Mumi vom KV

Wird man Eltern, wird man nicht nur mit einer ganz neuen Aufgabe konfrontiert, sondern auch mit einer neuen Fremdsprache. Schon nach ein paar Wochen reden Mütter untereinander so, dass sie von Aussenstehendes kaum mehr verstanden werden.

von
Annette
Saloma
Uhr

Solls eine FB oder HB-TH sein? Nur schon das Trage-Vokabular ist eine Sprache für sich. (Bild: Annette Saloma)

Wer denkt, Jugendliche würden sich in einer Sprache unterhalten, die man als Mitglied der älteren Generation nicht mehr versteht, war noch nie in einem Mütterforum im Internet unterwegs.«Nimm ihn ins TT, dann wird es besser», «dein Mann kann die Mumi auch im Becher geben», «was sagt der KV dazu?», «hast du schon mal BLW probiert?»

Verstehen Sie Bahnhof? So ging es mir auch, als ich meine ersten zaghaften Schritte in einer der zahllosen Mamagruppen auf Facebook machte. Die Abkürzung SS lässt hier niemanden an Gräueltaten der Nazis denken, sondern steht für Schwangerschaft. SSW ist die Schwangerschaftswoche, Mumu der Muttermund und BEL bedeutet Beckenendlage, also, dass das Baby mit dem Kopf nach oben im Bauch liegt.

Wenn möglich sollte man sich schon in der SS um ein TT (Tragetuch) oder eine geeignete TH (Tragehilfe) kümmern – am besten mit Hilfe einer TB (Trageberaterin).  Es gibt die HG (Hausgeburt), die Geburt im GH (Geburtshaus) oder KH (Krankenhaus, wird vor allem in deutschen Gruppen verwendet). FB steht nicht für Facebook, sondern für Familienbett oder auch für Fullbuckle (bei Tragehilfen, deren Verschlusstechnik aus Schnallen oder Klettverschluss besteht und die keine Bindemöglichkeiten haben).

Mit Mumi ist Muttermilch gemeint, mit Pumi Pulvermilch und BLW hat nichts mit Betriebswirtschaft sondern vielmehr mit dem Beginn vom Beikost zu tun und steht für Baby Led Weaning, babygeleitetes Abstillen.  

Nach der Geburt kommt die Hebi (Hebamme) vorbei, man kann man die Hilfe einer StiBe (Stillberaterin) in Anspruch nehmen, der Kia (Kinderarzt) führt die Kontrollen durch und bei der MüBe (Mütterberatung) lässt man das Kind unter anderem regelmässig wiegen. AE (Alleinerziehende) sprechen oft nicht vom Ex-Mann sondern kurz vom KV (Kindsvater). Verheiratete hingegen haben einen GG (Göttergatten). Dazu kommen spezifische Begriffe für einzelne Teilbereiche der Kindererziehung wie brockentauglich (für Tragetücher), oder abhalten (Stichwort: Windelfrei/Ausscheidungskommunikation) – diese zu erläutern, würde den Rahmen sprengen.

Nach sechs Jahren Mutter sein beherrsche ich diese Ausdrücke natürlich aus dem Effeff. Woher diese Redewendung stammt, musste ich jetzt hingegen erst im Internet nachlesen. Fazit: Mit einem Kind lernt man also nicht nur, Mutter oder Vater zu sein, sondern gleich auch noch eine neue Fremdsprache.

Annette Saloma ist Redaktorin beim «Zürcher Oberländer»/«Anzeiger von Uster» und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (3 und 6), die Familie lebt in Uster. 

 

«Family Affairs» ist der Familien-Blog auf Züriost und behandelt Themen rund um den Familienalltag mit Kind und Kegel. Drei Redaktorinnen und ein Redaktor aus der Region berichten über Alltagserlebnisse, Erziehungsfragen, Freizeitgestaltung – einfach alles, was Eltern im Umgang mit Kindern beschäftigt. Jeden Samstag erscheint ein neuer Beitrag.

 

Autor: Annette
Saloma