Der Berner mit den dunklen afghanischen Augen

Das Schicksal hat Schwerarbeit leisten müssen, damit sich Isabelle und Amir treffen konnten. 7000 km lagen zwischen ihnen, als sie zur Welt kamen. In Winterthur sind sie zusammengekommen, und in Eich am Sempachersee haben sie geheiratet.

von
Nicolas
Lindt
Uhr

Trauung in Eich am Sempachersee
(Bild zvg)

Damit Isabelle und Amir sich in Eich am Sempachersee an einem Samstag im vergangenen Sommer ihr Eheversprechen geben können, hat das Leben Schwerarbeit leisten müssen. Denn Amir ist nicht im Nachbarhaus Isabelles aufgewachsen. Er war 7000 Kilometer von ihr entfernt. Amir erblickte das Licht der Welt in Afghanistan, in einer angesehenen Familie aus Kabul, und er wäre auch dort geblieben, wenn die islamische Machtübernahme nicht auch Amirs Familie bedroht hätte. Seine Eltern sahen keine Zukunft mehr im eigenen Land, und so flüchteten sie im Jahr 1992 mit ihrem 7jährigen Sohn und seinen Geschwistern in die Türkei. Dort richteten sie Asylanträge an verschiedene westliche Staaten, an Kanada, Deutschland - und an die Schweiz.

Hier greift das Schicksal ein erstes Mal ein: Amirs Eltern entscheiden sich für die Schweiz, weil es das erste Land ist, das sich bereit erklärt, der Familie ein Visum auszustellen. Aber eigentich wissen die Eltern nicht viel von der Schweiz. Als sie mit ihren Kindern in Kloten landen und all die Swissair-Flugzeuge sehen, staunen sie über die grosse Flotte des Roten Kreuzes, die da versammelt ist.

Während Amirs Familie ins hinterste Emmental in ein Flüchtlingszentrum gebracht wird, wächst am anderen Ende der sicheren Schweiz, im Thurgau Isabelle auf, mit ihren Geschwistern im elterlichen Haus, das der Vater, ein Architekt, selber gebaut hat. Die Weltpolitik hat relativ wenig Einfluss auf Isabelles Kindheit, die sehr intakt und harmonisch verläuft, sie entdeckt schon früh ihre Freude am Backen und Tortenverzieren, möchte später Konditorin werden, und dass es ein Land namens Afghanistan gibt, erfährt sie zum ersten Mal in der Oberstufe.

Statt in einer Konditorei beginnt sie dann ihre Ausbildung in einer Gemeindeverwaltung – im gleichen Jahr, als der gleichaltrige Amir in Bern ins Gymnasium eintritt. Seine Familie hat inzwischen Asyl erhalten, sie sind in ein Berner Vorortquartier gezogen, wo viele andere in der Schweiz Gestrandete wohnen, doch Amirs Eltern sehnen sich noch immer zurück an das alte Leben in Kabul. Ihr Sohn aber ist angekommen, er redet Bärndütsch, hat Schweizer Kollegen und will später in Bern Medizin studieren.



Der Reiseprospekt auf der Parkbank

Alles verläuft für Amir nach Plan. Unmittelbar nach der Matur will er die Aufnahmeprüfung machen – doch was geschieht? Etwas Dümmeres hätte ihm kaum passieren können. Der junge Mann verpasst um einen einzigen Tag den Anmeldetermin.

Damals fand er es ärgerlich. Masslos ärgerlich. Heute ist er dem Schicksal für die Hilfe, die es ihm damals gewährte, dankbar.

Er muss ein Jahr warten, das er mit Jobben und einem Sprachaufenthalt verbringt. Dazwischen bleibt ihm viel freie Zeit – und jetzt kommen wir der Hochzeit von Amir und Isabelle einen grossen Schritt näher. Eines Tages im März sitzt er mit Marc, einem Kollegen aus seiner Gymizeit auf einer Parkbank in Bern. Da sieht er neben sich auf der Bank einen Reiseprospekt. Jemand hat ihn dort liegenlassen, könnte man meinen, aber so war es nicht. Das Leben hat ihn dort hingelegt. Damit Amir von Seite zu Seite blättert, die Bilder betrachtet, auf einer der Seiten hängenbleibt - immer noch ohne grosses Interesse - und seinem Kollegen vorschlägt:

„Wir könnten doch eine Woche in der Südtürkei buchen. Schau mal, wie wenig das kostet. Und im April ist es da schon ganz warm.“

Fast zur gleichen Zeit reden auch Isabelle und ihre Kollegin Sarah von einer Ferienwoche, die sie zusammen verbringen wollen. Im Sommer beeenden sie ihre Ausbildung, aber so eine Woche im Frühling wäre doch eine gute Idee, oder nicht? Welche Destination, welcher Strand spielt dabei keine so grosse Rolle. Hauptsache, es ist warm und günstig und die Eltern bleiben zuhause. Isabelle und ihre Freundin beschliessen, zu buchen. Eine Woche in Kemer, Südtürkei.

Es wird April, Amir und sein Berner Kollege sind in der Südtürkei angekommen. Sie logieren im halbleeren Fünfsternehotel von Kemer und schlagen ein wenig die Zeit tot, am Tag am Strand, abends beim Essen und danach in den Bars, soweit diese schon geöffnet sind. Die jungen Schweizer wünschen sich etwas Rambazamba herbei, ohne Erfolg natürlich. Es herrscht Vorsaisonsstimmung, der Tourismusbetrieb ist gerade erst aufgewacht und noch etwas schläfrig – und dasselbe erleben auch Isabelle und ihre Kollegin, als sie ein paar Tage später ebenfalls in ihrem Hotel in Kemer einchecken.

Schon jetzt dürfen wir feststellen: Das Leben hat ganze Arbeit geleistet. Zwischen Isabelle und Amir, die einst Welten voneinander entfernt waren, liegen bloss noch wenige hundert Meter. Trotzdem sind wir noch nicht am Ziel. Denn Isabelle und ihre Kollegin haben nicht das gleiche Hotel wie Amir gebucht, und so könnte noch immer geschehen, dass nichts geschieht.

Glücklicherweise jedoch – das Glück hat viele Gesichter – befindet sich das Hotel Isabelles in einem inakzeptablen Zustand. Die Zimmer sind feucht, die Sauberkeit lässt zu wünschen übrig, und am Tag nach der Ankunft beschweren sich die neuangekommenen Gäste, unter ihnen die beiden Thurgauerinnen, erfolgreich. Sie dürfen in ein anderes Logement wechseln – und wir ahnen bereits, wohin.

Jetzt darf das Leben – der grosse Regisseur – den weiteren Lauf der Dinge fast schon uns Menschen überlassen. Denn da sich nun Isabelle und Amir unter dem gleichen Hoteldach befinden, wäre der zu leistende Aufwand gross, dass die beiden sich nicht begegnen. Die letzten Stunden vergehen, in denen sie nicht einmal ahnen, was ihnen gleich widerfahren wird, die letzten Minuten vergehen, dann ist es soweit: Als sich die Girls aus der Ostschweiz am späteren Abend in die hoteleigene Disco begeben, erwartet sie dort gähnende Leere, von Technosound untermalt, und sie wollen schon umkehren. Doch da entdecken sie zwei junge Männer, die interessiert zu ihnen herüberschauen.

Auf einmal scheint es, als könnte es anders nicht sein: Isabelle und Amir befinden sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Doch obwohl sie sich zum erstenmal in die Augen schauen, ahnen sie die Grösse der Stunde noch immer nicht. Isabelle und Sarah setzen sich zu den Jungs, die sich als Schweizer wie sie zu erkennen geben. Der Abend für die vier scheint gerettet, sie unterhalten sich im Berner und im Thurgauer Dialekt, sie trinken und tanzen ein wenig in der Leere der Disco und erleben zusammen ihre noch junge erwachsene Freiheit.

 

Schon fährt der Bus vor...

Am nächsten Abend treffen sie sich alle vier wieder. Für Amir und Marc ist die Woche schon fast zu Ende, am Tag darauf reisen sie heim, was besonders Amir ein wenig bedauert, denn die eine der beiden Girls, Isabelle, gefällt ihm schon sehr. Auch Isabelle selbst findet es schade, dass er schon gehen muss, und je länger der Abend dauert, um so mehr ziehen sie sich von den andern ein wenig zurück.

Spätabends finden wir sie zu zweit im Park des Hotels, wo Isabelle von Amir erfährt, dass er so heisst, weil er aus Afghanistan stammt. Isabelle weiss immer noch wenig über das Land, aber sie findet es spannend, dass bei Amir etwas Exotisches, von weit her Kommendes mitschwingt, und sie wünscht sich, dass der Abend mit ihm gar nicht enden soll. Es geht alles ein wenig zu schnell für eine Ferienromanze, weder Isabelle noch Amir sind diesbezüglich schon sehr geübt, und so tauschen sie nicht einmal ihre Nummern, als sie sich etwas später und etwas verlegen Gute Nacht sagen.

Doch der Aufwand, den das Leben betrieben hat, um die beiden zusammenzubringen, darf nicht umsonst sein. Noch in der gleichen Nacht schleicht sich Isabelle in die Hotelhalle und schaut auf dem Schwarzen Brett nach, wann Amir und sein Kollege am nächsten Morgen vom Transferbus abgeholt werden. Wie zufällig schlendert sie dann zur angegebenen Zeit durch die Halle, sieht Amir, sieht die Freude auf seinem Gesicht, als sie vor ihm steht, wünscht ihm eine gute Heimreise und hofft, er wolle mit ihr im Kontakt bleiben.

Er will es offenbar nicht, er hat eine scheue Seite, die er, Minuten später, bereuen wird, denn der Bus ist schon vorgefahren. Noch einmal steht die Fortsetzung ihrer Geschichte auf Messers Schneide - da bekommt Isabelle vom gütigen Schicksal einen sanften, ermunternden Stoss, und sie gibt Amir ihre Nummer, bevor sie sich flüchtig verabschiedet.

In den verbleibenden Tagen in der Türkei schweifen ihre Gedanken immer wieder zu dem jungen Mann aus Bern mit den dunklen afghanischen Augen, und sie zweifelt daran, ob er von ihr überhaupt etwas wissen wollte. Sie möchte ihn schnell vergessen, aber sie kann es nicht.

*

Isabelle musste ihn nicht vergessen, sage ich an der Trauung am Sempachersee. Kaum war auch sie wieder zuhause, hat sich Amir bei ihr gemeldet, denn auch er hat an Isabelle denken müssen, die ganze Zeit seit ihrer Begegnung in Kemer. Er schreibt ihr, wir könnten uns treffen, und Isabelle liest seine Zeilen und ihre Zweifel verfliegen. Sie haben ein Date abgemacht, Amir ist zu Isabelle in die Ostschweiz gereist, in Winterthur, am Bahnhof erwartet sie ihn, und niemand, der das Paar in diesen Augenblicken beobachtet, hat eine Ahnung davon, wieviele Berge, Täler und Flüsse das Leben bewältigen musste, um die beiden zusammenzubringen. Noch am gleichen Abend sind sie sich nähergekommen, und heute nun, zehn Jahre später, möchten sie ihre Liebe besiegeln.

Als ich ans Ende der Geschichte von Isabelle und Amir gelange, erinnere ich die Braut noch einmal daran, dass Amir und sie sich nur finden konnten, weil er mit seiner Familie bereit war, die afghanische Heimat zurückzulassen und den Weg ins Ungewisse zu wagen. Ich wünsche Isabelle deshalb, dass sie eines Tages den umgekehrten Weg geht und mit Amir zusammen nach Afghanistan reist. Damit das schöne und so geschundene ferne Land einen Platz auch in ihrem Herzen bekommt.

 

Autor: Nicolas
Lindt