Belohnung fürs Bravsein

«Family Affairs» ist der Familien-Blog auf Züriost und behandelt Themen rund um den Familienalltag mit Kind und Kegel. Drei Redaktorinnen und ein Redaktor aus der Region berichten über Alltagserlebnisse, Erziehungsfragen, Freizeitgestaltung – einfach alles, was Eltern im Umgang mit Kindern beschäftigt. Jeden Samstag erscheint ein neuer Beitrag.

von
Annette
Saloma
Uhr

Kind im Restaurant: Unartig oder brav? (Bild: Annette Saloma)

In Italien hat ein Wirt einer Familie auf den Rechnungsbetrag fünf Prozent Rabatt gegeben, weil sich Kinder während dem Essen brav verhalten haben. Dies hat, erwartungsgemäss, eine Riesendiskussion ausgelöst. Während manche Menschen dies unmöglich finden (meist solche mit Kindern), loben andere den Wirt (meist solche ohne Kinder).

Mir persönlich ist das Ganze herzlich egal. Ein Wirt darf in seinem Restaurant tun, was er will. Als meine Kinder in einem Alter waren, wo sie sich in einem Restaurant nicht wohl fühlten und nicht still sitzen konnten, bin ich einfach nicht mit ihnen ins Restaurant gegangen. Wozu sich das Leben unnötig schwer machen? Ich glaube kaum, dass fünf Prozent Rabatt jemanden wirklich dazu anspornen, seine Kinder anders zu erziehen. Den vollen Rechnungsbetrag zu zahlen, ist ja keine Strafe.

Gespannt darf man sein auf Diskussionen zwischen dem Wirt und heissblütigen italienischen Mammas, die den Rabatt durchsetzen wollen, weil sie finden, klein Giovianni sei brav gewesen. Wie beurteilt man überhaupt brav sein? Ist ein laut lachendes oder weinendes Kind nicht brav? Wer keine Kinder in seinem Restaurant haben will, macht daraus am besten eine kinderfreie Zone. Und wer sich an einem solchen Wirt stört, soll einfach sein Restaurant meiden - es gibt genug andere.

Wie solche Diskussionen jedes Mal dazu genutzt werden, über die unerzogenen heutigen Kinder herzuziehen, finde ich hingegen traurig und bedenklich. Dazu fällt mir jeweils folgendes Zitat ein:

Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.

Es stammt von Sokrates, er lebte 470-399 v.Chr. Die Leier ist also eine alte. Eine uralte. Die Frustration bei manchen Menschen ist offenbar seit Menschengedenken die Gleiche. Weder die in solchen Diskussionen geforderte harte Hand mit Schlagen, Strafen und Drohen (Blog «Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet») noch laisser-faire-Erziehung ist langfristig sinnvoll. Kinder brauchen Eltern, die ihre Grenzen und Bedürfnisse genau so respektieren wie die eigenen.

Zudem würde ein bisschen mehr Gelassenheit uns allen gut tun. Den Eltern, den Grosseltern, den Kinderlosen und den Wirten. Wir waren alle auch einmal Kinder, die Kinder sein wollten – nur vergessen wir dies leider oft viel zu schnell.

Annette Saloma ist Redaktorin beim «Zürcher Oberländer»/«Anzeiger von Uster» und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (3 und 6), die Familie lebt in Uster.  

Autor: Annette
Saloma