"Mach' dir keine Hoffnung auf eine feste Beziehung"

Als sich Gian aus dem Engadin in die Zürcherin Sonja verliebt, sagt sie zu ihm: “Hoffnung auf eine feste Beziehung darfst du dir keine machen.” Aber das Leben ist damit nicht einverstanden, und soviel sei schon verraten: Am Ende heiraten sie. Ich erzähle ihre bewegende Liebesgeschichte an ihrer Winterhochzeit auf dem Muottas Muragl oberhalb Pontresina.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Blick vom Muottas Muragl ins Oberengadin
(Bild zvg)

Weil Gian aus dem Münstertal kommt und heute weit weg von den Bergen mit Sonja im Unterland wohnt, haben sie sich entschieden, ihre Hochzeit in der Heimat von Gian zu feiern - auf dem Muottas Muragl in luftiger Höhe mit weitem Blick auf das Engadin, das im ersten Schnee versinkt. Vor dem Hintergrund des weiss überzuckerten Panoramas, erzähle ich den versammelten Gästen in der wintersicheren Wärme des Restaurants, wie sich die Zürcherin und der Münstertaler begegnet sind. 

Es ist die Geschichte einer Liebe, die so beginnt, wie viele Liebesgeschichten beginnen. Gian und Sonja, ebenso wie ihre Brüder Andri und Christian, arbeiten für eine national tätige Treuhandfirma, Gian im Bündnerland, Sonja in Bern. An der Jahrestagung der Treuhandfirma stehen sie sich – begleitet von ihren Brüdern - das erstemal gegenüber. Doch sie nehmen nicht besonders Notiz voneinander. Die Gefühle der Zürcherin sind zu jener Zeit noch gebunden. Die Liebe hat sie nach Bern verschlagen.

Ein ganzes Jahr vergeht, ein neuer Sommer hält Einzug, Gian ist seinem Bruder Andri inzwischen in die Niederlassung nach Zürich gefolgt, und Sonjas privates Leben hat sich geändert. Sie wohnt inzwischen allein in Bern, wo sie nur noch die Arbeit hält. An den Wochenenden benützt sie jede Gelegenheit, um ins Haus der Eltern zurückzukehren, nach Gossau, wo auch ihr Bruder wohnt.

An einem dieser Wochenenden veranstaltet Christian bei sich zuhause ein kleines Grillfest. Er lädt dazu nicht nur Andri, den er schon länger kennt, sondern auch Gian - und sein Schwesterherz Sonja ein. Er tut es nicht ohne Absicht. Seine Intuition täuscht ihn nicht: Je später der Abend, um so netter finden sich Sonja und Gian. 

Gian peilt die Zürcherin, die in Bern wohnt, schon am folgenden Abend auf Facebook an, sie antwortet ihm, und er chattet mit ihr hin und her, bis ihm vor lauter Schreiben die Finger wehtun.Wir könnten auch telefonieren, schlägt er ihr vor und fragt sie nach ihrer Nummer. Sie telefonieren bis in die Morgenstunden und am nächsten Abend telefonieren sie wieder und am übernächsten Abend erneut. Sie beginnen sich zu entdecken, und sie wollen sich treffen.

Am Freitag fährt Sonja fürs Wochenende zu ihren Eltern nach Gossau, und noch am gleichen Abend besucht sie Gian in seiner Wohnung in Rümlang, die er mit Bruder Andri teilt. Luca, ein Kollege von Gian, kommt auch zu Besuch. Als Sonja später am Abend weiterzieht, redet Gian mit Luca über seine Gefühle zu Sonja und sagt:

“Entweder sie oder keine.”  Luca kann es bezeugen. Er staunt über Gian, der es bisher nicht nötig hatte, das weibliche Geschlecht zu erobern. Zum erstenmal überlässt der Bündner nicht der Frau die Initiative. Die Zürcherin lässt Gian keine Ruhe mehr.

Am Samstag trifft er sich mit Sonja erneut und verbringt den Abend mit ihr und Christian im Pirates. Am Sonntag fahren sie an ein Motocrossrennen, an dem der jüngere Bruder von Sonja teilnimmt. Sonja und Gian stehen am Pistenrand, feuern ihn an und spüren, wie gern sie zusammen sind. Beide ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie bald ihre scheinbar so unspektakuläre Geschichte aus ihrer Unbeschwertheit herausfallen wird. Von Tag zu Tag, von Abend zu Abend finden sie sich interessanter, und Sonja hat inzwischen vergessen, dass sie nach der Enttäuschung, die sie erlitt, eigentlich Klosterfrau werden wollte.

Am Montag müssen sie beide arbeiten - Gian in Zürich, Sonja in Bern -, doch am Abend telefonieren sie wieder. Sonja erzählt, sie koche gerade Gehacktes mit Hörnli, aber sie möge es allein gar nicht aufessen. Eineinhalb Stunden später sitzt Gian in ihrer Küche und isst ihre Schüssel leer. Er ist den ganzen Weg von Zürich nach Bern gefahren, weil er bei Sonja sein will.

Er darf sogar bei ihr übernachten. Nebeneinander schlafen sie ein, wie so viele andere Paare, die noch gar keines sind, dies tun. Aber es gibt ihnen das Gefühl, einander so nahe zu sein, als wären sie schon ein Paar.





"Das muss etwas Ernsthaftes sein!"

Am Dienstag hat Sonja ein Meeting in Zürich, und abends treffen sie sich erneut. Auch Sonja ist inzwischen soweit – obwohl sie es sich nicht eingesteht -, dass sie ständig mit Gian zusammen sein möchte. Diesmal gehen sie essen im “Steakhouse” in Bassersdorf. Auch andere junge Menschen, die eine Anziehung füreinander empfinden, gehen abends zusammen essen. Das macht die Liebesgeschichte von Sonja und Gian noch immer nicht so besonders. Und dann, am Ende des Abends küssen sie sich das erstemal. Sie wissen noch nicht, welche Bedeutung dieser Kuss haben wird. Sich näherzukommen, ist einfach spannend - und schmeckt nach mehr.

Am Donnerstag fährt Gian in Richtung Graubünden, weil er in Samedan als Finanzberater geschäftlich zu tun hat. Er benützt die Gelegenheit und besucht noch am gleichen Tag seine Eltern im Val Müstair. Gian verbringt den Abend bei ihnen in Santa Maria und übernachtet auch dort. Er telefoniert im Laufe des Abends mit Sonja, und davor erzählt er den Eltern von ihr. Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, erwähnt er am Esstisch.

Eine Engadinerin? Nein - eine Zürcherin.

Die Eltern, die ihrem Sohn alles zugetraut haben, nur nicht eine vom Unterland, hören Gian mit Sonja telefonieren, und weil das Telefon nicht mehr enden will, meint der Vater von Gian: “Das muss etwas Ernsthaftes sein, wenn der Sohn mit einer Frau so lange telefoniert!”

Es ist etwas Ernsthaftes. Gian spürt es bereits, doch Sonja ist sich noch nicht im Klaren, was aus ihrer Liebschaft mit Gian werden soll. Sie hat die Katerstimmung nach ihrer letzten Bekanntschaft noch immer nicht ganz überwunden. Vorsichtshalber erklärt sie Gian sehr direkt:

“Hoffnungen auf eine feste Beziehung – falls du das vorhast - darfst du dir mit mir keine machen.”

Gian bestreitet, dass er solche Absichten hat. Er weiss es tatsächlich selber nicht, auch er nicht. Einerseits hat er sich in Sonja verliebt und er zeigt es ihr, gleichzeitig scheut er sich vor einer Verpflichtung, von der er spürt, dass er sie in diesem Ausmass noch nie erlebt hat. Das Telefon endet unverbindlich. Sie reden davon, sich am Wochenende treffen zu wollen, aber sie legen sich noch nicht fest.

Dann wird es Freitag. Bevor Gian wieder ins Unterland reist, geht er mit seinem Vater im Dorf noch einen Kaffee trinken. Eine halbe Stunde vielleicht sind sie zusammen, Vater und Sohn, und sie reden nichts Wichtiges - was man so redet, wenn der Vater, fernab in den Bergen im Ruhestand lebt und der Sohn sich entschieden hat, seine Zelte ganz im Unterland aufzuschlagen. Man redet davon, sich wohl nicht mehr so häufig zu sehen, man bedauert es, aber kann es nicht ändern. Beide Brüder wohnen jetzt in der Nähe von Zürich, und Gian sagt: “Du musst uns halt mal besuchen.”

Worauf er grinst, und der Vater lächelt. Beide wissen, dass der Münstertaler nicht öfter ins Unterland kommt, als er muss.





Man vergisst, dass es Sommer ist

Sie verabschieden sich voneinander, freundschaftlich kurz, im Wissen, dass man sich bald wieder sieht, und der Sohn steigt ins Auto und fährt davon.

Am späten Abend des gleichen Tages, als er wieder im Unterland ist, bekommt er die Nachricht, dass der Vater einen Hirnschlag erlitten hat.

Auf einmal ist alles anders. Man vergisst, dass es Sommer ist. Man vergisst das Wochenende, das vor der Tür steht. Man hat nur noch Gedanken für diese Nachricht, von der man sich wünscht, dass sie sich als Irrtum herausstellt. So geht es Gian an diesem Abend. Er kann es nicht glauben. Der Vater – sein Vater -, mit dem er noch wenige Stunden davor den Kaffee trank, ist plötzlich nicht mehr erreichbar, plötzlich verstummt.

Der Sohn entfaltet eine verzweifelte Hektik, als könnte er so das Entgleiten des Menschen, den er so liebt, verhindern. Er fährt am frühen Samstagmorgen ins Val Müstair, er fährt nach Lugano ins Krankenhaus, wo der Vater inzwischen im Koma liegt, er fährt nach Zürich zurück, in die Wohnung nach Rümlang, doch er kann dort nicht bleiben. Er hält es nicht aus, zu sitzen, zu warten und dem Vater nicht helfen zu können. Er setzt sich wieder ins Auto, und wohin fährt er? Wieder zur Mutter, nach Santa Maria?

Er fährt nach Bern. Zu Sonja. Als wäre es selbstverständlich, zu ihr zu gehen, sich ihr anzuvertrauen, sich den Schock von der Seele zu sprechen und die Tränen nicht hinunterzuschlucken. Sonja tröstet ihn, und sie denkt keinen Moment, dass sie sich erst gerade kennengelernt haben. Sonja ist für Gian da, als wäre sie es schon ganz lange, und sie muss und sie will für ihn da sein auch in den Tagen, die folgen.

Die Ungewissheit darüber, wie es weitergeht mit dem Vater, versetzt seinen Sohn in eine ununterbrochene Unruhe. Er fährt hin und her zwischen Rümlang und Santa Maria, Lugano und Bern, das Telefon immer griffbereit, immer in Sorge und immer in Angst vor der Nachricht, die alle realistisch befürchten müssen. An einem Familientreffen in Santa Maria ist auch Sonja dabei, und so lernen sich Sonja und die Mutter von Gian unter Umständen kennen, die sie sich niemals gewünscht hätten.

Mit ihrer Anteilnahme gelangt die Zürcherin mitten in die Herzen der Engadiner Familie – und dies, obwohl Sonja noch immer nicht weiss, ob ihre Gefühle zu Gian in eine gemeinsame Zukunft münden. Aber sie denkt darüber im Grunde nicht nach. Sie handelt ohne Berechnung und ohne Absicht. Sie spürt einfach nur, wie sehr Gian sie brauchtt – und wie sehr sie gebraucht werden will.





Die Zweifel sind weg

An einem weiteren schönen Sommertag Ende August muss sich der Sohn vom Vater verabschieden. Er muss es tun im Spital von Santa Maria, wo der Sterbende, der das Bewussstein nicht wiedererlangte, seine letzten Tage verbringen durfte. Er starb am Ort seiner Kindheit, und die ganze Familie war bei ihm.

Sonja begleitet Gian nach Santa Maria, und sie bleibt auch am Abend bei ihm, sie sitzen zusammen in einem Zimmer im oberen Stock, und kaum hat sich Gian aufs Bett gelegt, schläft er ein. Der Tod des Vaters erlöst auch ihn, er schläft den Schlaf des Erschöpften, während Sonja sich auf den Balkon begibt. Allein sitzt sie draussen, blickt hinaus in die Dämmerung, atmet die reine Luft ein und spürt, wie auch sie selber loslassen darf.  

Den Tränen, die kommen wollen, lässt auch sie freien Lauf. Sonja weint, weil sie es traurig findet, dass diese Nacht so schön ist und gleichzeitig Gian keinen Vater mehr hat. Sie weint vor Erleichterung, weil man endlich aufatmen und vielleicht wieder aufleben darf. Und dann wird ihr klar, dass ihre Tränen auch glückliche Tränen sind. Sie erkennt, was in ihrem jungen Leben gerade geschehen ist. Noch wenige Wochen vorher war sie nicht sicher, ob sie sich an einen Mann wieder binden wollte. Vielleicht später einmal – vorläufig sicher nicht. Dann lernte sie Gian kennen, und obwohl er ihren Gefühlshaushalt durcheinanderbrachte, wollte sie ihm keine Versprechen geben. Ihre Unabhängigkeit wollte sie nicht schon wieder verlieren.

Doch das Leben war damit nicht einverstanden. Andere gehen zusammen ins Kino, fahren zu zweit ins Tessin, buchen ein Wochenende in London – doch Sonja musste Gian beistehen. Sie musste ganz für ihn da sein, alles andere wurde unwichtig. An ihre Zweifel und Vorbehalte konnte sie gar nicht mehr denken. Ihre ganze Kraft, ihre Fürsorglichkeit schenkte sie Gian, der sie brauchte.

Und jetzt, nach all diesen schwierigen, traurigen Stunden und Tagen, was ist geschehen? Die Zweifel und Vorbehalte sind weg. Am Abend dieses schmerzvollen Todestages, während Gian den Schlaf des Gerechten schläft und Sonja noch immer allein da draussen, auf dem Balkon verweilt, die Lichter von Santa Maria vor Augen, weiss sie auf einmal, dass sie sich nicht mehr entscheiden muss. Sie hat sich entschieden. Gian und sie gehören zusammen.

Und er selbst? Auch ihn hat das Leben in diesen Tagen nicht sanft angepackt: Gian hat seinen Vater verloren - und wir alle haben nur einen Vater. Wenn er von uns gegangen ist, haben wir keinen mehr.

Doch in der gleichen Woche, als sein Vater so unerwartet verstummte - in derselben Woche hat Gian seine grosse Liebe gefunden. Und der Vater hat es sogar noch erfahren, am Abend davor, als er hörte, wie lange der Sohn mit Sonja telefonierte. Es muss etwas Ernsthaftes sein, sagte er, und er hat sich für Gian gefreut. 

Das Leben nimmt und das Leben gibt. Das Leben schmerzt und es tröstet. In dieser Reihenfolge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Nicolas
Lindt