Das Gespräch dauert möglicherweise etwas länger

Man kann eine Liebesgeschichte in drei Sätzen erzählen. Oder man kann sich Zeit dafür nehmen und tief in sie eintauchen. Das ist nicht nur für mich viel interessanter, sondern auch für die Brautpaare selbst. Manche haben sich noch nie soviele Gedanken über ihre Beziehung gemacht wie beim Gespräch mit mir, das zur Vorbereitung der Trauung dient. Sie haben sogar Neues voneinander erfahren...

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Trauung spätabends auf einer Anhöhe oberhalb Mogelsberg
(Bild zvg)

Die Sommermonate sind intensiv. Während ich an den Wochenenden unterwegs zu den Trauungen bin, treffe ich mich unter der Woche mit den heiratswilligen Paaren zum Vorgespräch. Nachdem wir die Trauung von Einzug bis Auszug besprochen haben, gehört der Abend allein der Geschichte des Paares. Und Geschichten haben ihr Eigenleben, sie brauchen Zeit - man weiss vorher nie, wohin sie uns führen.

Ich beginne ganz vorn, um dann am Hochzeitstag zeigen zu können, wie sich die Lebenswege der beiden aufeinander zu bewegt haben. Ich frage die Paare nach ihrer Kindheit, ihren ersten Erfahrungen in der Liebe, ihren beruflichen Wegen und Stolpersteinen; ich frage sie nach der ersten, allerersten Begegnung, ihren Gefühlen, als sie sich gegenüberstanden, dem ersten Date, dem historischen Augenblick ihres ersten Kusses, den ersten gemeinsamen Ferien, der grossen Reise zu zweit – die ich jedem Paar wünsche –; ich frage sie, was sie gemeinsam haben und wie verschieden sie sind, welche Leidenschaften sie teilen und welche nicht unbedingt, ob es Momente des Zweifels gab und das Glück, sich wieder zu finden; ich frage, wie sie beschlossen haben, nicht nur die Wohnung, sondern das Leben zu teilen, und ich frage sie ganz zuletzt: Was liebt ihr am andern, welche Eigenschaften vor allem? Und ich frage sie ganz zuletzt, weil es in einer Ehe auch darum geht: Was könnt ihr lernen vom andern?

In den ersten Jahren habe ich aufgeschrieben, was mir die Paare erzählten, doch inzwischen höre ich bloss noch zu, frage und höre zu, um das Gehörte zu resümieren mithilfe eines sehr kompetenten Diktiergeräts. Auf diese Weise erleben die Paare wie vielleicht nie zuvor noch einmal ihre ganze Geschichte genau so, wie sie geschah. Das lässt viele von ihnen nicht unberührt. Sie kommen an das Treffen mit mir und sagen gleich zu Beginn, fast entschuldigend, dass die Art und Weise ihrer Begegnung nicht wirklich interessant sei. Je mehr sie mir dann erzählen und je mehr sie hören, wie ich das Erzählte zusammenfasse, um so erstaunter sind sie, wie sich ihr scheinbar banales Zusammenkommen zu einer Liebesgeschichte wandelt, die überraschend, lustig, romantisch und schön ist. Am Ende des Abends erkennen sie: Auch unsere Liebe ist etwas Besonderes. Sie verdient es, gefeiert zu werden.

So vergehen die Stunden im Flug. Ich könnte den Abend natürlich kürzer gestalten und meine Fragen auf das Wesentliche beschränken. Doch zum Wesentlichen einer Geschichte oder zur Essenz eines Menschen kommt man nicht auf direktem Weg. Ich muss mich an das Wesentliche heranfragen, muss vielleicht Umwege gehen und mich gedulden, bis die Hauptsache kommt. Das braucht Zeit, aber es lohnt sich, weil es auch mich erfüllt, zum Herzen einer Geschichte vorgestossen zu sein. Dann kann ich sie ganz erzählen – bei aller Rücksicht auf ihre intime Sphäre, die dem Brautpaar allein gehört.

 

"Du darfst alles aussprechen"

Meistens erfahre ich mehr, als ich an der Trauung erwähnen darf. Darüber nicht sprechen zu dürfen, ist für mich schwierig, weil die persönlichsten Dinge oftmals die wertvollsten sind. Aber das Wertvollste hat keinen Wert mehr, wenn es der Neugier geopfert wird. Paare, die von sich aus sehr offenherzig mit ihrer Geschichte umgehen, mache ich sogar darauf aufmerksam, dass das eine oder andere Detail vielleicht doch zu persönlich ist, um es vor Publikum auszubreiten. Trotzdem gibt es immer wieder Verlobte, die mir von sich aus erlauben: Du darfst alles aussprechen. Wir stehen dazu.

In den ersten paar Jahren traf ich mich mit den Paaren meistens bei ihnen zuhause. Ich erhielt dadurch einen Einblick in die Art ihres Wohnens, was zweifellos interessant war. Bald aber wäre ich nur noch herumgereist, von Brautpaar zu Brautpaar, und so bat ich die Paare, zu mir zu kommen – nicht in mein Haus, sondern in ein Lokal im Dorf, die „Bleiche“, die so oder so eine Reise wert ist.

Im hohen, sanft restaurierten Saal der umgenutzten alten Textilfabrik erzählen mir die Brautpaare ihre Geschichte – und sobald sie zu erzählen beginnen, vergessen sie die anderen Gäste, die anderen Stimmen und die Musik, die im Hintergrund läuft. Sie sind ganz bei sich in diesen Momenten, ganz im Inneren ihrer Beziehung. Abwechslungsweise schildern sie mir, wie alles begann - einmal sie, dann wieder er, jedes aus seiner Sicht, was zu Überraschungen führen kann. Nämlich dann, wenn beispielsweise sie von ihm mit Erstaunen erfährt, dass er sich nach der ersten Begegnung eigentlich gar nicht mehr melden wollte; oder wenn sie zum erstenmal zugibt, sie habe das lilafarbene Halstuch, das er beim ersten Date trug, derart schrecklich gefunden, dass sie im ersten Moment gleich wieder gehen wollte.

Während er die Geschichte aus seiner Sicht wiedergibt, schaut sie ihn von der Seite her an – zufrieden, vielleicht sogar glücklich, aber auch aufmerksam, ob er alles so wiedergibt, wie es geschah. Und während sie an der Reihe ist mit Erzählen, kommt es vor, dass er ihr einen stolzen Seitenblick zuwirft, der erkennen lässt, wie sehr ihn seine Eroberung freut. Die Liebe, um die es geht, ist bei diesen Gesprächen nicht nur in den verliebten Worten, sondern auch in den Gesten und Blicken zu spüren, und es entsteht eine sinnliche, inspirierende Stimmung, die auch mich nicht unberührt lässt. Immer wieder, bei manchen Details, schweife ich ab und denke an Julia, an meine eigene Liebesgeschichte.

Ich bereite die Paare schonungsvoll darauf vor, dass unser Gespräch möglicherweise länger dauert als vorgesehen. Nach vier Stunden sind wir oft noch immer nicht fertig, obwohl die Uhr an der Wand  bereits 23 Uhr zeigt und die Tische um uns herum sich allmählich leeren. Ich breche ein Gespräch aber niemals ab, es dauert, solange es dauert, und nicht selten sind ich und das Paar die letzten noch verbleibenden Gäste. Hie und da wird es Mitternacht, und einmal mussten wir für den letzten Teil der Geschichte vom Restaurant in die Reception des Hotels überwecheln, das ebenfalls zur Bleiche gehört. Denn die Kellnerin wollte schliessen, sodass nur noch die Reception blieb.

Um 1 Uhr morgens setzten das Brautpaar und ich dann den Schlusspunkt. Hinter uns lagen tatsächlich 6 Stunden. Wir waren geschafft, alle drei, aber zugleich auch erfüllt von einer Intensität, wie man sie nicht oft erlebt. Das Paar dankte mir ein paar Tage danach für mein Interesse und meine Geduld.

Ich hätte ihnen den Dank zurückgeben können.

Autor: Nicolas
Lindt