IG-Tösstallinie kritisiert SBB und ZVV

«Pendler und Gemeinden wurden getäuscht»

Weil der Bahnhof Tann-Dürnten noch nicht ausgebaut werden kann, kommt der Halbstundentakt der S26 erst ein Jahr später. Ralf Wiedenmann, Präsident der IG-Tösstallinie, macht der SBB und dem ZVV Vorwürfe. Auch die betroffenen Gemeinden sind enttäuscht.

von
Tanja
Bircher
Uhr

Im Rahmen der vierten Teilergänzung der Zürcher S-Bahn sollten bis 2018 die Bahnhöfe Sennhof-Kyburg, Saland und Tann-Dürnten mit einem zweiten Gleis versehen werden. Doch der Ausbau am Bahnhof Tann-Dürnten verzögert sich aufgrund der Einsprache eines Grundeigentümers. Der Halbstundentakt zwischen Bauma und Rüti muss warten. 

Davon ist vor allem eine Gemeinde betroffen: Fischenthal. Gleich drei Haltestellen auf Gemeindegebiet liegen auf der S-Bahn-Strecke zwischen Bauma und Rüti. Seit Jahren freut sich die Bevölkerung deshalb auf die Änderung im Fahrplan. Nun wird wegen einer Einsprache vorerst nichts daraus, wie die SBB Ende August mitteilte (siehe Box). Der Fischenthaler Gemeinderat behandelt die Verzögerung als Geschäft an der heutigen Sitzung. «Danach geben wir unsere Vorgehensweise bekannt», sagt Gemeindeschreiber Roman Zogg. Um Rekurs einzureichen, reiche es noch.

«Sie haben kein Sterbenswörtchen über die Verzögerung verlauten lassen»
Ralf Wiedenmann, Präsident der IG-Tösstallinie

Dass Fischenthal einen Rekurs prüft, findet Ralf Wiedenmann, Präsident der IG-Tösstallinlinie, richtig. Er würde dassselbe tun. «Uns wurde vor Jahren ein Versprechen gemacht – dieses haben SBB und ZVV nun ohne Vorankündigung gebrochen. Die Pendler und Gemeinden sind von den Bahnunternehmen getäuscht worden.»  

Durch das Verhalten von SBB und ZVV sei man vor vollendete Tatsachen gestellt worden, sagt Wiedenmann. «Während der Vernehmlassungsphase zum Fahrplan ab 2019 haben sie kein Sterbenswörtchen über die Verzögerung verlauten lassen.» Somit hätten weder Bevölkerung noch Gemeinden ein Ersatzkonzept für den Halbstundentakt fordern können. Ferner sei weder an den Regionalen Verkehrskonferenzen darüber abgestimmt worden, noch habe der Verkehrsrat darüber entschieden. «SBB und ZVV haben es versäumt, rechtzeitig zu informieren – das ist unprofessionell.»

«Ich finde es auch störend»

Es sei in der Tat etwas spät breiter informiert worden, bestätigt auch Urs Schaffer von Pro Bahn Schweiz Sektion Zürich. Er verstehe die Enttäuschung der Pendler und Gemeinden vollkommen. «Ich finde es auch störend.» Er glaube, dass in der ganzen Planungsangelegenheit die Betroffenen zu wenig miteinbezogen worden seien. «Bezüglich der Einigungsverhandlungen hat die SBB aber nicht früher informieren können, da zu vieles noch unklar war.» Dass auf ein Ersatzkonzept verzichtet wurde, mache Sinn: Eine halbwegs gute Verkehrsführung sei aus topografischen Gründen nicht möglich. «Ausserdem würde ein zusätzlicher Bus die bereits bestehende Linie 885 Rapperswil-Rüti-Wald-Laupen verdoppeln.»

Nicht nur in Fischenthal, auch in den anderen Gemeinden ist Unmut zu spüren. Die Gemeinde Wald sei «enttäuscht, aber gefasst», sagt Gemeindeschreiber Martin Süss. Die SBB habe es leider verpasst, frühzeitig die Weichen zu stellen. «Noch vor sechs Monaten hiess es: alles nach Plan.» Seit 2010 werde dieses Projekt vorbereitet. Einige Bürger hätten sich denn auch über die Verzögerung beschwert. «Wir stehen zwar recht intensiv mit den Bahnunternehmen in Kontakt, vor allem wegen der Bahnhofplanung – zum Halbstundentakt aber leider nur sehr beschränkt.» Die SBB sei jetzt in der Pflicht, ein Ersatzkonzept zu erarbeiten. 

Vorarbeiten wurden fristgerecht umgesetzt

Auch die Gemeinde Dürnten ist  ob der Verzögerung «überrascht», sagt Gemeindeschreiber Daniel Bosshard. «Wir haben in Zusammenhang mit dem Bauvorhaben der SBB Kanalisationen und Werkleitungen tiefergelegt. Diese wichtigen Vorarbeiten konnten fristgerecht umgesetzt werden.» Das Projekt habe aber komplexe Zusammenhänge. Unvorhergesehene Ereignisse während den Planungs- und Bauprozessen könnten zu Unterbrüchen führen. «Diesen Umständen entsprechend hat die SBB rechtzeitig und fair informiert.» 

In Rüti hält sich die Aufregung in Grenzen. Die Anzahl Pendler aus dem Tösstal nach Rüti sei im Vergleich mit den sehr grossen Pendlerströmen aus Rüti untergeordnet, sagt Martin Hollenstein, Leiter Sicherheit und Umwelt. Bis Wald sei die gute Anbindung mit der VZO bereits gesichert. «Der Halbstundentakt nach Bauma ist ja aufgegleist und wird von Rüti selbstverständlich unterstützt. Wir erwarten, dass die SBB aber alles daran setzt, ihn spätestens auf Ende 2019 einzuführen.»

Das sagen die SBB und der ZVV zu den Vorwürfen

Kommunikation:
Den Vorwurf, sie hätten zu spät über die Verzögerung im Halbstundentakt kommuniziert, weisen die Bahnunternehmen SBB und ZVV von sich. «Sobald die Verschiebung definitiv war, haben wir die Öffentlichkeit informiert», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Zuerst habe man die Gemeinden aufgeklärt, dann die Medien.

Einigungsverhandlungen:
Zu den Hintergründen der Einigungsverhandlungen mit dem Grundeigentümer könnten aufgrund des laufenden Verfahrens keine Angaben gemacht werden.  

Ersatzkonzept:
Ein Ersatzkonzept stand und steht auch jetzt laut ZVV-Sprecher Stefan Kaufmann nicht zur Diskussion. Zwar treffe es zu, dass der Halbstundentakt auf der Schiene ursprünglich für Ende 2018 vorgesehen gewesen sei. «Aufgrund der erwähnten Umstände verschiebt sich der Angebotsausbau nun leider.» Ein alternativer Halbstundentakt auf der Strasse sei jedoch nie geplant gewesen Verzögerung nie auszuschliessen.

Entschädigung:
«Ob gewisse Personen aufgrund der verspäteten Einführung des Halbstundentakts zwischen Bauma und Rüti allenfalls ein Anrecht auf Entschädigung haben, können wir nicht abschliessend beurteilen», so Kaufmann. Prima vista sei aber nicht ersichtlich, wie ein solches Anrecht begründet werden könnte. Der Halbstundentakt auf der S26 komme bis Bauma bereits ab Ende 2018, auf dem Abschnitt zwischen Tann-Dürnten und Rüti einfach später. «Der Zugang zur S-Bahn im Speziellen und zum öffentlichen Verkehr im Allgemeinen ist im Tösstal respektive zwischen Bauma und Rüti aber weiterhin gegeben.» 

Verzögerung:
Beiden Bahnunternehmen ist es ein Anliegen, in diesem Zusammenhang etwas klarzustellen: Alle Fahrplanänderungen, bei denen zwingend bauliche Massnahmen erforderlich seien, stünden unter dem Vorbehalt, dass das geplante Angebot erst eingeführt werden könne, wenn die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stehe. «So verhält es sich auch beim Angebotsausbau zwischen Tann-Dürnten und Rüti», sagt ZVV-Sprecher Kaufmann. Sowieso seien Verzögerungen bei Bauprojekten grundsätzlich nie auszuschliessen.

Autor: Tanja
Bircher

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