Auf frischer Fahrt ertappt

Abgastests der Dübendorfer Empa sind beunruhigend

Ab Oktober müssen neu auf den Markt kommende Diesel-Autos strengeren Abgasnormen entsprechen als bislang. Das neue Zulassungsverfahren verlangt Messfahrten im echten Strassenverkehr. Die Empa – mit Sitz in Dübendorf – hat einige aktuelle Modelle schon jetzt mit der neuen Methode gemessen. Die Ergebnisse sind beunruhigend.

Uhr

ETH und Empa entwickelten zusammen ein neuartiges Erdgasauto. (Archivbild: zvg)

Mittlerweile ist klar: Die Zulassungsvorschriften für Personenwagen (Pw) in der EU und in der Schweiz haben mit den realen Abgasemissionen der Autos im Strassenverkehr wenig zu tun. Die «echten» Abgasemissionen werden daher in gesonderten Studien ermittelt.

Die Empa misst im Auftrag des Bundes etwa ein Dutzend Fahrzeuge jährlich detailliert aus. Sie werden von zufällig ausgewählten Privatpersonen gegen ein kleines Entgelt zur Verfügung gestellt. Die Daten landen in der europäischen Datenbank HBEFA (Handbook Emission Factors for Road Transport).

Hohe Stickoxid-Emissionen

Was bei den Messungen passieren kann, zeigte sich im Januar dieses Jahres: Der Testkandidat, ein Renault Mégane Diesel des Modelljahres 2016, zeigte bereits auf dem Empa-Prüfstand hohe Stickoxid-Emissionen. Später, beim sogenannten RDE-Test (Real-Driving-Emissions) auf der Strasse, wurden bis 1300 mg Stickoxide pro Kilometer am Auspuff gemessen. Das heisst, dieses aktuelle Euro-6-Fahrzeug emittiert in etwa gleich viel wie ein 10 bis 15 Jahre alter Diesel. Neue Fahrzeugmodelle dürfen ab Oktober 2017 dagegen nur noch 170 mg/km ausstossen.

Die Abgasreinigung bei Dieseln und Benzinern kommt im realen Fahrverhalten an ihre Grenzen – doch genau hier hat der Gesetzgeber bislang weggeschaut. Was aber kommt wirklich aus dem Auspuff? Und wie viel davon genau? Die Empa hat nachgemessen.

Von Autojournalisten preisgekrönt

Noch ein Jahr zuvor war der Renault Mégane von europäischen Autojournalisten zum «Car of the Year» gekrönt worden. Wie ist es möglich, dass ein modernes Fahrzeug auf der Strasse so hohe Emissionen aufweist? Ein Problem seien die bisherigen Abgasvorschriften, schreibt die Empa. Unrealistische Bestimmungen der Leergewichte und Fahrwiderstände sowie vorgegebene, hochtourige Schaltpunkte, die nichts mit der Realität zu tun haben, würden diese Vorschriften nämlich prägen.

Bei Renault Mégane schaltete sich bei der Messfahrt im letzten Januar offenbar die Abgasrückführung ab, vielleicht, weil die Aussentemperatur unterhalb der Minimaltemperatur für den Labortest lag. Auch andere Hersteller müssen die Motoren ihrer Fahrzeuge «schonen» und schalten daher die Abgasreinigung ab, wenn der Motor ausserhalb des Prüfstandzyklus genutzt wird. Dies ist nach EU-Emissionsverordnung 715/2007/EG legal.

Die Abschaltung geschieht zum Beispiel bei Audi und Fiat nach 22 Minuten, wie das «Handelsblatt» berichtete (der Prüfstandzyklus dauert 20 Minuten), bei Daimler unter 10 Grad Celsius, bei Opel sogar schon unter 17 Grad, wie ebenfalls das «Handelsblatt» berichtete (der Prüfstandzyklus verlangt Temperaturen über 20 Grad). Opel fährt zudem bei einem Luftdruck unter 915 Millibar die Abgasreinigung zurück, wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» berichtete. Die Abschaltung geschieht also oberhalb von 850 Metern über Meer (das höchste Prüflabor Europas liegt bei Madrid auf 700 Meter).

Im Februar 2017 haben sich Opel, Daimler und VW zu einem freiwilligen Rückruf von europaweit rund 500'000 Fahrzeugen bereit erklärt, um deren Abgasreinigungs-Software nachzubessern, obwohl sie legal war.

Abgasreinigungssysteme verbessern

Damit Abgasreinigungssysteme auch bei niedrigen Temperaturen und sonstigen widrigen Umständen dauernd im Einsatz sein können, müssen sie technisch im Detail verstanden, richtig ausgelegt und darüber hinaus optimal betrieben werden. Die Empa leiste mit einem Hochtemperatur-Strömungslabor einige Beiträge, indem beispielsweise das Einspritzverhalten von AdBlue, einer wässrigen Harnstofflösung, die bei neuen Dieselfahrzeugen ins Abgas eingespritzt wird, im Detail untersucht wird, erklärt das Unternehmen.

Zurück auf die Strasse. Bei den Abgasuntersuchungen der Empa fahren die Spezialisten der Abteilung Fahrzeugantriebssysteme eine definierte Strecke von Dübendorf aus um den Greifensee herum und zurück auf der Autobahn von Uster über das Brüttiseller Kreuz. Dabei werden die NOx-Emissionen im Fahrzeug von einem sogenannten PEMS (Portables Emissionsmess-System) aufgezeichnet.

Der Mégane ist nicht allein

Drei neue Dieselfahrzeuge der unteren Mittelklasse mit aktuellem Abgasstandard Euro 6b hat die Empa bereits nach dem neuen RDE-Verfahren untersucht: einen Opel Astra 1.6 CDTI, einen Ford S-MAX 2.0 TDCi und den Renault Mégane Grandtour 1.5dCi. Bei allen lag der NOx-Ausstoss in jeder Phase der Fahrt zwischen 600 und 1400 mg/km; Abgasuntersuchungen anderer Labors zeigen ein ähnliches Bild. Der Renault Mégane ist also nicht allein.

Wer heute schon sauberer fahren möchte, als es das Gesetz verlangt, könne das tun, schreibt die Empa zum Abschluss: Entweder frage man bereits jetzt beim Kauf eines Neuwagens, ob er Euro 6c entspreche, oder man kaufe ein Erdgasfahrzeug. Das ebenfalls vermessene Gasfahrzeug war mit NOx-Emissionen von durchwegs unter 10 mg/km 60- bis 140-mal sauberer unterwegs als die gemessenen Dieselfahrzeuge. (eka)

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare können nur von registrierten Benutzern erfasst werden. Gehe zur Registrierung.

© Züriost 2017 Alle Rechte vorbehalten