«Peng, du bist tot»

«Family Affairs» ist der Familien-Blog auf Züriost und behandelt Themen rund um den Familienalltag mit Kind und Kegel. Drei Redaktorinnen und ein Redaktor aus der Region berichten über Alltagserlebnisse, Erziehungsfragen, Freizeitgestaltung – einfach alles, was Eltern im Umgang mit Kindern beschäftigt. Jeden Samstag erscheint ein neuer Beitrag. Heute gehts um die Faszination von Spielzeugwaffen und warum ein Verbot nicht sinnvoll ist.

von
Beatrice
Zogg
Uhr

Vor allem bei Jungs beliebt: Spielzeugwaffen mit Schaumstoffpfeilen. (Bild: Beatrice Zogg)

«Haben deine Jungs mit Spielzeugwaffen gespielt?», fragte mich eine Kollegin kürzlich. «Klar, warum auch nicht», so meine Antwort. Sie erzählte mir, dass ihr kleiner Junge in der Kita aus Bastelmaterial eine Pistole nachgebaut und damit gespielt hatte. Als sie ihr Kind abends abgeholt habe, habe der Junge ihr stolz die selbstgebastelte Spielzeugwaffe gezeigt. 

«Als er mir von der Pistole erzählte, hat die Erzieherin ihm gesagt, dass er das Wort Pistole nicht verwende soll. In der Kita würde man dazu Bohrer sagen», so die Kollegin. Sie fand dies befremdlich. Für sie gehöre das Spielen mit Spielzeugwaffen zur Kindheit und sie sehe darin nichts Aussergewöhnliches. Es gebe aber in ihrem Umfeld einige Mütter, die ihren Kindern das Spiel mit Spielzeugwaffen verbieten würden. Es sei zu brutal oder gewalttätig, so die Meinung. Aus pädagogischen Gründen also Spielzeugwaffen verbieten?

Für Erwachsene befremdlich

Ein Verbot oder die Umbenennung einer Pistole in «Bohrer» kann ich nicht nachvollziehen. Das Spiel mit den Waffen mag für uns Erwachsene auf den ersten Blick befremdlich wirken. Zu sehr ist unsere heutige Zeit von Terrormeldungen durchdrungen und Kriegsmeldungen beherrschen oft die Nachrichten. Wir hören nicht gerne, wenn Vierjährige rufen: «Peng. Jetzt bist du getroffen. Du bist tot.» 

Doch sollen Kinder deshalb nicht mehr Räuber und Poli spielen? Ihre Lichterschwerter nicht mehr kreisen lassen dürfen? Oder nicht mehr mit Nerfs – bunten Plastikpistolen mit Schaumstoffpfeilen – herumballern?

Chäpsli-Pistolen und Nerfs

Als Mutter habe ich meinen Kindern sowohl die altbekannte Chäpsli-Pistole von der Chilbi als auch die Nerfs mit Schaumstoffmunition erlaubt. Für mich war aber klar, dass die Spielzeugwaffen immer als solche erkennbar sein mussten. Es gab auch Regeln, die beim Spielen befolgt werden mussten. So durfte mit den Schaumstoffpfeile nicht auf den Kopf und ins Gesicht gezielt werden. Auch nicht auf Kinder, die das nicht wollten. Auch Tiere durften keine Zielscheibe sein.

Es gab Zeiten, da wurden in unserem Wohnzimmer mit Stühlen und Tüchern Schutzwälle errichtet und dann in zwei Gruppen mit Nerfs gegeneinander gekämpft, bis eine Partie aufgab. Spiele, die es auch in meiner Kindheit bereits gab. Statt mit Schaumstoffpfeilen waren die Buben in unserer Siedlung aber zum Teil mit Stein- oder Agraffen-Schleudern unterwegs. Da sind mir die Schaumstoffpfeile tausendmal lieber...Und solange neben Spielzeugpistolen auch mit Lego, Playmobil, Puzzle oder dem Fussball gespielt wurde, war für uns Eltern alles im «grünen Bereich».

«Unrealistisch, Kindern das Spielen mit Waffen zu verbieten»

Zu einem entspannten Umgang mit dem Thema raten auch Kinderpsychologen. «Kinder im Alter von vier bist acht oder maximal neun oder zehn Jahren spielen gerne mit Waffen. Die Faszination geht nachher zurück», meint etwa Kinderpsychologe Allan Guggenbühl in einem Interview im «Tages-Anzeiger». Kinder würden Spielzeugwaffen mit anderen Augen sehen als Erwachsene. Für sie sei es ein Spiel, bei dem sie sehr wohl zwischen ihrer Rolle im Spiel und in der der Realität unterscheiden könnten.

«Während wir sie vor allem mit Gewalt, Verbrechen und Militär in Verbindung bringen, sehen Kinder in ihnen menschliche Verhaltensweisen; nämlich aggressiv und bestimmt zu sein, sich zu messen und mit anderen zu kämpfen», so der Psychologe. «Es ist unrealistisch, Kindern das Spielen mit Waffen zu verbieten, sie nehmen dann einfach Äste und sehen in ihnen Schwerter oder Gewehre.»

Faszination nimmt wieder ab

Nicht die Waffen oder eben Spielzeugwaffen seien entscheidend, sondern welche Haltungen die Erwachsenen oder die Kultur mit den Waffen verbinden würden, meint der Kinderpsychologe. Spätestens in der Vorpubertät gehe die Faszination für Waffen zurück. Die Kinder würden sich dann mit sich selber auseinandersetzen, ihre Werte reflektieren und ihre eigene Rolle im Leben.

Genauso ist es auch mit meinen beiden Jungs. Die Spielzeugwaffen waren nur ein Spielzeug unter vielen, im Alter von acht oder neun Jahren waren die Waffen für sie nicht mehr sehr interessant. Von daher kann ich meiner Kollegin also Entwarnung geben – ihr Junge wird durch das Spielen mit Spielzeugwaffen weder Verrohen noch Schaden nehmen. Und dass seine Spielzeugpistole kein Bohrer ist, dass hat der Junge seiner Mutter wohl nicht erklären müssen.

Beatrice Zogg ist Redaktorin beim «Anzeiger von Uster»/«Zürcher Oberländer». Ihre Kinder sind 10 und 13 Jahre alt. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Gemeinde Volketswil.

Autor: Beatrice
Zogg