Klartext

Blind Date mit 60 Ehemaligen

Einmal wöchentlich äussern sich Züriost-Redaktoren zu einem Thema von politischer oder gesellschaftlicher Relevanz. Heute: Annalisa Hartmann, Redaktorin des Ressorts Pfäffikon, über schnelles Vergessen und Überraschungen an Klassentreffen.

von
Annalisa
Hartmann
Uhr

Flaues Gefühl vor dem Treffen: Wer wird mir gegenüber sitzen? (Archivbild: Nicolas Zonvi)

In wenigen Tagen habe ich ein Blind Date. Nicht ein Blind Date im klassischen Sinn, aber dafür mit der klassischen Nervosität: Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, was ich anziehen soll und ob wir uns etwas zu sagen haben werden. Das Blind Date, das mir bevorsteht, nennt sich Klassentreffen.

Alle drei Parallelklassen aus meinem Jahrgang werden sich zu einem unverbindlichen Grillplausch in einer Waldhütte versammeln, jeder bringt sein Fleisch oder Quorn oder Tofu selber mit. Dass wir gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, ist jetzt etwa 14 Jahre her. Kontakt habe ich seitdem nur noch zu zwei Personen. Zu meiner Zwillingsschwester und zu einer Freundin. Wenn ich mich auf das Wiedersehen einstellen will, fallen mir nur noch Bruchteile aller Gesichter und Namen ein. 

Ich finde das beängstigend.  Immerhin haben wir uns früher täglich gemeinsam über Ungerechtigkeiten geärgert, uns unendlich in Events wie den Weihnachtsball oder die Volleyballnacht reingesteigert und versucht, die Welt zu verbessern. Die beiden Personen, die ich nicht aus den Augen verloren habe, können sich auch nicht mehr an die Klasse erinnern. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass wir drei Einzelgängerinnen waren. Oder dass wir ein besonders schlechtes Gedächtnis hätten. So viel Zeit ist auch noch nicht verstrichen. Aber es war eine Zeit voller Veränderungen. In den letzten 14 Jahren habe ich das Gymnasium besucht, war vier Jahre lang wieder mit einer anderen Klasse zusammen, ich habe ein Studium abgeschlossen, habe geheiratet und ein Kind bekommen, ich habe zweimal den Kanton gewechselt und habe in der  Berufswelt Fuss gefasst.

Natürlich hätte ich die Möglichkeit, vor besagtem Blind Date etwas zu spicken. Ich könnte Facebook durchstöbern, meine Poesiealben durchblättern. Aber ich lasse mich lieber überraschen. Und ich bin guten Mutes, dass mir, wenn es soweit ist,  der eine oder andere Name wieder einfällt.

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Autor: Annalisa
Hartmann

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