Der Stein vom Speer

Barbara und Jürg heiraten an einem späten Samstagabend in der Klosterkirche von Wettingen - und auch diesmal geht es um einen Heiratsantrag. Und um einen Stein vom Speer...

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Auf dem Speer
(Bild NL)

Abendtrauung im Chor der Klosterkirche von Wettingen, deren Bau auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Ein Brautpaar in einer so alten Kirche trauen zu dürfen – begleitet von mittelalterlicher Musik –, erfüllt auch mich mit einer gewissen Ehrfurcht, und obwohl ich sonst eher neuzeitlicher Musik zugetan bin, berührt mich das mittelalterliche Musikspiel inmitten der Klostermauern im Innersten.

In meinen einleitenden Worten sage ich: Wir leben in einer so modernen Welt, die uns vergessen lässt, dass es ein Gestern gibt, aber wenn wir etwas wirklich Feierliches gestalten wollen, empfinden wir die Moderne als leer und ohne Inspiration – und flüchten in die tiefste Vergangenheit, in Kirchen und Klänge aus alter Zeit.

Jürg und Barbara haben sich ihre Hochzeit genau so gewünscht, weil sie das Leben schon etwas kennen und vergangene Werte ebensosehr zu schätzen wissen wie die Verheissungen des neuen Jahrtausends. Als sie sich kennen lernen, sind sie bereits Ende 30 und Mitte 40, und sie empfinden es beide als grosses Glück, sich endlich begegnet zu sein. Trotzdem vergehen danach sechs Jahre, bis Jürg den Zeitpunkt für gekommen hält, Barbara um ihre Hand anzuhalten.

Er unternimmt mit ihr eine Wanderung auf den Speer, jenen kantigen Berg hoch über der Linthebene, der seine herrliche Aussicht erst offenbart, wenn man ganz auf dem Gipfel steht. Dort oben, so dachte sich Jürg, wollte er Barbara fragen. Doch es ergeht ihm wie anderen Männern, die ihren Antrag an romantischer Stelle planen, ohne die Bevölkerungszahl dieser Welt zu bedenken: Als er mit Barbara oben ankommt, ist die schmale Kanzel auf der Spitze des Speers mit wanderfreudigen lieben Mitmenschen so besetzt, dass Jürg seiner Partnerin vorschlägt, dem Grat entlang etwas talwärts zu wandern.

Weiter unten, wo niemand sie stört, halten sie Rast, und Jürg wird auf einmal sehr feierlich. Das Panorama vor Augen, wo der Blick bis zum Berner Dreigestirn schweift, stellt er Barbara die Frage der Fragen.

Überrascht, durcheinander, erfreut zugleich beginnt Barbara ihre Antwort mit Ja. Doch sie fasst sich schnell und sie setzt hinzu: „Aber nicht jetzt. Warten wir noch ein wenig.“ (Vor der Begegnung mit Jürg hat Barbara eine Verletzung erlitten, die nicht so schnell heilte. Deshalb will sie nichts überstürzen). So sehr sie ihrer Liebe zu Jürg gewiss ist – sie braucht noch etwas Bedenkzeit

Die Antwort seiner Partnerin ist nicht ganz die Antwort, die Jürg sich gewünscht hat. Doch er schluckt ihren Aufschub und stellt sich aufs Warten ein. Er wartet 9 Monate lang, bis er den Eindruck hat: Jetzt ist es gut. Diesmal schlägt er keine Wanderung vor. Eines Abends in der gemeinsamen Wohnung, als er mit Barbara nach dem Essen am Tisch sitzt, holt er aus einer Tasche  bedeutungsvoll etwas hervor. Es ist ein Stein, ein ungeschliffener Nagefluhbrocken, und er stellt ihn vor Barbara hin.

Schon nach den ersten Worten Jürgs ist ihr klar, woher der Stein stammt. Er stammt vom Speer. Jürg hat ihn unbemerkt aufgelesen und am Ende der Wanderung mit nach Hause genommen. Jetzt liegt der Stein vor Barbara auf dem Küchentisch, ein Stein, so ewig und alt wie das Gemäuer der Klosterkirche zu Wettingen. Und obwohl es nur ein Felsbrocken ist, liegt er wie ein Brief auf dem Tisch, und der Brief enthält eine Frage.

Diesmal ist Barbaras Ja kein Ja aber. Sondern ein klares und warmes Bekenntnis zur gemeinsamen Zukunft.

 

Autor: Nicolas
Lindt