Lauflektion in Uster

Greifenseelauf en miniature

Am Freitag trafen zwei fünfte Klassen der Schule Pünt Uster den Kurz -und Mittelstreckenläufer Simon Tesfay zu einer Lauflektion. Vordergründig ging es um Spass und Freude an der Bewegung, doch für die Kinder steckte weit mehr dahinter.

von
David
Marti
Uhr

Kurz vor 14 Uhr auf dem Sportplatz der Schule Pünt. Der Platz ist in saftiges Grün getaucht, vier Zentimeter hohe, noch stramme Halme. Hier findet heute ein wichtiges Rennen statt. Nachwuchs gegen Elite, dazu später mehr.
Ich treffe Simon Tesfay. Heute Nachmittag gibt er zwei Primarklassen der fünften Stufe eine Lauflektion. Er, der letztes Jahr den Greifenseelauf gewonnen hat. Das beeindruckt die Kinder. Die Klassenlehrerinnen Irene Bayer und Cornelia Sumi: « Die Kinder waren schon den ganzen Morgen nervös.»

Noch sind keine Kinder zugegen. Tesfay hat Gelegenheit sich mit Alexandra Frick, Leiterin Sportförderung und Annatina Poltera, Leistungsgruppenleiterin Sportanlagen und Sportförderung zu unterhalten. Die holprige Berufsbezeichnung täuscht über das eigentliche Ziel von Poltera und Frick hinweg: «Die Kinder sollen Freude an der Bewegung haben oder bekommen. Wir wollen ihnen zeigen was für Möglichkeiten der Sport bietet.»

Plötzlich sprengen wie eine aufgerissene Packung Konfetti, Kinder mit viel Geschrei auf die Pünt-Wiese. Sie rennen, sie rufen, sie springen, sie bremsen. Eines der Kinder entdeckt die Autogrammkarten von Simon Tesfay und greift danach, viele tun es ihm gleich. Zuerst bitten Sie zaghaft nach einem Autogramm, dann immer forscher. Und schon bald sind viele grosse Smartphones in kleinen Händen, schiessen Selfies mit Simon, machen Einzelaufnahmen und Gruppenfotos.

Die Zurückhaltung der Kinder ist verflogen

Der 11-jährige Nikola hat Simon Tesfays Autogramm auf dem Nacken und auf dem Turnschuh. «Ich werde mich weiterhin waschen, deshalb habe ich ja noch eins auf dem Schuh.» Fussballfan Erijon hat ein Simon-Tesfay-Autogramm auf seinem Bayern-München-James-Rodriguez-Shirt. Er spielt selber Fussball und weiss, wie wichtig die Laufarbeit ist.
Elisheva, eine 11-Jährige Fussballerin hat selber als Kleine am Greifenseelauf mitgemacht. Severin hat früher Unihockey gespielt und freut sich riesig auf das Training mit Simon Tesfay. Jay ist etwas nervös ihn zu treffen, aber auch er erwartet viel Spass und meint: «Ist sicher besser als Xbox spielen.»

Pünktlich um 14 Uhr pfeift Alexandra Frick die Kinder zu sich. Der Nachmittag soll mit dem Fangspiel beginnen «Wer hat Angst vorm weissen Hai?». Lautstarke Begeisterung. Frick hat im Vorfeld erklärt, dass sie so auch die Nervosität der Kinder abbauen will. Und Spass macht’s ihnen auch. Die Kinder rennen und nur die Mutigsten versuchen Tesfay zu fangen.
Sport ist aber nicht nur Spiel, sondern auch Training. Trainer Tesfay betreut alle Kinder auf einmal. Der Lärmpegel sinkt. Dehnen, Lockerungsübungen, rechtes Bein hoch, Schritt vor, linkes Bein hoch. Simon macht es vor, kontrolliert und instruiert. Um die Kinder dazu zu bringen, gesittet hinter der Startlinie zu stehen, braucht es allerdings Alexandra Fricks Hilfe.

Auf die Plätze…

...fertig, los!

 

Der «prestigeträchtige» Pünt-Lauf steht an. Es gilt einen Greifenseelaufstar zu schlagen. Nicht offiziell, aber gleich nach Achtung-Fertig-Los wird klar: Geschenkt wird Tesfay heute nichts. Es gilt zwei Runden um den Pünt-Rasen zu laufen. Die Ambitionierten ziehen gleich vorneweg. Tesfay scheint Mühe zu haben das Tempo mitzugehen. Ab der zweiten Runde muss er abreissen lassen. Charlie gewinnt und steht für das Siegerinterview zur Verfügung.

Charlie, gratuliere zum ersten Platz. Wie fühlst du dich?

Ich fühle mich gut.

Was bedeutet dir der Sieg?

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung. Es ist toll so viele andere Läufer geschlagen zu haben. Von Simon Tesfay wusste ich ja, dass er schnell ist. Bei den Junioren des FC Uster spiele ich im Sturm. Dort ist es ein Vorteil, schnell zu sein.

Für Geheimfavorit Severin hat es nicht ganz gereicht. «Ich habe etwas ausprobiert. Versucht die Kräfte einzuteilen, konnte aber am Schluss nicht durchziehen.»
Simon Tesfay war weit weg von einem Podestplatz. Auf die Frage woran es gelegen habe, antwortet er schmunzelnd: «Die Kinder waren zu schnell. Das Tempo war heute hoch. Vielleicht kann ich nächstes Jahr mithalten.»
Dann fügt er ernst an: «Es hat Spass gemacht. Die Kinder sind sehr interessiert und hochmotiviert. Sie haben sich sehr professionell verhalten, sehr beeindruckend. Ich habe viele Kinder ermuntert mit dem Laufen weiterzumachen.»

Simon Tesfays dunkle Vergangenheit

Simon Tesfay erzählt wie er in seiner Kindheit in Eritrea kein motivierter Läufer war. Gelaufen sei er, um seine Schulnoten aufzubessern. Er habe früher geraucht und getrunken, sei mit den falschen Leuten unterwegs gewesen. Die Beziehung zum Sport sei langsam gewachsen. Als er aber seine ersten Rennen bestritt, war er ohne Vorbereitung gleich vorne mit dabei. Mit dem Sport bekam er die Fitness und auch in der Schule stellte sich der Erfolg ein.
Tesfay betont den grossen Unterschied zwischen dem Lauftraining in Eritrea und demjenigen in Uster. «In Eritrea läufst du einfach und versuchst durchzukommen. Im Spital Uster kann ich bei einer Verletzung  die Möglichkeiten der Sportmedizin nutzen.»  

Neugierige Schüler

Im letzten Teil der Veranstaltung «Greifenseelauf-Star in der Schule» haben die Kinder die Gelegenheit Simon Tesfay Fragen zu stellen. Während der Fragerunde lacht Tesfay viel, klatscht sich gelegentlich mit Kindern ab, und diese stöhnen genervt, wenn eine Frage schon einmal gestellt wurde:

  • Sie, wie gross sind Sie? (1.92 m)
  • Sie, woher kommen Sie? (Eritrea)
  • Sie, machen sie ein Rennen mit mir? (Vielleicht später)
  • Sie, wie alt sind sie? (32 Jahre alt)
  • Wie viele Medaillen haben Sie? (Weiss ich nicht)
  • Sie, wie viel Geld verdienen Sie, wenn Sie gewinnen? (Das ist sehr unterschiedlich, es gibt meist nicht so viel)
  • Was ist Ihre Rekordzeit? (Im Halbmarathon 1:01:00)
  • Sie, welche Sprache spricht man in Eritrea? (Tigrinya)
  • Sie, was ist ihr Lieblingsessen? (Lasagne)
  • Was essen Sie vor dem Einlaufen? (Teigwaren)

Mit einem Gruppenfoto wird «Greifenseelauf-Star in der Schule» beendet. Eine Wiederholung sei durchaus erwünscht meint Annatina Poltera. Das hänge aber auch vom Interesse der Schulen ab. Die Klassenlehrerinnen der fünften Klassen zeigen sich erfreut von dem Anlass. Cornelia Sumi sagt: «Der Zeitpunkt des Anlasses so kurz vor dem Greifenseelauf ist ideal, um die Kinder auf den Sport aufmerksam zu machen.»
Die andere Klassenlehrerin, Irene Bayer, bemängelt: «Eigentlich hätte ich gedacht, dass Simon die ganze Zeit Sport mit den Kindern macht, doch er wurde zeitweise ein bisschen viel von den Medien beschlagnahmt.» Ich mache mich über die mittlerweile gekrümmten Grashalme der Püntwiese von dannen.

Autor: David
Marti

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