Die Pariser Verlobung

Monique und Christoph, die im Schloss Rapperswil heiraten, haben sich in Paris verlobt. Doch es war eine Verlobung mit Hindernissen...

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Der Tempel des Amor in Versailles. (Bild: zvg)

Monique und Christoph, die ich im Innenhof von Schloss Rapperswil traue, haben sich in einem Tanzclub in Zürich kennengelernt, und schon am ersten Abend sind sie sich nähergekommen. Was so schnell einschlug, braucht danach etwas Zeit, bis aus der Sommerromanze eine ernsthafte Liebe wird. Doch als Monique den neuen Freund ihren Eltern vorstellt, werden sie definitiv das Paar, das sie im Grunde von Anfang an waren. Zwei Jahre nach ihrer ersten Begegnung ziehen sie in Zürich zusammen, und weil sie nicht mehr 20 sind, reden sie bald schon vom Heiraten. 

Als dann Monique von Christoph zu ihrem Geburtstag einen Städteflug in die Stadt der Liebenden zum Geschenk erhält, ist Moniques erster Gedanke natürlich: Er will mir in Paris einen Antrag machen. Das würde sie sich zwar wünschen, doch gleichzeitig denkt sie: Er weiss, ich wünsche es mir, deshalb will er mich täuschen. In Paris muss ich mir keine Hoffnungen machen.

Christoph dagegen denkt: Sie wünscht sich in Paris einen Antrag, aber sie glaubt, ich wolle sie täuschen und ihr falsche Hoffnungen machen. Als die beiden Verliebten an einem Wochenende im Mai in Paris ankommen, hat Christoph seinen Plan deshalb bereits gefasst. Er macht Monique den Vorschlag, als erstes Ziel am anderen Morgen den Montmartre zu besuchen. Die Erhebung im Herzen der Stadt mit dem zeitlosen Charme ihrer Gässchen und Treppen hat schon viele Heiratsanträge erlebt, und auch Christoph stellt es sich sehr romantisch vor, wie er auf einer der Treppenstufen vor Monique hinkniet und ihre Überraschung geniesst. Um an Ort und Stelle feiern zu können, nimmt er in seiner Umhängetasche auch bereits eine Flasche Wein mit was Monique leicht verwundert zur Kenntnis nimmt, als sie am Morgen losziehen: Wein schon am Mittag?

Doch dann, etwas später, beim Hinaufsteigen durch die lauschigen Gässchen, stellt Christoph mit leichter Ernüchterung fest, dass sie nicht als Einzige auf der Suche nach der erhofften Romantik sind. Um jede Ecke erscheinen neue Touristengruppen – und als es dann noch zu regnen beginnt, ertrinkt das Bild des Heiratsantrags auf den Treppenstufen des Montmartre im Regenwasser.

Christoph kämpft für einen Moment mit seiner Enttäuschung, von der Monique natürlich nichts ahnt. Und sie ahnt immer noch nichts, als er sich wieder gefasst hat und scheinbar beiläufig vorschlägt, sie könnten am Nachmittag nach einem Zwischenhalt im Hotel die Brücke der Verliebten besuchen, den Pont des Arts, wo die Liebespaare aus aller Welt  ihre Treueschwüre mit einem Schloss versehen und den Schlüssel ins Wasser werfen. 

Unterwegs dahin wundert sich Monique erneut, warum Christoph auch jetzt wieder seine Umhängetasche mitschleppt, obwohl er sie gar nicht braucht und obwohl er den Wein im Hotel zurückliess. Sie weiss nicht, dass die grosse Tasche ein kleines Schächtelchen birgt, dessen Inhalt für Christophs Vorhaben unerlässlich ist. Am Pont des Arts angekommen, begegnet das Schweizer Pärchen etlichen anderen Paaren, die alle gekommen sind, um sich ewige Liebe schwören. Es gäbe intimere Orte, um dies zu tun. Doch Pilgerstätten, wie man weiss, haben es an sich, dass Feierlichkeit und Intimität vom Lärm der Masse vertrieben werden.

Das empfindet besonders auch Christoph, der unschlüssig ist, was er tun soll. Als es dann, wie schon am Morgen, wieder zu nieseln beginnt, hat das Wetter für ihn entschieden. Regen ist der Feind aller Verlobungen, und Christoph muss erneut eine leise Enttäuschung hinunterschlucken, bevor er die Lage wieder im Griff hat.

Das kleine Schloss, das er ebenfalls in seiner grossen Tasche mitgebracht hat, packt er trotzdem aus, und das freut auch Monique. Für einen Moment vergessen sie, dass der Pont des Arts mit seinen Liebesschlössern in allen Pariser Reiseprospekten steht. Für einen Moment glauben sie an die Kraft dieser Schlösser, und auch sie vollziehen das Ritual, befestigen ihr Liebesversprechen zwischen hundert anderen Liebesversprechen am Gitterzaun des Brückengeländers, drehen den Schlüssel und werfen ihn bedeutungsvoll in die Seine, die in grosser Ruhe unter der Brücke vorbeifliesst und das Schlüsselchen so geduldig und willig schluckt, als würde sie dazu ihren Segen geben. 

Während Monique, übers Geländer gelehnt, in die Seine hinabblickt und vielleicht liebevoll daran denkt, wie der Fluss des Lebens ihr Christoph gebracht hat, schmiedet dieser bereits Plan C. Er hat noch einen Joker in seiner Hand. Wenn es um eine Verlobung in Kombination mit Paris geht welcher spektakuläre Ort wäre besser geeignet dafür als der Eiffelturm? Wieder so ganz nebenbei bereitet er Monique auf seinen nächsten Angriffsplan vor, und sie meint, warum nicht? Monique hat den Turm früher schon einmal bestiegen, doch zu zweit ist es noch einmal etwas anderes, und der Weg dahin, immer der Seine entlang, erweist sich als gar nicht so weit.  

Doch als sie sich dem Turmkoloss nähern dessen Anblick jedesmal wieder klein und bescheiden macht , rückt auch die Menschenschlange vor den Kassen ins Bild. Da verlässt Christoph der Mut. Die Vorstellung, zuoberst im Turm, eingekeilt zwischen Japanern, Amerikanern und anderen Schweizern um Moniques Hand anzuhalten, verleidet ihm jedes Bedürfnis nach einer Verlobung. Und weil auch Monique sieht, welches Gedränge rund um den Turm herrscht, beschliessen sie mindestens für den heutigen Tag ganz darauf zu verzichten, ihn zu besteigen. 

Zurück im Hotel, entledigt sich Christoph endlich der Tasche, die er den ganen Tag mit sich herumtrug. Sie wurde schwerer und schwerer, weil das Schächtelchen mit seinem wertvollen Inhalt immer noch drin liegt, und weil Christoph immer noch keinen Plan hat, der mit Sicherheit zum Erfolg führt. Während sich Monique für den Ausgang bereit macht, studiert er ein weiteres Mal mit wachsender Ungeduld die Touristenprospekte. Und er wird fündig. Seine Idee für den nächsten Tag, die er Monique verkündet: Ein Ausflug nach Versailles.

Vielversprechender Sonnenschein begleitet die Fahrt der beiden am anderen Morgen zu den Schlossanlagen des Sonnenkönigs, Christoph nimmt es mit Freude zur Kenntnis, und die Tasche an seiner Schulter wiegt schon viel leichter als am Tag davor. Nach der Besichtigung des Palastes unternehmen die beiden Schweizer einen Spaziergang im unermesslich weitläufigen Schlosspark, bestaunen die kunstvolle Gartenarchitektur jener Zeit, die künstlichen kleinen Seen und Teiche, die Springbrunnen und bekommen, weil Sightseeing anstrengend ist, allmählich Hunger. 

Das heisst vor allem Monique braucht eine Stärkung, und sie versteht nicht, warum nicht auch Christoph inzwischen genug gesehen und besichtigt hat,  warum er im Gegenteil immer weitergehen will, als gelte es, irgend ein Ziel zu erreichen!

Christoph hat tatsächlich ein Ziel, und je mehr Moniques Magen knurrt, umso nervöser wird er, umso mehr beschleunigt er seine Schritte bis er endlich mit ihr davor steht: vor einem kreisförmig angeordneten offenen Tempel, in dessen Mitte die Statue eines Engels steht, der sich aus einer Keule einen Pfeilbogen schnitzt.

«Das ist der Tempel des Amor», sagt Christoph und seine Erklärung lässt Monique ihren Hungerast auf der Stelle vergessen. Aus seiner viel zu grossen Tasche nimmt Christoph die kostbare kleine Schachtel heraus, die er mit Glück an Monique vorbeischmuggelte, und Amor ist Zeuge, als er vor seine Gefährtin hinkniet und ihr mit seiner erlösenden Frage Gelegenheit gibt, ihren Freundinnen zu verkünden: Er hat es getan. Er hat es doch in Paris getan!

Niemand stört sie in diesem Moment, der ganz ihnen gehört. Christophs Ausdauer, sein Glaube an einen glücklichen Ausgang seiner Bemühungen hat sich gelohnt. Was können wir daraus lernen? Nicht immer führt der erste Heiratsantragsversuch zum Ziel. Auch der zweite Versuch muss keineswegs schon der richtige sein, und selbst Plan C, wie wir gesehen haben, kann daneben gehen. Doch bleiben wir unverzagt: Wenn das Leben es richtig findet, dass ein Liebender um die Hand seiner Liebsten bittet, wird es sein Bestreben belohnen. Ein Heiratsantrag im Tempel der Liebe lässt sich schwer überbieten.

*Wenige Wochen später übrigens konnte man in der Zeitung lesen, dass am Pariser Pont des Arts ein Stück des Brückengeländers unter der Last der vielen Schlösser zusammengebrochen war. Auch das Schloss von Monique und Christoph hat also zweifellos dazu beigetragen, dass die Kraft der Liebe sogar ein massives eisernes Brückengeländer einstürzen lassen kann. Sicherheitshalber wurden danach sämtliche Schlösser entfernt. Das Geländer wurde ersetzt und so konstruiert, dass die Liebe keinen Schaden mehr anrichten kann.

Autor: Nicolas
Lindt