8848 Höhenmeter zurückgelegt

Mit dem Velo den Mount Everest «erklommen»

Silvan Gärtner fuhr mit seinem Fahrrad den Mount Everest hoch – zumindest symbolhaft. Das Mitglied der Winterthurer Velogemeinschaft «Hills Angels» absolvierte am Pfingstsonntag 8848 Höhenmeter. Dafür erklomm er in 11 Stunden und 27 Minuten 65-mal die Steigung Paradies bei Oberembrach.

von
Michael
Hotz
Uhr

Wie hoch ist der Mount Everest nochmal? Silvan Gärtner wird es sicher nie vergessen: 8848 Meter hoch. Der 41-jährige Dättliker absolvierte am Pfingstsonntag, 4. Juni, die Steigung Paradies zwischen Embrach und Oberembrach insgesamt 65-mal – alles mit dem Fahrrad. Der IT-Manager bei einem internationalen IT- und Beratungsunternehmen legte damit 180 Kilometer zurück und erklomm dabei eben 8848 Höhenmeter.

Die Highlights von Silvan Gärnters «Everesting» im Video (Quelle: Facebook):

Genannt wird das Ganze «Everesting». Man fährt mit dem Velo so oft einen Anstieg hoch, bis man die Anzahl Höhenmeter des höchsten Bergs der Welt erreicht hat. Für diese Parforce-Leistung benötigte Silvan Gärtner 11 Stunden und 27 Minuten. Damit schaffte er es in die Top 20 aller dokumentierten «Everestings», von denen es weltweit zurzeit knapp 2000 gibt.

Zweitschnellste Zeit eines Schweizer Velofahrers

Seine Zeit ist die schweizweit zweitbeste. Schneller war nur Silvan Gärtners Fahrradkollege Daniel Schmidheiny, der für sein «Everesting» 2016 an der Neftenbacher Steigung Hueb – unter Rennvelofahrern auch als «Alpe d’Hueb» bekannt – weniger als 10 Stunden brauchte.

Von Ultra-Cyclist Daniel Schmidheiny erfuhr der Dättliker auch das erste Mal vom «Everesting». An seinen eigenen Versuch tastete sich Silvan Gärtner am Pfingstsonntag 2016 heran, als er mit sechs Freunden ein «Matterhorning», also 4478 Höhenmeter, absolvierte. Daniel Schmidheiny stellte übrigens am selben Tag und Ort seinen Schweizer «Everesting»-Rekord auf.

Das Ziel nicht gross angekündigt

An Pfingsten in diesem Jahr machte sich Silvan Gärtner dann auf zur Steigung Paradies. «Das generelle Ziel war bloss, einfach etwas Fahrradfahren. Im Hinterkopf hatte ich aber das ‹Everesting›», berichtet Silvan Gärtner. Er habe sein Hauptziel nicht gross ankündigen und sich selber nicht zu sehr unter Druck setzen wollen. Schliesslich habe er nicht wissen können, ob er die Beine für 8848 Höhenmeter am Stück verfüge. Am Ende hat es Silvan Gärtner hingekriegt, Pedalen-Tritt für Pedalen-Tritt.

Silvan Gärnters Facebook-Post nach seinem «Everesting»:

Seine Fahrt beschreibt der Dättliker so: «Die ersten 2000 Höhenmeter waren relativ locker. Ich hatte viel Zeit, um über alles Mögliche nachzudenken und die Strecke zu geniessen. Ungefähr in der Hälfte habe ich gemerkt, dass ich es schaffen kann.» Er sei bei Strecken-Halbzeit vor der Entscheidung gestanden, entweder bei 5000 Höhenmetern aufzuhören oder es bis zum Ende durchzuziehen. Für etwas dazwischen habe ihm ein anderer Berg als Fixpunkt gefehlt. Zwar existieren viele Berge, die über 5000 Meter hoch sind, deren Namen kenne er aber nicht.

Die grösste Krise habe Silvan Gärtner zwischen 6000 und 7000 Höhenmetern gehabt. «Im Affekt dachte ich immer wieder: Jetzt steige ich ab. Es war sehr hart. Ich brachte kein Essen mehr herunter, Flüssigkeiten gingen gerade noch so», beschreibt der Hobby-Velofahrer seine damalige Gefühlswelt. Sein Körper reagierte also auf seine Überleistung, bei der er rund 7500 Kalorien verbrannte, was etwa 30 Hamburgern entspricht.

Wichtige Unterstützung von Familie und Freunden

Einen grossen Motivationsschub gab Silvan Gärtner die Unterstützung seiner Familie und Freunde. Vater, Frau,  Sohn und einige Kollegen kamen gegen Ende seines «Everesting»-Versuchs zum «Paradies», um ihn zu unterstützen. «Es bedeutet mir sehr viel, dass mein Vater dabei war», erzählt Silvan Gärtner. Der Druck von aussen, den er zu Beginn seines Unterfangens absichtlich nicht wollte, habe in auf der zweiten Hälfte der Strecke enorm gestützt.

Dieser schwere  Teil sei auch jener, an den sich Silvan Gärtner am liebsten erinnere. «Solche Krisen bleiben am längsten hängen. Den Anfang machte ich mit den Beinen, den zweiten Abschnitt mit dem Kopf», berichtet er. Dies sei auch einer der Gründe gewesen, weshalb er ein «Everesting» absolvieren wollte. «Das Ausreizen der persönlichen Grenzen, raus aus der Komfortzone zu kommen. Das war mein Ansporn», so der 41-Jährige. Es sei ein schönes Gefühl, sozusagen den höchsten Punkt der Erde erreicht zu haben.

Offene Velogemeinschaft aus Winterthur

Solche «spezielle, auch etwas verrückte Aktionen», wie Silvan Gärtner selber sagt, seien typisch für ihn und für die «Hills Angels», ein Jedermann-Cycling-Team aus Winterthur. Der Dättliker beschreibt sein Velo-Team, das es seit 2016 gibt, so: «Wir sind kein Verein, sondern eine offene Velogemeinschaft. Bei uns muss man nichts und wird zu nichts verpflichtet, vielmehr zählt nur die Eigenmotivation.»

Die «Hills Angels» stechen mit ihren pinken Trikos heraus:

Deshalb existieren bei den «Hills Angels» keine fixe Strukturen und Termine. Ausflüge und Teilnahmen an Volksrennen werden spontan über eine Whatsapp-Gruppe oder über Facebook organisiert. Das Kernteam besteht zurzeit aus 12 Mitgliedern aus der Region Winterthur. In der ganzen Schweiz sind es rund 50 Community-Angehörige.

Das Ziel der «Hills Angels» ist, Junge für Velorennen zu motivieren. Dabei stünde nie die Endzeit oder ein spezieller Rang im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erlebnis. «Jeder bringt Leistungen auf seinem Level», sagt Silvan Gärtner dazu. Zur Winterthurer Velogemeinschaft gehören aber auch verrücktere Sachen wie Ausflüge über 250 Kilometer, Teilnahmen an der Tortour (eintägiges Non-Stop-Radrennen um die Schweiz) und an Mallorca 312 (312 Kilometer langes Rennen auf der Balearischen Hauptinsel). Oder eben das «Everesting».

«Cool Buddies mit alternativem Touch»

Über solche unorthodoxen Aktionen definieren sich die «Hills Angels». Sie sehen sich als Gruppe von «coolen Buddies mit alternativem Touch». Der Zusammenschluss von Individualisten sei für Silvan Gärtner ein Gegenentwurf zu den  «Möchtegern-Profiteams» im Volksradsport. Ein Zufluchtsort für kreative, leidenschaftliche Velofahrer, die sich in festgefahrenen Strukturen der traditonellen Vereinen nicht wieder finden.

Zu dieser Art Mensch zählt sich auch Silvan Gärtner. Zehn Jahre seines Lebens war er in einer Grunge-Band aktiv und lebte den Lebensstil dieser Musikrichtung. Heutzutage ist er auf eine andere Weise kreativ. «Als IT-Manager ist es meine Aufgabe, IT-Dienstleistungen für einen eigentlich gesättigten Markt zu entwickeln. Das ist auch eine Kunst», sagt Silvan Gärtner halb witzig, halb ernst.

Unterwegs in pinken Trikots

Passend zu ihrem Lifestyle kleiden sich die «Hills Angels» in pinken Trikots, auf denen das Logo von Vivi Kola prangert. Also auch ein passender Sponsor. Die Schweizer Cola-Marke aus Eglisau sei hierzulande mit vielen Emotionen verbunden. Silvan Gärtner erklärt: «Vor allem ältere Menschen kennen Vivi Kola noch aus ihrer Kindheit. Einigen ist die Marke auch als Sponsor der Tour de Suisse in den 50er-Jahren ein Begriff.» Auch die finanzielle Unterstützer sollen ins Gesamtkonzept der «Hills Angels» passen, speziell und anders zu sein.

Mit seinem pinken Trikot ist Silvan Gärtner immer wieder auf Winterthurer Strassen anzutreffen. Pro Jahr legt er rund 12‘000 Kilometer auf seinem Rennvelo zurück. Wer Lust habe, dürfe sich ihm dabei gerne anschliessen.

Autor: Michael
Hotz

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