Die totale Kontrolle

«Family Affairs» ist der Familien-Blog auf Züriost und behandelt Themen rund um den Familienalltag mit Kind und Kegel. Drei Redaktorinnen und ein Redaktor aus der Region berichten über Alltagserlebnisse, Erziehungsfragen, Freizeitgestaltung – einfach alles, was Eltern im Umgang mit Kindern beschäftigt. Jeden Samstag erscheint ein neuer Beitrag. Diesmal gehts um eine Smartwatch zur Überwachung von Kindern.

von
Annette
Saloma
Uhr

Liebe soll nicht erdrücken: Am Liebsten würde man seine Kinder das ganze Leben lang vor allen Gefahren dieser Welt beschützen - ist leider unrealistisch. (Bild: Annette Saloma)

Als mein Bruder 14 Jahre alt war, wurde er mutterseelenalleine im Wald ausgesetzt. In der damaligen Tschechoslowakei. Nein, keine grausame Tat von grausamen Eltern, sondern eine freiwillige Prüfung während eines Sommerlagers der Pfadfinder. Die Teenager waren im Grenzgebiet zu Österreich 24 Stunden lang auf sich alleine gestellt, sie durften in dieser Zeit weder essen noch reden. Das Ziel war, von niemandem entdeckt zu werden, insbesondere nicht von den Grenzpatrouillen.

Was vor über 20 Jahren ein riesiges und geniales Abenteuer für ihn gewesen war, wäre heute absolut undenkbar. Es gäbe einen Aufruhr von empörten Eltern, eine Untersuchung durch irgendeine unabhängige Stelle, womöglich eine ausführliche Medienberichterstattung.

Gut, das ist tatsächlich ein krasses Beispiel. Aber sind wir früher schon im Kindergartenalter alleine durch den Wald gestreift, sehe ich heute kaum mehr Kinder ohne Begleitung in der freien Natur. Ihnen wird immer weniger zugetraut. Oder liegt es daran, dass man früher schlicht keine Zeit hatte, seine Kinder die ganze Zeit zu überwachen? Meine Grossmutter hatte ohne Wasch- und Abwaschmaschine und mit zehn Kindern anderes zu tun, als mit ihnen im Sandkasten zu sitzen.

Heute hat man Zeit für sein Kind, was sehr viele positive Aspekte hat, aber auch ein paar Negative. Das Kind ist zum Mittelpunkt der heutigen Kleinfamilie geworden, und dieses gilt es zu hegen, zu pflegen (wichtig und gut) und vor allen bösen Gefahren dieser Welt zu schützen (kaum realistisch). Irgendwann ist es Zeit, loszulassen.

Normalerweise beginnt dieser natürliche Prozess spätestens im Kindergarten. Das Kind geht den Weg alleine, ist zumindest vormittags nicht unter Aufsicht der Eltern. Doch das war früher. Eine Bekannte machte mich auf eine Smartwatch für Kinder aufmerksam. Damit kann man seinen Nachwuchs orten, das Kind kann die Eltern im Notfall anrufen und man kann sogar seinen Schlaf überwachen. Die Uhr schlägt bei den Eltern Alarm, wenn das Kind einen vorgegebenen Umkreis verlässt. Mittels Fitnesstracking können die Erwachsenen zudem kontrollieren, ob ihr Nachwuchs im Fussball- oder Klettertraining alles, wenig oder nichts gegeben hat.

«Sorgen Sie für die Sicherheit Ihres Kindes», heisst es in der Produktebeschreibung. Sicherheit? Für mich klingt das mehr nach totaler Kontrolle. Die Vorstellung, dass man dafür sorgen kann, dass seinem Kind nie etwas Schlimmes passiert, ist wunderbar. Aber es ist schlicht nicht möglich. So eine Uhr täuscht eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Einen guten Input gab eine andere Bekannte. «Wirklich geholfen ist damit weder Kind noch Eltern», meinte sie. «Aber richtig dagegen bin ich nicht. Denn wenns einem Mami die Sicherheit gibt, dass alles okay ist und sie dafür die kinderfreie Zeit geniessen kann oder wenn es einem Kind, das sonst nicht draussen spielen darf, dazu verhilft, mal alleine auf den Spielplatz zu dürfen, dann ist es eine gute Sache.»

Annette Saloma ist Redaktorin beim «Zürcher Oberländer»/«Anzeiger von Uster» und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (3 und 6), die Familie lebt in Uster.  

 

 

 

Autor: Annette
Saloma