sind ein wenig verlegen

„Spunte“ heisst das Lokal in Strengelbach, wo sie abgemacht haben, und alle sind pünktlich – ausser Fabiano. Marina will schon fast wieder gehen, als er nicht auftaucht, und dann erfährt Pirmin, Fabiano sei im Lokal nebenan beim Pizzaessen mit seinen Kollegen, er werde gleich da sein. Wieder denkt Marina, dass es keine gute Idee war, hierherzukommen, und sie ist drauf und dran, definitiv zu gehen.

Darauf eilt Pirmin, der sich verantwortlich fühlt, dass die Begegnung zustandekommt, höchstpersönlich hinüber ins Pizzalokal, um Fabiano zu holen, dem die Bedeutung der Stunde noch in keiner Weise bewusst ist. Augenblicke später steht Fabiano vor der Briefträgerin, und er weiss sofort wieder, warum er so gern zur Tür ging, als sie ihm das zweite Paket überbrachte. Schon in ihrer Pöstlerinuniform fand er sie interessant – jetzt, am Abend in ihrem ganz anderen Outfit würde er mit ihr auf der Stelle ein Fährtchen mit seinem Audi S3 unternehmen.

Auch Marina ist ziemlich erbaut von Fabiano, und sie denkt in diesem Moment nicht an sein Auto, dem sie ihr Herz hatte schenken wollen. Beide, sie und Fabiano sind ein wenig verlegen, denn beide wissen, dass ihr Kollege ihre Begegnung nicht ohne eine gewisse Erwartung organisiert hat. Pirmin sieht sich denn auch gefordert, die Unterhaltung in Gang zu bringen, doch schon bald – und mit der gütigen Hilfe des Rebensafts, in welchem bekanntlich die Wahrheit liegt – lösen sich die Zungen von selbst, und Pirmin kann seine Aufgabe als erfüllt ansehen, denn Fabiano und Marina beginnen sich zu entdecken.

Irgendwann im Laufe des Abends zieht sich Pirmin zurück und etwas später Marinas Kollegin, die am nächsten Morgen früh aufstehen muss, um die Post zu vertragen. Das müsste auch Marina, aber sie will nicht heimgehen. Mit diesem Fabiano zusammenzusein, ist so spannend, so schön – so ganz anders, als das, was sie hinter sich hat. Sie vergisst, dass sie mit Männern nichts mehr zu tun haben wollte. Und ihr Herz möchte sie vorerst noch nicht an ein Auto verschenken. Sie möchte es noch behalten. Vielleicht braucht sie es noch.

Zum Schlafen reichte es nicht mehr

Fabiano und Marina reden, bis sich der Spunten von Strengelbach ausser ihnen geleert hat und der Wirt ihnen rät, schlafen zu gehen. Fabiano besteht darauf, die Briefträgerin bis vor ihr Haus zu begleiten, das gleich um die Ecke liegt. Sie treten hinaus in die Herbstnacht, die schon recht kühl ist, aber das hindert die beiden nicht, vor dem Haus mit der Wohnung Marinas stehenzubleiben und weiterzureden. Sie reden, bis die Strassenbeleuchtung den Morgen ankündigt und Marina entschuldigend darauf hinweist, dass um 6 Uhr in der Post ihre Schicht beginnt.

„Ok“, sagt Fabiano, „dann muss ich wohl gehen. Aber ich verspreche dir: Wenn du dann mit der Post in unser Quartier kommst, werde ich auf dich warten und dir einen Kaffee servieren.“

Sie verabschieden sich mit drei Küsschen, die – wie so oft - nichts bedeuten, weil Fabiano und Marina schon jetzt an einem ganz anderen Punkt angelangt sind. Sie sind sich in diesen ersten gemeinsamen Stunden bereits sehr nahe gekommen. Aber noch lange nicht nahe genug, um sich näher zu kommen.

Zum Schlafen reicht es der Pöstlerin nicht mehr. Sie kann sich gerade noch umziehen, um danach in der Post die Briefe für ihre Tour zu sortieren. Als sie ein paar Stunden später auf ihrem Roller Fabianos Quartier erreicht, fährt sie ein weiteres Mal auch an ihrem Lieblingsauto vorbei, von dem sie jetzt weiss, wem es gehört. Sie sieht den schnittigen Audi, doch wie unwiderstehlich und cool sie ihn findet, ist nicht ihr erster Gedanke. Sie denkt an den, dem es gehört.

Auch Fabiano hat kaum geschlafen, und er wollte rechtzeitig aufstehen, damit er den Moment nicht verpasst, wenn er den Roller der Pöstlerin kommen hört, jenes Geräusch, das ihm schon die Fussballtrikots gebracht hat. Jetzt bringt es ihm Marina, diese Frau, die auf einem so unerwarteten Weg in sein Leben getreten ist.

Es hat leicht zu regnen begonnen, als sie vor seinem Elternhaus anhält. In einer Regenjacke kommt er vors Haus, und Marina wird nie vergessen, wie gut er mit dieser Regenjacke in diesem Augenblick aussah.  Vor allem aber schätzt sie es sehr, dass er offenbar jemand ist, der ein Versprechen auch hält. Der Kaffee steht in der Küche bereit, Fabiano schenkt Marina ein, und obwohl sie beide eigentlich hundemüde sein müssten, sind sie hellwach und könnten sich nichts Schöneres denken als in der Küche zu sitzen - und sich, während sie reden, die ganze Zeit anzusehen.

Eigentlich wollte Marina nur eine Kaffeetassenlänge bei Fabiano verweilen. Doch sie bleibt eine halbe Stunde. Die vielen Quartierbewohner, deren Adressen zu Marinas täglicher Route gehören, müssen an diesem Morgen länger als üblich auf den Roller der Pöstlerin warten. Sie fragen sich, warum die sonst so pünktliche Briefträgerin sich verspätet.

Der Grund ist die Liebe. Die Liebe war schuld.

Jetzt oder nie

An jenem Samstag vor 5 Jahren, so könnte man sagen, sind Fabiano und Marina zusammengekommen. Sie haben sich aber Zeit gelassen - vor allem deshalb, weil Marina diese Zeit brauchte. Zwei weitere Male haben sie sich getroffen und einfach nur wieder geredet. Und auch ihr drittes Treffen endete vor der Haustür der Briefträgerin, und auch diesmal spürte Fabiano, dass Marina noch nicht bereit war, ihm entgegenzukommen. Das stimmte. Jede Minute mit ihm machte sie glücklich, es tat ihr weh, auf Distanz zu bleiben, doch ihre letzte Erfahrung hatte sie vorsichtig werden lassen.

Wieder war es spät in der Nacht und wieder redeten sie und zögerten den Moment hinaus, wo es nichts mehr zu reden gibt, wo die Worte nichts mehr bedeuten, weil sie den Gefühlen nicht weiterhelfen. Sie zögerten den Moment hinaus, wo nur ein weiterer unverbindlicher Abschied bleibt. So aber konnte Fabiano nicht heimgehen. Auf einmal stand er vor der Entscheidung: Jetzt oder nie. Unvermittelt, sodass er über sich selber erstaunt war, sagte er in die Stille der Nacht hinein:

„Weißt du eigentlich, dass du ein Wand zwischen uns aufbaust?“

Marina, ebenso überrascht wie er selbst, musste sich nicht überlegen, wie er das meinte. „Ja, ich weiss“, erwiderte sie betroffen, „aber ich kann nicht anders.“

Darauf sagte Fabiano, dessen italienisches Temperament jetzt nicht mehr zu bremsen war: „Wenn du die Wand nicht durchbrichst, tue ich es.“ Und er küsste sie ohne weitere Vorwarnung.

Marina liess es zu - und sie ist ihm noch heute dankbar. Fabiano hatte damit nicht nur sich selbst, sondern auch sie erlöst. Danach machte er sich auf den Heimweg, als gäbe es nichts mehr, was diesen Kuss übertreffen könnte, und Marina begab sich ins Haus, sie betrat ihre Wohnung, ging ans Fenster und schaute Fabiano nach, sah ihm zu, wie er stehenblieb und überlegte, ob er zu ihr zurückkehren sollte, und wie er dann weiterging.

Marina hätte sich nichts mehr gewünscht, gewiss, als ihn noch einmal küssen zu dürfen. Aber gleichzeitig fand sie es gut so. Ebenso wie er wusste auch sie: Wir haben einander gefunden. Und wir werden viel Zeit miteinander haben. Alle Zeit der Welt.

*

Zwei Jahre später - erzähle ich ihre Geschichte zu Ende - sind Marina und Fabiano glückliche Eltern geworden. Fabiano hat seinen blitzblanken Audi S3 inzwischen gegen ein famiientauglicheres Auto getauscht. Und die Briefträgerin hat ihren Job bei der Post gekündigt. Doch sie denkt gerne daran zurück. Die Briefträgertour hat ihr Glück gebracht.

Autor: Nicolas
Lindt