Selektion bereits vor der Schnupperlehre

«Family Affairs» ist der Familien-Blog auf Züriost und behandelt Themen rund um den Familienalltag mit Kind und Kegel. Drei Redaktorinnen und ein Redaktor aus der Region berichten über Alltagserlebnisse, Erziehungsfragen, Freizeitgestaltung – einfach alles, was Eltern im Umgang mit Kindern beschäftigt. Jeden Samstag erscheint ein neuer Beitrag. Heute gehts um Schnupperlehren und die Selektion, die immer früher beginnt.

von
Beatrice
Zogg
Uhr

Einen Beruf kennen lernen: Durch Schnuppern oder bei einer Berufsinformation - wie hier bei der Firma Mägerle in Fehraltorf. (Archivbild ZO/AvU)

Das Telefon liegt auf dem Tisch. Die Telefonnummer daneben. Es ist Mittwochnachmittag. Es steht nun an – das wichtige Telefongespräch für meinen älteren Sohn, der die zweite Sek A besucht. Er möchte den KV-Beruf näher kennen lernen und eine Schnupperlehre absolvieren. Dazu muss er sich bei verschiedenen Firmen erkundigen, ob diese eine solche überhaut anbieten. Doch die Unsicherheit ist gross. Wer nimmt am anderen Ende der Leitung ab? Was soll ich sagen? Was, wenn ich etwas vergesse zu fragen? Zusammen erstellen wir vor dem Anruf eine Liste, auf der steht, was er alles sagen und welche Fragen er stellen könnte. Quasi ein «Gesprächs-Gerüst.»

Geschafft

Nach einigem Zögern fasst er sich ein Herz und wählt die Nummer. Ich sitze daneben, quasi als mentale Unterstützung. Am anderen Ende der Leitung nimmt zum Glück gleich die zuständige Berufsbildnerin der Firma ab, einem Betrieb in Wetzikon. Was die Frau sagt, höre ich zwar nicht, den Antworten meines Sohnes nach läuft aber alles tiptop. «An wen darf ich meine Bewerbung mailen?», fragt er  am Ende des Gespräches. Er bedankt sich bei seiner Gesprächspartnerin und legt auf.

Geschafft – das erste Telefon in die noch unbekannte Geschäftswelt ist gemacht. Für die Schnupperlehre muss er sich bewerben: Mit Bewerbungsschreiben, Lebenslauf und einer Kopie der Zeugnisnoten. Fast wie bei einer Lehrstellenbewerbung.

Der Bescheid einige Tage später ist positiv, im Februar darf er im gewünschten Betrieb einen Schnuppertag absolvieren.

Selektion beginnt immer früher

Dass man sich bereits für die Schnupperlehre, respektive einen Schnuppertag, bewerben muss, ist heute bei vielen Betrieben Standard. Viele  Firmen bieten zudem gar keine Schnupperlehre mehr an, darunter viele Banken. Sie veranstalten lediglich noch allgemeine Infonachmittage, an denen die Berufe vorgestellt werden.

Firmen wie etwa die SBB bieten zwar noch Schnupperlehren an, der Weg dorthin ist aber hart. Sie verlangen gemäss eines «20Minuten»-Artikels für dreitägige Schnupperlehren das Bestehen eines 90minütigen Computertests. Eignungstest für Schnupperlehrstellen sind laut Christoph Weber, Geschäftsführer von Berufsbildner.ch, keine Ausnahmen. «Immer mehr Unternehmen verlangen eine firmeneigene Abklärung, damit Schüler ein paar Tage in einem Betrieb schnuppern gehen können.» Bei einigen Firmen würden solche Tests regelrechten Assessments gleichen und seien deutlich anspruchsvoller als andere Branchentests wie etwa der Multicheck.

Einblick in den Wunschberuf ermöglichen

Eine Entwicklung, die ich bedenklich finde. Oberstufenschülerinnen und -schüler sollen durch eine Schnupperlehre in ihren Wunschberuf einen Einblick erhalten können. Sie sollen durch praktische Arbeiten und eigene Anschauung evaluieren können, ob ihnen dieser Beruf entspricht und ob sie die dafür erforderlichen Voraussetzungen mitbringen.

Dass die Betreuung eines Schnupperlehrlings für eine Firma Arbeit bedeutet, ist nicht von der Hand zuweisen. Dass die Betriebe daher auch darauf achten, ob die Jugendlichen für die Ausbildung hinsichtlich den Anforderungen überhaupt in Frage kommen könnten, ist nachvollziehbar.

Schon bereits Tests für Schnupperlehren absolvieren zu müssen, ist aber übers Ziel hinausgeschossen. So beginnt die Selektion immer früher und wer nicht durch das Leistungsraster der Firmen passt, hat so gar keine Möglichkeit, seinen  möglichen Traumberuf überhaupt kennen zu lernen. Nicht zu vergessen, dass wir hier von 13- bis 14-jährigen Jugendlichen reden und nicht von perfekt ausgebildeten, erfahrenen Erwachsenen.

Was für Erfahrungen haben Sie selbst oder mit Ihren Kindern mit Schnupperlehren gemacht?

 

Beatrice Zogg ist Redaktorin beim «Anzeiger von Uster»/«Zürcher Oberländer». Ihre Kinder sind 10 und 13 Jahre alt. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Gemeinde Volketswil.

Autor: Beatrice
Zogg